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Wochenkolumne zu Demokratie und Attacke gegen Merchweiler Ortsvorsteher

Kolumne Unsere Woche : Denn sie wissen nicht, was sie haben

Die Demokratie, in der wir leben, ist sicher nicht vom Himmel gefallen. Sie hat ihre Defizite, Mängel, Ungerechtigkeiten und Schwächen. Es gibt so einiges, was die Bürgerinnen und Bürger als ungerecht oder unverständlich empfinden.

Dennoch läuft der Laden halbwegs. Ob ein Leben in Russland, China, Saudi-Arabien, Venezuela oder Chile erstrebenswerter wäre, dürften die allermeisten verneinen. Und doch muss sich diese Demokratie zunehmender Anfeindungen und Grenzüberschreitungen erwehren. Das gilt für den Bundestag in Berlin, wo AfD-Gäste Parlamentarier am Mittwoch beschimpften und bedrängten, wie berichtet wird. Das gilt genauso für die kleine Kommune Merchweiler im Kreis Neunkirchen. Unbekannte hatten den Ortsvorsteher vor wenigen Tagen in der Dämmerung in einer für ihn bedrohlichen Art und Weise vor der eigenen Haustür angegangen. Eine Situation, die ihm im Telefon-Interview auch Tage später noch hörbar zu schaffen machte.

Es ist niederschmetternd, wenn ein Mensch, der viel Zeit und Energie fürs Allgemeinwohl opfert, spürbar angeschlagen ist nach solch einer feigen Attacke. Abschätzige Stimmen würden fragen, was denn so ein Ortsvorsteher in einer kleinen Gemeinde überhaupt leistet.  Ihnen wird jede Ahnung fehlen, wie viele Termine hinter dem Job stehen. Wie viele Gespräche, wie viel Kleinkram, den andere schlicht nicht machen wollen. Sie haben keine Idee davon, dass diese Basis-Ebene der Demokratie zwar nur wenige eigenständige Entscheidungen trifft, aber dennoch sozusagen den Kitt des Gesamtgefüges darstellen. Wirre Köpfe gab und wird es immer geben. Damit muss die Gesellschaft leben. Eine demokratische versucht dies möglichst offen, versucht im Ringen um den richtigen Weg argumentativ begründet zu einer mehrheitlichen Entscheidung zu gelangen. Einschüchterung, Bedrohung, Diffamierung sind ein Gift derer, denen die Freiheit der Demokratie zu luftig unter die Jacke fährt oder die einfach nicht in der Lage oder willens sind zu sehen, wie gut es ihnen letztlich geht. Merchweilers Ortsvorsteher Hans Werner Becker hat unter dem Eindruck des Einschüchterungsversuches, offensichtlich auf den geplanten Bau einer Seniorenresidenz am Merchweiler Ortsausgang bezogen, gesagt, er wolle die Flinte nicht ins Korn werfen und Ortsvorsteher bleiben.  Das ist ein gutes Zeichen.