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Fußball
„Wir platzen aus allen Nähten“

Auf unserem Archivbild ist Helmut Berg gerade als Trainer des FC Hertha unterwegs. Inzwischen ist er Präsident des Fußball-Oberligisten.
Auf unserem Archivbild ist Helmut Berg gerade als Trainer des FC Hertha unterwegs. Inzwischen ist er Präsident des Fußball-Oberligisten. FOTO: Andreas Schlichter
Helmut Berg ist ein Wiesbacher Urgestein und Präsident des ortsansässigen Fußball-Oberligisten. Von Mirko Reuther

Herr Berg, vor etwas mehr als drei Monaten sind Sie beim FC Hertha Wiesbach einstimmig zum Präsidenten gewählt worden. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?


Helmut Berg: Die Arbeit mit dem gesamten Vorstandsteam und dem Aufsichtsrat klappt hervorragend. Die Zusammenarbeit ist geprägt von Vertrauen und Kameradschaft. Den Weg, den wir beschreiten wollen, kann man nur gemeinsam gehen. Wir haben den Vorstand auf der Mitgliederversammlung im September neu aufgestellt und verjüngt. Ich sehe uns auf Jahre sehr gut aufgestellt.

Was hat sich für Sie persönlich geändert?



Berg: Es ist ein bisschen stressiger geworden. Im sportlichen Bereich teile ich mir die Aufgaben mit meinem Sohn Benni. Ich bin aber nach wie vor für die Oberligamannschaft verantwortlich. Dazu kommen unter anderem Organisation, Planung und Verhandlungen mit Sponsoren. Da fällt in einem Verein, der im Saarland mittlerweile zu den Top 5 oder Top 6 gehört, einiges an. Aber ich mache die Arbeit gerne und bekomme viel Rückendeckung.

Sie waren beim FC Hertha Spieler, Trainer, sportlicher Leiter und nun Präsident. Welche Rolle nimmt der Verein in Ihrem Leben ein?

Berg: Ich bin Vereinsmitglied seit ich ein kleiner Junge war, habe alle Jugendmannschaften durchlaufen und in der 1. Mannschaft gespielt. Danach habe ich so ziemlich alles gemacht, was man in einem Verein machen kann. Natürlich ist das eine besondere Beziehung.

Im Winter 2015 haben Sie beim FC Hertha zum vierten und letzten Mal das Traineramt übernommen und die Mannschaft bis zum Saisonende aus dem Tabellenkeller auf Rang fünf geführt. Warum haben Sie aufgehört?

Berg: Das ist mir nicht leicht gefallen. Es war mir aber wichtig, auf einem Höhepunkt aufzuhören. Und mich nicht so lange an das Amt zu klammern, bis die Leute sagen: Wird Zeit, dass er Schluss macht. Jetzt kann ich dem Verein in anderer Funktion helfen.

Wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen Saison, die die Mannschaft spielt?

Berg: Unser Saisonziel lautete Platz fünf bis neun. Wir liegen auf Rang sechs und sind damit absolut im Soll. Die vier starken Absteiger stehen in der Tabelle ganz vorne. Wir hatten vor dem Winter eine Schwächephase. Aber man darf nicht vergessen, dass wir hinter dem 1. FC Kaiserslautern II die jüngste Mannschaft der Liga haben.

Trotz neun sieglosen Partien in Folge hat das Umfeld die Ruhe bewahrt. Ist das eine Selbstverständlichkeit?

Berg: Für uns schon. Wir haben uns nicht verrückt machen lassen und waren total davon überzeugt, dass die Mannschaft und Trainer Michael Petry die Wende schafften.

Der Vertrag mit Michael Petry wurde jüngst bis 2020 verlängert. Was zeichnet ihn aus?

Berg: Michael war Profifußballer. Er lebt den Fußball und spricht die Sprache der Spieler. Er führt die Mannschaft geradlinig und kann die Jungs taktisch und technisch weiterentwickeln. Gerade die jungen Spieler lernen extrem viel von ihm. Er trägt die Philosophie des Vereins voll mit. Deshalb war es uns ein Anliegen, den Vertrag mit ihm frühzeitig und langfristig zu verlängern.

Die Schwächephase vor der Winterpause war auch auf den kleinen Kader zurückzuführen. Hat man die Belastung in der Oberliga, in der 19 Vereine an den Start gehen, unterschätzt?

Berg: Nein, das haben wir nicht. Wir wussten um das Risiko. Aber wir haben uns vor der Saison einen finanzielle Rahmen gesetzt. Den wollten wir einhalten. Dazu kam viel Verletzungspech. Für die kommende Runde werden wir den Kader aber etwas verbreitern.

Auf welche Spieler zielt man dabei ab?

Berg: Jung und entwicklungsfähig. Einen fertigen Spieler Anfang 30, der gewisse Gehaltsansprüche hat, werden wir nicht verpflichten.

Wie ist es um die Jugendarbeit im Verein bestellt?

Berg: Die Jugendarbeit hat leider viele Jahre brach gelegen. Die Prowin-Jugendakademie, die wir vor knapp drei Jahren gegründet haben, kommt aber gerade so richtig ins Rollen. Da sind unheimlich viele junge Spieler mit Qualität dabei. Die A- und B-Jugend spielen in ihren Klassen um den Aufstieg. Zusammen mit unserem Kooperationspartner SV Habach stellen wir 180 Jugendspieler und zwölf Trainer. In Zukunft werden es wohl noch mehr. Jugendarbeit geht aber nicht mit Gewalt. Wir üben keinen Druck aus, sondern planen langfristig.

Und die Infrastruktur?

Berg: Letztes Jahr wurden die Kabinen erneuert. Im Moment planen wir einen Anbau an das Klubheim. Wir brauchen dringend neue Funktionsräume. Aktuell spielen und trainieren von der AH bis zur Jugend Woche für Woche 220 Spieler im Prowinstadion. Wir platzen sozusagen aus allen Nähten.

Der FC Hertha Wiesbach bezeichnet sich selbst als Dorfverein. Ist der Spagat zwischen Professionalisierung auf der einen und Dorfverein bleiben auf der anderen Seite eine Herausforderung?

Berg: Nein, das schließt sich ja nicht aus. Wir haben klare Grundsätze, die wir befolgen. Wir machen keine verrückten Sachen. Damit können sich auch die Mitglieder und Zuschauer identifizieren.

Keine verrückten Sachen machen – das bedeutet auch, dass die Regionalliga für den Verein weiterhin kein Thema ist?

Berg: Man soll niemals nie sagen. Aber aktuell verschwenden wir daran ehrlich keinen Gedanken. Dazu müssten etliche Baumaßnahmen in Angriff genommen werden. Unter anderem neue Parkplätze. Man hat in den vergangenen Jahren gesehen: Ein sportlicher Aufstieg kann einen Verein ruinieren. Wir werden hier keinen Scherbenhaufen hinterlassen, nur um mal ein Jahr in der Regionalliga gespielt zu haben.