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Wie Versetzungen am Ottweiler Gymnasium im zweiten Jahr mit Corona laufen

Schulen im Kreis Neunkirchen : Eine Runde weiter – oder besser wiederholen?

Lehrer beschäftigen sich aktuell intensiv mit der Versetzungsfähigkeit ihrer Schüler. Wir haben mit dem Leiter des Ottweiler Gymnasiums gesprochen.

Mal in der Schule präsent, dann wieder zuhause, Maskenpflicht und Coronatests, hü und hott … die letzten Monate waren für Schüler so turbulent wie lernunfreundlich. Trotzdem müssen ihre Lehrer am Ende des Schuljahres entscheiden, ob jede und jeder einzelne versetzt werden kann oder nicht. Denn anders als im vergangenen Schuljahr gibt es diesmal keine automatische Versetzung. Wobei das Bildungsministerium ausdrücklich auf flexible Lösungen setzt. So werde für versetzungsgefährdete Schüler eine individuelle Betrachtung möglich sein, ob diese in die nächsthöhere Klassenstufe übergehen oder ob eine Wiederholung sinnvoll ist.

„Ich erachte diese Vorgehensweise als absolut notwendig“, erklärt Mark Hubertus, Leiter des Gymnasiums Ottweiler. „Wir haben die Entscheidung des Ministeriums, eine Versetzungsentscheidung treffen zu können, sehr begrüßt.“ Allerdings kam das diesbezügliche Rundschreiben reichlich spät. Gern hätte man die für die geforderte Lernstandsdiagnostik in Aussicht gestellten digitalen Werkzeuge schon jetzt an den Schulen gehabt. Auf der Grundlage dieser Diagnosen sollen individuelle Förderpläne für die Kinder erstellt werden, um Lerndefiziten zu begegnen und eine Versetzung in die nächste Jahrgangsstufe zu ermöglichen, wo immer es vertretbar ist. „Dafür bleibt am Ende des Schuljahres nun kaum noch Zeit.“

Zu einem drastischen Anstieg bei der Zahl versetzungsgefährdeter Schüler hat die Pandemie an seiner Schule nicht geführt. „Es gibt wenig gravierende Fälle.“ Pro Jahrgang betrifft es drei bis fünf Schüler, nicht mehr als sonst. „Wir sind gerade dabei, die Leistungen zusammenzutragen“, sprich, zu schauen, wo Minderleistungen aufgelaufen sind. „Bis 18. Juni sollten die Dokumente vorliegen.“ Es gelte festzustellen, in welchem Fach der aktuelle Leistungsstand „mangelhaft“ oder gar „ungenügend“ ist. Im Gegensatz zum sonstigen Verfahren sind die Lehrkräfte gebeten, für ihr Fach zusätzlich eine Einschätzung abzugeben, ob das Mädchen oder der Junge mit entsprechender Förderung in der nächsthöheren Klassenstufe mithalten und mitarbeiten kann, „oder ob die Lücken zu gravierend sind und eine Wiederholung eher im Sinne des Kindes wäre“.

Vor einer Versetzungsentscheidung bieten die Schulen Beratungsgespräche mit den Eltern versetzungsgefährdeter Schüler an. „Bei diesen berichten die Erziehungsberechtigten aus ihrer Sicht, woran es gelegen hat; ob ihr Kind nicht motiviert oder aufgrund der allgemeinen Lage zu sehr auf sich gestellt war, aber eigentlich leistungsfähig und motiviert ist.“ All das kann die Lehrerkonferenz später dazu bewegen, die Versetzung aufgrund besonderer, pandemiebedingter Umstände zu ermöglichen oder bis zum nächsten Halbjahr auszusetzen, die Schüler verbleiben dann quasi auf Bewährung in ihrer Klasse.

  Mark Hubertus,  Gymnasium Ottweiler.
 Mark Hubertus,  Gymnasium Ottweiler. Foto: Jörg Jacobi

Auch im vergangenen Sommer hatte es Beratungsgespräche gegeben. „Die Eltern sind unserer Empfehlung, ihr Kind wiederholen zu lassen, in den wenigsten Fällen nachgekommen“, konstatiert Hubertus. Die betroffenen Mütter und Väter taten sich damals wohl schwer mit dem „geschenkten“ Zusatzjahr, das sie als „verlorene Zeit“ empfanden. Was an den Problemlagen natürlich nichts änderte: Am Halbjahreszeugnis habe sich prompt gezeigt, dass „wir in den allermeisten Fällen recht hatten mit unserer Empfehlung. Diese Kinder hätten einfach nicht versetzt werden dürfen.“ Aus einer Überforderung resultieren oft Verhaltensauffälligkeiten, die sich auch negativ auf die Klasse auswirken. Weshalb es jetzt gelte, mit pädagogischer Um- und Weitsicht zu agieren. So unattraktiv ein Wiederholungsjahr auch scheint: „Wenn keine generelle Überforderung vorliegt, ist es absolut im Sinne der Kinder.“ Ansonsten wäre ein Schulwechsel zu überdenken. Im Übrigen wäre es sinnvoll, mit allen Schülern und deren Eltern regelmäßig Lernentwicklungsgespräche zu führen. „Aber dafür haben wir leider viel zu wenig Zeit.“