| 20:45 Uhr

Comedy in der Neunkircher Reithalle
Wenn das Coming-out Programm wird

Die junge Standup Künstlerin Thanee gastierte mit ihrem Programm #geschicktzerfickt in der Stummschen Reithalle und hatte schnell das Publikum auf ihrer Seite.
Die junge Standup Künstlerin Thanee gastierte mit ihrem Programm #geschicktzerfickt in der Stummschen Reithalle und hatte schnell das Publikum auf ihrer Seite. FOTO: Jörg Jacobi
Neunkirchen. TV-Stand-up Comedienne Tahnee wanderte bei ihrem ersten Auftritt im Saarland auf lesbischen Solopfaden. Sehr zur Freude der Zuschauer. Von Anja Kernig

Bitte was? „Ich bin eure Hengstin.“ Passt schon. Immerhin ist das hier das erste Soloprogramm von Tahnee, welches den selten schönen Namen „#geschicktzerfickt“ trägt. Eigentlich sollte es ja „Leck mich“ heißen, „mit dem griffigen Untertitel: Bitte“, setzte die Stand-up-Comedienne zu Beginn ihres ersten Auftritts im Saarland breit grinsend zügig noch einen drauf.


Hallo ist die frech. Und das so herzerfrischend und quicklebendig und unverbraucht, dass man fast sentimental werden könnte. Es gibt sie also noch, die Naturtalente, die blödeln, bis der Notarzt kommt und darüber hinaus auch noch „zeigen, wo die Bärin steppt, wo die Hammerin hängt und wo die Fröschin die Löckinnen hat“. Was sofort die Frage aufwarf: Ist die gendermäßig unterwegs? Nö, aber lesbisch. Und das macht unglaublich viel Laune – hier in dem kuscheligen runden Veranstaltungsort, der auch ruckzuck sein Fett abbekommen hatte: „Reithalle?!“ Die Augenbrauen vielsagend nach oben gezogen, war der Blick der Kölnerin suchend durch den Raum gewandert, „…offenbar ein sehr dehnbarer Begriff“.

Lange rote Haarmähne, Hosenträger über schwarzem Outfit und ein immer währendes amüsiertes Blitzen in den Augen: So wirbelte Tahnee Schaffarczyk, bekannt unter anderem durch ihre Moderation des TV-Formats „Nightwash“, gute zwei Stunden lang über die kleine Bühne.

Es dauerte auch nicht lange, da war sie bei ihrem Leib- und Magenthema angelangt. Genüsslich schilderte Tahnee ihr Coming-out, damals im heimatlichen Heinsberg nahe der holländisch Grenze, wo es nichts wichtigeres gibt als die Mülltonne, die bis 22 Uhr vor der Tür zu stehen hat, will man nicht vom Dorfpulk geteert und gefedert werden. Dort also, wo Tahnee bei jedem Besuch gern dezent ausgehorcht wird: „Hast du immer noch diese fiese Homosexualität?“

Gekonnt karikierte die Künstlerin den Gegensatz zwischen der Peinlichkeit, die ihre Familie darüber empfand, eine Lesbe in ihren Reihen zu haben („Die größte Sorge meiner Mutter war, dass ich mit Hella von Sinnen nach Hause komme“) und der so aufgekratzt wie bemühten Unbefangenheit der Eltern ihrer Freundin. Die buken zur Feier des Tages Rainbow-Muffins, trugen dann aber umso schwerer am Beruf des neuen Familienmitglieds: „Unsere Tochter liebt einen Clown“, achherrje.



Sonnenklar, dass die Vorzeigelesbe nichts für Weibchen a la Heidi Klum, Helene Fischer oder Sylvie Meis übrig hat. Und in dem sie gegen den Magerwahn und plastische Chirurgie stichelte, ging sie gleich noch mal auf Nummer sicher und Sympathiefang – nur wirkt das Plädoyer für Altern in Würde von einer 26-Jährigen, die der Schwerkraft noch nicht anheim gefallen ist, etwas voreilig. Mehr als entschädigt wurde man dafür von Tahnees Kirmes-Ansagen, deren blechernes Echo sie mal eben in den Alltag verpflanzte. Etwa auf die Beerdigung, die ein strammer Rekommandeur wie folgt kommentieren würde: „Jetzt noch mal richtig letzte Runde. Und Abgang hieeeeeer.“

Womit die Neunkircher Kulturgesellschaft einmal mehr ihre gute Nase für aufgehende Comedy-Stars unter Beweis gestellt haben dürfte. Da lohnte sich auch das Pilgern aus Saarbrücken – für die 19-jährige Industriemechanikerin Lara in der ersten Reihe, mir der Tahnee putzig rumflirtete und alle anderen. Gearbeitet werden muss höchstens noch etwas am Image: Damit Taxifahrer, die die eintreffenden Kunstschaffenden am Bahnhof in Empfang nehmen, auf die Frage „Was muss ich unbedingt wissen über Neunkirchen?“ das nächste Mal nicht wieder rum prollen: „Is ne Drecksstadt.“