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Ulrich Wickert in der Gebläsehalle
Von der Lust, Journalist zu sein

Ulrich Wickert las in der Neunkircher Gebläsehalle aus seinem neuen Buch und war sichtlich gut gelaunt.
Ulrich Wickert las in der Neunkircher Gebläsehalle aus seinem neuen Buch und war sichtlich gut gelaunt. FOTO: Jörg Jacobi
Neunkirchen. Ulrich Wickert las in der Neunkircher Gebläsehalle aus seinem neuen Buch „Nie die Lust aus den Augen verlieren.“ Von Heike Jungmann

Ja, es ist eine Lust, Journalistin zu sein. Eine Journalistin kann jede blöde Frage stellen, die ihr einfällt. Niemand rümpft die Nase oder macht sich lustig über die Unwissenheit der Fragenden. Schließlich ist sie die Lautsprecherin der Leser/Hörer/Zuschauer. Fragt quasi in ihrem Namen, um Licht ins Dunkle zu bringen und Dinge einzuordnen. Sie kann ohne Scham in einen Pariser Käseladen spazieren, ohne auch nur die leiseste Ahnung zu haben, was einen Mimolette von einem Morbier unterscheidet. Sie interviewt einfach den Käseladenbesitzer. Oder sie möchte mal diese oder jene Person kennenlernen. Meryl Streep etwa. Oder Dustin Hoffmann. Wenn Sie Journalist sind, machen Sie das.


Nicht, dass Sie jetzt neidisch auf die Schreiberin dieser Zeilen werden. Nicht jeder Journalist macht das. Aber solche eines Kalibers wie Ulrich Wickert. Der ehemalige ARD-Korrespondent und „Mr. Tagesthemen“ (1991 bis 2006) stellte am Dienstagabend in der Neunkircher Gebläsehalle sein neues Buch „Nie die Lust aus den Augen verlieren“ vor. Vor einem „erlesenen“ Publikum, wie er augenzwinkernd auf das Motto der ersten Literaturtage im Saarland anspielte. 14 Tage lang – noch bis zum 22. April – laden die saarländischen Buchhandlungen und Verlage mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels zu den unterschiedlichsten Veranstaltungen ein. Begrüßt wurden die Zuhörer – es hätten gerne noch ein paar mehr sein dürfen – von der Neunkircher Buchhändlerin Anke Birk. In ihrer Buchhandlung König las übrigens am Mittwochabend die junge Berliner Autorin Josefine Rieks aus ihrem Debütroman „Serverland“.

Wickerts Debüt als Romanautor hat der 75-jährige bekennende Frankreichliebhaber im Jahr 2003 mit der Erfindung des „Untersuchungsrichters Jacques Ricou“ gegeben. Sein erstes Sachbuch wurde bereits im Jahr 1981 verlegt. 36 Jahre und unzählige Bücher später erschien nun also im Jahr 2017 die gedruckte Sammlung von Bekanntem und Überraschendem. Gearbeitet habe er nie, er mache nur das, wozu er Lust habe. Die Lust sei der Treibstoff seines Lebens, der Motor wiederum die Neugier. Offen sein für Neues, mit fast kindlicher Naivität Unbekanntes aufnehmen, diese Gabe scheint sich Ulrich Wickert auch nach 61 Jahren „im Geschäft“ – seinen ersten Artikel schrieb er als 14-Jähriger in der Rhein-Neckar-Zeitung – bewahrt zu haben. Dem Publikum in der Gebläsehalle bot Wickert einen unterhaltsamen Abend zum Amüsieren, Nachdenken und Innehalten. Anekdoten etwa über ein spannendes Interview mit der Theaterlegende Tennessee Williams im Jahr 1981, als dieser an einem Off-Off-Theater am Broadway ein autobiografisches Stück mit mäßigem Erfolg inszenierte. Oder die Begegnungen in New York mit Arthur Miller auf dem Tennisplatz von Dustin Hoffman oder der „großartigen“ Meryl Streep. „Solche Leute können Sie dort immer treffen.“ Okay, mag sich der ein oder andere im Publikum gedacht haben. Das ist mir leider noch nie passiert. Vielleicht sind wir aber auch nicht neugierig genug.

Elektrisierende Begegnungen, besondere Geschichten sind das eine – Werte wie Respekt und Höflichkeit unter den Menschen sind das andere. Wickert hält gern ein Plädoyer für besondere Umgangsformen, die das friedliche und freundliche Zusammenleben der Menschen fördern. Das mag altmodisch klingen, ist aber angesichts oft rüder und sogar unmenschlicher Umgangsformen in sozialen Medien hochaktuell. Er selbst habe „wahnsinniges Glück“ in seinem Leben gehabt, sagt Ulrich Wickert. Werte, die ihm wichtig waren und sind, konnte er auch in seinen Büchern zum Thema machen.

Am Ende eines 85-minütigen, kurzweiligen Lese- und Erzählabends werden die Zuhörer mit Appetit-Häppchen aus der Tagesthemenzeit nach Hause geschickt. Absurde Geschichten und ungewöhnliche News, verpackt in schöne Wortspiele, dienten allabendlich als „Rausschmeißer“ aus den Nachrichten. Oft habe er sich damals aus Lokalzeitungen bedient. „Ich liebe Lokalzeitungen. Da steht drin, was wirklich passiert.“ Ja, es ist eine Lust, Journalist zu sein.