Überstunden im Kreis Neunkirchen: Gastgewerbe-Kampagne "#fairdient" für 1800 Kellner, Köche & Co

Kostenpflichtiger Inhalt: Arbeitnehmer-Report : Unbezahlte Überstunden en masse?

Gewerkschaft NGG warnt vor Durchlöchern des Arbeitszeitgesetzes. Dehoga hält dagegen.

Da treffen Welten aufeinander. Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) sieht einen enormen Überstundenberg bei den Leuten, die in der Gastronomie arbeiten. Und viele dieser Stunden seien nicht bezahlt. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) hält dagegen und spricht von Zahlen, die nicht nachvollziehbar sind. Allein in Hotels und Gaststätten leisteten die Beschäftigten in der Region im vergangenen Jahr rund 39 000 Überstunden nach Auskunft der NGG. 44 Prozent davon im Gastgewerbe unbezahlt, heißt es seitens der Gewerkschaft weiter. Für 2018 bedeute dies – bei zwölf Euro Lohnkosten pro Stunde für den Arbeitgeber – ein „Lohn-Geschenk“ von 210 000 Euro. Grundlage für diese Aussagen ist der „Überstunden-Monitor“ des Pestel-Instituts im Auftrag der Gewerkschaft. Die Dehoga im Saarland zeigt sich überrascht. Hauptgeschäftsführer Frank Hohrath: „Was die genannten Zahlen angeht, so können wir diese nicht nachvollziehen. Uns sind keine offiziellen Zahlen zu dieser Thematik bekannt und wie die NGG zu diesen Zahlen kommt, bleibt ihr Geheimnis.“ Im Saarland bestehen nach Dehoga-Angaben rund 10 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse in der Gastronomie, hinzu kommen rund 12 000 geringfügig Beschäftigte. Hohrath weiter: „Wir gehen davon aus, dass angefallene Überstunden bezahlt oder ausgeglichen werden.“ Der Überstundenausgleich sei eine – im Übrigen tarifvertraglich mit der NGG festgelegte – Form der Abgeltung. Ausgleich besage, aufgelaufene Überstunden durch entsprechenden Freizeitausgleich abzugelten. Dazu schweige die Gewerkschaft genauso wie zum Thema Arbeitszeitkonten. Sie lasse offen, ob dies in die „Berechnung“ eingegangen ist.

Die Zahlen der NGG hat das Pestel-Institut auf Basis des Mikrozensus und der Arbeitsagentur berechnet, erklärt das Institut auf SZ-Nachfrage. Grundlage ist demnach die Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, kurz IAB. Diese Rechnung, so das Institut weiter, werde einmal jährlich für alle Beschäftigten erstellt. Zu dem Thema habe es auch eine parlamentarische Anfrage der Linken an die Bundesregierung gegeben. Die Antworten der Bundesregierung stellten wohl eine seriöse Quelle dar, so das Institut.

58 Prozent der Gastro-Arbeitsplätze im Kreis seien Minijobs, sagt NGG-Geschäftsführer Mark Baumeister. 450-Euro-Kräfte dürfen keinen Euro hinzuverdienen, wenn sie steuerfrei bleiben wollen. „Also werden die Überstunden entweder gar nicht oder schwarz bezahlt – bar auf die Hand. Statt Minijobber mit 450 Euro abzuspeisen, sollte das Gastgewerbe endlich mehr Menschen regulär beschäftigen und ordentlich bezahlen“, fordert der Gewerkschafter. Die NGG geht in Sachen Arbeitszeit jetzt in die Offensive mit der Gastgewerbe-Kampagne „#fairdient“. Der Dehoga dränge die Bundesregierung, die Arbeitszeiten noch flexibler zu machen. „Es geht darum, das Arbeitszeitgesetz zu durchlöchern. Ziel der Arbeitgeber ist es, die Höchstarbeitszeit auf bis zu 13 Stunden pro Tag auszuweiten“, kritisiert Baumeister.

Das Contra der Dehoga formuliert Hohrath so: „Es geht weder um eine Aushöhlung des Arbeitszeitgesetzes noch um eine regelmäßige Ausweitung der täglichen Höchstarbeitszeit auf 13 Stunden. Es geht nicht um Mehrarbeit, sondern um die Anpassung des Arbeitszeitgesetzes an die Lebenswirklichkeit.“ Die Flexibilisierung der starren täglichen Höchstarbeitszeit von acht oder im Ausnahmefall zehn Stunden werde dringend benötigt, insbesondere im Veranstaltungsgeschäft. Spitzenbelastungen existierten sicherlich, räumt der Hauptgeschäftsführer ein. Nämlich immer dann, wenn ein überdurchschnittliches Gästeaufkommen zu erwarten sei. Also etwa an Wochenenden, großen Sportereignissen im Sommer mit deutscher Beteiligung, an Weihnachten und Ostern. Hohrath weiter: „Gerade hier wollen jedoch auch oftmals die Mitarbeiter durcharbeiten.“ Sei es wegen des zu erwartenden Trinkgelds oder aus Team-Spirit heraus. Genau solche Situationen erforderten einen Ausgleich. Die Dehoga wolle eine bessere Ausgestaltung der Arbeitszeit. Das entspreche auch dem Wunsch vieler Mitarbeiter.

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