Über das Sterben wird in Gebläsehalle Neunkirchen Ausstellung gezeigt

Kostenpflichtiger Inhalt: Tabuthema in der Gebläsehalle Neunkirchen : Dem Tod einen Platz im Leben geben

Bis 13. Oktober zeigt die Kreisstadt Neunkirchen in der Gebläsehalle die Ausstellung „Im letzten Hemd“. Prominent besetzte Podiumsdiskussion am Mittwoch.

Er trägt eine dunkle Blues Brothers-Sonnenbrille. Was auf dem blütenweißen Sterbelager besonders auffällt. Klaus Reichert, der sich da zur Probe tot stellt, hat die Brille aus gutem Grund angezogen: „Da soll ein helles Licht sein.“ Wo? Na, drüben halt. Auf der anderen Seite.

Die zwei Fotos von Reichert – auf dem kleinen quietschfidel, auf dem großformatigen scheintot – gehören zur Ausstellung „Im letzten Hemd“. Diese wurde am Montagabend unter recht verhaltenem öffentlichen Interesse von Neu-Pensionär Jürgen Fried eröffnet: „In alten Zeiten – und in einigen Dörfern in Bayern soll es noch immer so sein – lag das letzte Hemd vom Tag der Hochzeit an sauber gefaltet auf dem Hemdenstapel im Schrank. Und zwar ganz oben“, trug der ehemalige Oberbürgermeister Fried vor. „So musste man es jeden Tag ansehen und anfassen.“ Memento mori also, sprich, ein kleiner, selbst inszenierter Augenblick des kommenden Todes, dessen wir gewahr werden.

Was aber würde man selbst anziehen, zur eigenen Beerdigung? Für das Fotoprojekt „Im letzten Hemd“ haben sich 25 Menschen mit genau dieser Frage beschäftigt. Die Bilder von Fotograf Thomas Balzer zeigen die Teilnehmer aufgebahrt in ihrem ganz persönlichen „Totenhemd“, das sie sich ausgesucht haben. Initiiert wurde das Projekt von den Geschwistern Hanna und David Roth, Geschäftsführer einer Trauerakademie in Bergisch-Gladbach bei Köln. Alle Fotografierten gaben an, das Fotoshooting als eine intensive wie interessante Erfahrung empfunden zu haben. Auch, weil es zu überlegen galt: „Was bedeutet mir so viel, dass ich es unbedingt auf meine letzte Reise mitnehmen möchte?“ Einer hat seine Staffelei im Arm, einer neben Handy und gelben Memo-Zetteln seine Tasse Kaffee an der Seite. Ein anderer trägt Torwarthandschuhe zum klassischen Anzug.

Das Projekt soll darüber hinaus einen Kontrastpunkt zu den allgegenwärtigen Selfies setzen. Heutzutage haben Bilder keine langfristige Wirkung mehr und kaum eine Bedeutung. „Auf ein einziges Bild haben sich unsere Vorfahren stundenlang vorbereitet“, so Fried. „Es wurden nur selten Fotos gemacht, über die man dann dafür aber umso gründlicher nachdachte.“ Für die Aufnahme im „letzten Hemd“ sahen sich die Teilnehmer gezwungen, sich wie früher üblich auf diese eine Aufnahme vorzubereiten, sich Gedanken zu machen, und so eine bewusste Erinnerung zu schaffen.

Und es war noch ein dritter Aspekt, den Jürgen Fried kurz anriss: „Der Tod sollte einen Platz in unserem Leben bekommen“, statt ihn hinter Klinik- und Friedhofsmauern wegzusperren. Wichtig wäre ein entspannter, würdiger Umgang mit diesem Thema. „Eltern sollten ihre Kinder nicht vom Friedhof wegreißen, sondern ihnen vermitteln, dass der Tod zum Leben dazu gehört. Denn alles hat seinen Anfang in der Geburt und sein Ende im Tod.“ Letztlich wird erst der, der dem Tod ins Gesicht schauen kann, begreifen, welches Geschenk dieses Leben ist.

Edda Petri, Chefin des Kutscherhauses und als solche Initiatorin der Ausstellung, leistet gerne ihren Beitrag dazu. Die Integrationsmanagerin wäre froh, wenn die Bilder viele Leute ins Gespräch bringen würden. Am Eröffnungsabend klappte das jedenfalls schon hervorragend: Angefangen von der Frage, wie man sich wohl selbst gern da liegen sehen würde, bis hin zu den Sterbefällen im eigenen Familienkreis, die man hautnah miterlebte – und was das mit einem tut. Von wegen Tabu-Thema!

Tiefer einsteigen in die Thematik „Wie wollen wir leben? Wie wollen wir sterben?“ kann man am heutigen Mittwoch bei der gleichnamigen imPuls Veranstaltung des Kutscherhauses in der Neuen Gebläsehalle in Neunkirchen, Beginn 19 Uhr (wir berichteten).

Der Eintritt ist frei, was auch für die Ausstellung gilt, die bis einschließlich Sonntag täglich von 11 bis 18 Uhr öffnet.

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