Starthilfe für ein neues Leben

Mit der Unterbringung von Flüchtlingen ist die Arbeit nicht getan. Um die Integration zu erleichtern, haben die Gemeinden Merchweiler und Spiesen-Elversberg ein Modellprojekt mit der Neuen Arbeit Saar gestartet. Einzelheiten wurden jetzt in Elversberg vorgestellt.

Es ist eng an diesem Morgen in der Gemeinschaftsschule Spiesen-Elversberg . Die Schule hat einem ganz besonderen Kurs schnell und unbürokratisch Räume zur Verfügung gestellt. In einem Klassenzimmer des Erweiterungsbaus haben sich 25 Flüchtlinge eingefunden, um wie jeden Tag fünf Stunden am Deutschunterricht von Ina Steiner teilzunehmen. Die Stimmung ist gut, es wird gelacht, geredet und natürlich auch gelernt. Nach kurzer Zeit werden Kekse an die Besucher verteilt, der Fotograf darf per Videotelefonat sogar Verwandte eines Teilnehmers grüßen.

Für die 28-jährige Reem sowie Zaher, Mohammed Alaa (25) und Abdulbaset (33) endet der Unterricht seit Montag schon nach drei Stunden. Noch in der Schule ziehen sie sich um und arbeiten täglich vier Stunden beim Bauhof der Gemeinde. So können sie sich 1,05 Euro pro Stunde dazuverdienen. Möglich macht das die Neue Arbeit Saar. Das Programm ist zeitgleich in Merchweiler und Spiesen-Elversberg gestartet.

Bürgermeister Reiner Pirrung betont: "Das ist für uns eine Möglichkeit, die Menschen in eine Form der Beschäftigung zu bringen und gleichzeitig Deutschkenntnisse zu vermitteln." Holger Maroldt, Abteilungsleiter Hilfe zur Arbeit bei der Neuen Arbeit Saar, koordiniert das Projekt. "Aus meiner Sicht ist Spracherwerb bei der Arbeit einfacher", erklärt er. Zudem ermögliche das Projekt den Teilnehmern einen strukturierten Tagesablauf. "Jeder Tag zu Hause ist ein verlorener Tag." Wer bei dem auf fünf Teilnehmer beschränkten Angebot mitmacht, unterschreibt eine Teilnehmervereinbarung, ist über die Berufsgenossenschaft versichert und wird eingekleidet. Die vier Teilnehmer haben sich freiwillig gemeldet. Ein fünfter wird bald dazustoßen. "Als Vertreter eines gemeinnützigen Trägers hoffe ich, dass mit der Maßnahme nach außen ein Zeichen gesetzt wird", so Maroldt. Die Menschen wollten arbeiten. Das, so bestätigt Ordnungsamtsleiter Wolfgang Kampa, sei leider nur möglich, bis die F lüchtlinge offiziell anerkannt seien. Eine Fluktuation in der Gruppe sei deshalb unvermeidbar. Eingesetzt werden die Teilnehmer universell, gemeinnützig und zusätzlich - sie helfen, wo sie gebraucht werden. Einen Schwerpunkt soll aber das Herrichten von Wohnungen für Flüchtlinge bilden.

Die Flüchtlingssituation im Allgemeinen stellt Verwaltungen, Träger und auch Ehrenamtliche vor große Aufgaben. "Im Rathaus sind zwei Mitarbeiter fast ausschließlich mit organisatorischen Dingen befasst", so Reiner Pirrung . Auch der Bauhof sei permanent im Einsatz. Holger Maroldt betont: "Es müssen Strukturen geschaffen werden, um die Flüchtlinge adäquat versorgen zu können." Die neue Gruppe, die Arbeitsanleiter Michael Budke in Abstimmung mit dem örtlichen Bauhof koordiniert, wird - so sind sich die Verantwortlichen sicher - durch ihr Engagement zur Entlastung von Verwaltung und Bauhof beitragen. Reem, Zaher, Mohammed Alaa und Abdulbaset haben sich übrigens freiwillig gemeldet. Sie haben von Shema Noori, der mittlerweile hauptamtlichen Dolmetscherin der Gemeinde, von dem Angebot erfahren. "Sie haben mir die Türen eingerannt", erzählt Wolfgang Kampa. Zaher kommt aus Damaskus, er ist schon seit J uni in Spiesen-Elversberg . Er ist mit einem Kind gekommen. Mittlerweile lebt er mit seiner Frau und beiden Kindern in der Gemeinde. In Syrien habe er mit seinem Vater als Dekorateur, später als Lkw-Fahrer gearbeitet - teilweise 16 Stunden am Tag. "Ich will nicht rumsitzen", sagt er. Reem kommt aus Homs. Sie hat lange im Irak als Pharmareferentin gearbeitet. Sie will Neues ausprobieren, freut sich vor allem auf Malerarbeiten. Für sie sei klar gewesen, dass sie arbeiten will. Mohammed Alaa kommt aus Damaskus. Zu Hause war er Elektroingenieur. Er ist mit seiner Frau gekommen. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wird bei ihnen gelebt. Er backt und hilft im Haushalt. "Wenn sie möchte, kann meine Frau natürlich auch arbeiten." Zu Hause sei ihm langweilig. Wenn man nichts tun könne, bekomme man Depressionen. "Außerdem lernt man so die Sprache und wie in Deutschland gearbeitet wird."

Besonders schwer hat es Abdulbaset. Er ist erst seit drei Wochen in der Gemeinde. Der gelernte Betonbauer hatte bei Aleppo eigenes Land - Olivenhaine, Mandelbäume und Pistazien , erzählt er. Außerdem habe er als Fischer am Euphrat gearbeitet. Seine Frau und vier Kinder hängen zur Zeit an der jordanischen Grenze fest und warten darauf, passieren zu dürfen. "Ich denke ständig an meine Familie", erzählt er. Deshalb brauche und wolle er auch die Ablenkung.

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Am RandeDie Gemeinde Spiesen-Elversberg ist nach wie vor dringend auf Wohnraum angewiesen. Privateigentümer werden gebeten, sich bei der Gemeindeverwaltung zu melden. Auch Sachspenden für die Wohnungseinrichtung werden weiter benötigt. Zwar könnten ab und an die Spenden nicht sofort abgeholt werden, weil die Lagerkapazitäten nicht ausreichen, Bedarf besteht aber weiterhin. "Wir brauchen nach wie vor alles", so Ordnungsamtsleiter Wolfgang Kampa. Kontakt: Rathaus, Telefon (0 68 21) 79 10. spe