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Dreigenerationenhaus in Corona-Zeiten: Sechs Menschen, zwei Hunde, ein Haus

Dreigenerationenhaus in Corona-Zeiten : Sechs Menschen, zwei Hunde, ein Haus

Wie drei Generationen die Corona-Krise gemeinsam meistern. Großeltern, Eltern und Tochter mit Partner organisieren den Alltag neu.

Mia und Abby finden das super. Seit es die Ausgangsbeschränkungen gibt, haben die beiden schwarzen Labrador-Damen all ihre Lieben immer um sich.  Über drei Stockwerke. Alle sind (fast) immer da. Seit 21. März müssen die beiden Vierbeiner sich nur noch überlegen, welche Zeit des Tages sie bei wem verbringen wollen in dem Drei-Generationen-Haus in der Spiesen-Elversberger Poststraße. Hier hält man sich von Anfang an strickt an die Verfügung. Ausgangsbeschränkungen, das heißt für die drei Paare: Man trifft sich öfter mal zum gemeinsamen Plausch, trinkt ein Tässchen Espresso. Einig sind sich die Sechs auch darin, dass es zurzeit von unschätzbarem Wert ist, wenn man wie sie einen Garten hat. Kein Konfliktpotenzial also, und doch: Die Ausgangsbeschränkung bedeutet Verzicht, bedeutet Umdenken, Umarrangieren, Ändern von Plänen. Das trifft alle drei Generationen auf unterschiedliche Art und Weise. Aber alle Sechs machen das beste aus der Situation, sind sich bewusst, dass das Zuhause-Bleiben zurzeit unabdingbar notwendig ist.

Beginnen wir unten. Hier leben Renate und Friedrich Becker. Er feiert im April seinen 81., Renate folgt im Juli. Beide sind topfit und begeisterte Wohnwagen-Urlauber. Mehrmals im Jahr sind sie unterwegs, meist geht es Richtung Frankreich. Der nächste Urlaub war schon geplant. „So am 18., 19. April wollten wir an die Loire“, das könne man nun vergessen, erzählt Friedrich Becker im Telefonat, das die SZ mit den Bewohnern geführt hat. Und selbst wenn dann möglicherweise kurz drauf die Ausgangsbeschränkungen wieder gelockert werden würden, glauben die beiden leidenschaftlichen Camper, dass die Ansteckungsgefahr auf den Campingplätzen einfach am allergrößten ist. Deshalb wird man sich – egal, wie es sich mit der Corona-Krise weiterentwickelt – auch die Juni-Reise nach Dieppe in der Normandie „abschminken“. Momentan hoffen Renate und Friedrich Becker deshalb auf den Herbst. Da soll es nach Ostende in Belgien gehen. „Wir rechnen aber durchaus auch damit, dass wir in diesem Jahr unseren Wohnwagen-Urlaub ganz abhaken müssen.“ Das macht die Beckers traurig. „Wenn ich den Wohnwagen da stehen sehe und weiß, ich kann nicht los, das ist schon schlimm.“ Aber Renate und Friedrich sind sich im Klaren darüber, dass sie wegen ihres Alters zur Hochrisiko-Gruppe zählen. Deshalb halten sie sich auch dran und verzichten auf die von ihnen geliebten gemütlichen Einkaufsbummel in ein großes Warenhaus in Einöd.  Bevor die Bestimmungen weiter verschärft wurden, haben sie sich einmal die Woche für einen kleinen Spaziergang mit einem befreundeten Paar getroffen. „Aber“, so stellt Friedrich Becker klar, „wir sind in getrennten Autos nach Schüren gefahren. Dann mit Abstand so ein Stündchen rumspaziert. Am Schluss haben wir uns dann noch hingesetzt. Da ist ein ganz langer Tisch, da saß jedes Paar an einem Ende.“ Auch wenn das nun wohl auch nicht mehr möglich ist, die Beckers akzeptieren es, sehen die Notwendigkeit der Beschränkung. Langeweile kennen die Beiden nicht. Jeder von ihnen hat beispielsweise seinen Computer, an dem sie viel Zeit verbringen. Friedrich setzt sich mit der Technik auseinander, versucht, den Computer immer besser zu verstehen. Zwei Meter weiter sitzt dann Renate, die an ihrem Computer gerne das ein oder andere Spiel spielt. Und dann gibt es da noch die Musik. Als großer Musikfreund kann Friedrich Becker sich jetzt intensiver diesem Hobby widmen. Außerdem sind 3000 Fotos des Hobbyfotografen auf der Festplatte des Fernsehers gespeichert: Urlaubsbilder aus 15 Jahren und Fotos der Enkelin als sie noch klein war. Die Fotoschau ist dann gerne Treffpunkt für alle drei Paare. Und was machen die Beckers als erstes, wenn die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben werden? „Dann fahre ich nach Neunkirchen, setze mich auf den Stummplatz ins Eiscafé“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Und gleich danach, da ruft Friedrich dann in Dieppe an und sagt auf dem Campingplatz Bescheid: „Wir kommen.“

Ein Stockwerk höher, in der Mitte, wird geschafft. Beckers Tochter Anja Leiner, 52 Jahre, und Ehemann Achim, 56 Jahre, renovieren. „Das war eigentlich für Mitte April geplant“, erzählen sie. Doch nun haben sie aus der Not eine Tugend gemacht. Achim ist Verkaufsleiter in einem Autohaus in Landsweiler-Reden und hat Urlaub vorgezogen. Wie die Kollegen auch seinen Resturlaub genommen. Wie die Kollegen auch ist er so alle zwei, drei Tage im Büro. Die übrige Zeit wird tapeziert, gestrichen, Boden verlegt. Ein Problem allerdings gibt es dabei: Weder Fenster- noch Heizungsbauer kommen. Die haben abgesagt, wegen Corona. „Das ist etwas schwierig, jetzt müssen die Arbeiten quasi drumherum erledigt werden. Es soll ja vorwärts gehen.“ Hier, im mittleren Stock, ist auch das eigentlich Zuhause von Abby und Mia. Normalerweise gehen die Leiners gemeinsam mit anderen Hundebesitzern täglich eine große Runde spazieren. Inzwischen ist das eher ein einsames Unterfangen. Bis zum Beginn der verschärften Bestimmungen haben sich Anja und Achim oder Anja und Tochter Sina mit einer befreundeten Hundebesitzerin und deren Tochter getroffen. „Immer dieselbe, immer mit Abstand.“ Nun ist auch das in der Form nicht mehr möglich. Also treffen sich Anja und die Freundin alleine, ohne die Töchter. Auch wenn sich Anja und Achim Leiner jede Menge Arbeit quasi ins Haus geholt und genug zu tun haben, dass keine Langeweile aufkommt. Eines, das vermissen sie schmerzlich: das Treffen mit Freunden zum gemeinsamen Essen und Gespräch. Die langen Telefonate miteinander sind da nur ein schwacher Ersatz. Was fehlt, ist auch der Restaurantbesuch zu zweit. Vom für Mai geplanten Urlaub gar nicht zu reden. „Wir waren zuletzt Ende August weg“, erzählt Anja. Für die Beiden ist der Urlaub auch immer der Lichtblick im Jahr. Aber Trübsal blasen ist im Hause Leiner trotzdem kein Thema. „Wir hoffen alle, dass es schnell wieder besser wird.“ Mit viel Glück und Energie ist dann auch die Wohnung renoviert und es bleibt viel Zeit, die Treffen mit Freunden nachzuholen.  Und auch Mia und Abby werden sicher glücklich sein bei aller Liebe zu den drei Generationen ihrer Familie, wenn sie noch einmal unbeschwert mit all ihren Hundefreunden und deren Frauchen und Herrchen ihre Runden drehen können.

Für ihre Treffen mit Freunden haben Sina und Carl-Isaak die momentan gängige Lösung gewählt. Im Dachgeschoss sehen die beiden 24-Jährigen ihre Freunde via Skype, zum Reden, Spiele spielen, fast allabendlich. Und das schon, seit die erste, noch lockere Verfügung kam. „Wir wollten lieber kein Risiko eingehen“, erklärt Sina. Die hat gerade ihre Bachelor-Arbeit fertiggestellt und abgegeben und hatte sich die Zeit gerade jetzt eigentlich ganz anders vorgestellt. „Ich wollte jetzt  mal so ein, zwei Wochen einfach nur rumfahren, was erleben, mich mit Freunden treffen und Spaß haben.“ Das muss nun auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Gerade noch so geschafft haben es die beiden Studenten am letzten offenen Märzwochenende ihren Lieblingsort, Euro-Disney bei Paris, zu besuchen. Allerdings kürzer als ursprünglich geplant, noch während des Aufenthaltes wurde Corona-bedingt geschlossen, zwei Tage früher als angekündigt und nach einem statt der geplanten drei Tage Aufenthalt. Und auch die übrige Freizeitgestaltung hat sich geändert. „Wir gehen viel auf Flohmärkte, machen Ausflüge, lieben den Ostermarkt, das ist sehr schade, dass da momentan nichts geht“, bedauert Sina. Stattdessen sehen sie sich Filme in Streaming-Kanälen an, zocken – eben auch mit Freunden –, Carl-Isaak hat die Lust am Lesen entdeckt, Harry-Potter-Fan Sina hat sich ein 1000teiliges Puzzle gekauft mit der Karte des Rumtreibers. Ansonsten sind die beiden Jüngsten im Haus auch die Einkäufer für alle. „Es sollen ja möglichst wenig Leute aus einer Familie unterwegs in den Läden sein. Also machen wir das“, sagt Sina. Und das dann nicht nur für Eltern und Großeltern, sondern auch für die Freunde der Großeltern. „Die gehören ja auch zu der Risikogruppe und wenn wir ja sowieso unterwegs sind, passt das doch“, finden sie das ganz selbstverständlich.

Die Großeltern. Sie leben im unteren Stock: Renate und Friedrich Becker, beide werden demnächst 81. Sie sitzen oft an ihren Computern. Foto: Leiner
Die Eltern. Sie leben in der Mitte: Achim, 56, und Anja, 52, mit den beiden Labrador-Damen Abby und Mia. Sie haben Renovierungsarbeiten vorgezogen. Foto: Leiner
Die Tochter mit Partner. Sie leben im Dachgeschoss, sind beide 24 und erledigen die Außer-Haus-Aktionen für die Familie. Foto: Leiner

Und was machen die beiden Dachgeschoss-Bewohner als erstes, sollte Corona im Griff sein und die Ausgangsbeschränkung ganz aufgehoben werden? „Dann fahren wir sofort ins Disneyland“, kommt die Antwort ohne Zögern.