Kostenpflichtiger Inhalt: Museum Elversberg : Hier wird mit Irrtümern aufgeräumt

Im Ecklokal des ehemaligen Gasthauses Kräber hat die Heimatstube Elversberg ihre Heimstätte. Sie umfasst allein 10 000 Fotografien.

Sie ist berühmt. Vielleicht sogar, in Kombination mit der Mannschaft und dem Stadion, das Berühmteste, was Elversberg bislang hervor gebracht hat: die Kaiserlinde. Bundesweit ein Begriff – und mit einem Makel behaftet. Dem Makel eines Riesenmissverständnisses. Frank Fuchs ärgert das. Für den Besuch der SZ hat er mappenweise Unterlagen bereit gelegt. Jetzt gilt es, heute wird es endlich richtig gestellt: „Überall steht, dass sie 1913 gepflanzt wurde. Das stimmt hinten und vorne nicht“, sagt der Leiter der Heimatstube. Fuchs hat es schwarz auf weiß, bestätigt vom Landesamt für Umwelt- und Arbeitsschutz: Der imposante Baum war, als er 2015 einem Sturm zum Opfer fiel, gut 40 Jahre älter.

Denn die Linde wurde am 15. März 1937 offiziell als Naturdenkmal eingestuft. Und auf circa 80 Jahre geschätzt. Rechnet man zurück, kommt man auf 1870/1871 – und damit zur Reichsgründung und der Krönung von Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen zum ersten deutschen Kaiser. Ihm zu Ehren wurden damals zwei junge Bäume gesetzt: eine Linde und die „Kaisereiche“, die Wanderer in Neunkirchen vom Wanderparkplatz am „Franzosenweg“ kennen. Verwechselt wurde die „echte“ Kaiserlinde wohl mit jener Linde, die am 16. April 1913 gepflanzt wurde, anlässlich des kaiserlichen Dienstjubiläums – allerdings an einer ganz anderen Stelle, nämlich an der Ecke Fichtenstraße/Beethovenstraße, wie die Neunkircher Volks-Zeitung damals vermeldete. „Dieser Baum hielt nicht lange“, so Fuchs, und wurde dann „von den Nazis ersetzt“. Diesmal mit mehr Erfolg, immerhin stand diese Linde bis 2012. Zweieinhalb Jahre Recherche steckte er zusammen mit Ernst Ohliger in diese Geschichte, einer von vielen, derer sich Fuchs und sein Vorgänger, Karl-Werner Backes, über die Jahre angenommen haben.

Die historische Kaiserlinde. Foto: Jörg Jacobi

Gründungsvater der Heimatstube war Ludwig Mayer. Der damalige stellvertretende Ortsvorsteher und Leiter des Bauhofs stellte 1984 zunächst in der Pestalozzi-Schule von ihm selbst gesammelte alte Fotografien aus. Ab Ende 1989 tagte der Ortsrat im früheren Gasthaus/Sängerheim Kräber, die stetig wachsende Sammlung zog mit. Mayer war es auch, der die Bilder nach Themen sortierte: Alte Ortsansichten und wichtige Gebäude, alte und neue Vereine, Persönlichkeiten aus Politik, Religion, Kunst und Sport, gefallene Soldaten des letzten Krieges. Und: „Jede Kirche hat ein Eck bei mir“, ergänzt Fuchs. Dort findet man auch das Foto eines ganz besonderen Schmuckstücks: eines schmiedeeisernen Messdienerkreuzes, das Backes gehört – eines von zwölf. Angefertigt wurden sie aus einem Metallstück, das von einem amerikanischen Bomber B-24 stammt, der 1944 am Straßenbahndepot abgestürzt war. Angefertigt hat die Serie Karl Glößner, ein Schmied auf der Grube Heinitz.

Außer den rund 10 000 Bildern gehören etliche historische Urkunden und Karten zum Inventar der Heimatstube Elversberg. Diese wurden, genau wie geologische Exponate und bergmännische Geräte, unter anderem von Jürgen Seegrün vom Heimatverein Spiesen zur Verfügung gestellt. 2014 kam das Aus für den Ortsrat, was blieb, war die Heimatstube. Fuchs ist ein Überzeugungstäter, ein Jäger und Sammler. „2006 habe ich angefangen, alte Postkarten zu sammeln.“ Zehn Jahre wirkte der gelernte Einzelhandels-Kaufmann als Mitglied für die Freien Wählergemeinschaft im Ortsrat mit. Sein Faible für Historie wuchs mit den Jahren, ihn „haben diese Zeitzeugnisse immer wieder fasziniert“. Als es dann hieß: Wer führt die Heimatstube weiter, meldete sich Fuchs mehr oder weniger freiwillig: „Soll die Elversberger Geschichte weggeschmissen werden?“ Nein, natürlich nicht.

Original-Plakat zur 100-Jahr-Feier. Foto: Jörg Jacobi

Seitdem opfert Fuchs einen Großteil seiner Freizeit für die Recherche, aktuell ist eine Dokumentation über die Straßenbahn in Elversberg in Arbeit. 250 Bilder hat der Leiter der Heimatstube über diese von 1926 bis 1958 währende Epoche gesammelt — inklusive Material über den schweren Unfall, bei dem am 20. Oktober 1935 die Bremsen versagten und die Straßenbahn in das heutige Chinarestaurant donnerte. „Drei Tote hat es damals gegeben.“

Was ihn von den Exponaten am meisten berührt, sind die Briefe von Johannes Ries aus dem Konzentrationslager Dachau. Der römisch-katholische Priester und Widerstandskämpfer gehört zu den sieben Märtyrern des Bistums Trier. Geboren am 9. Juli 1887 in Elversberg in einer bettelarmen Bergmannsfamilie, absolvierte Ries das Gymnasium und das Bischöfliche Priesterseminar und übernahm 1923 die West-
eifelpfarrei Arzfeld. Dort kam er immer wieder in Konflikt mit den Nationalsozialisten. So verweigerte er unter anderem die Beflaggung bei der Beerdigung eines Gauleiters, insgesamt zeigte man ihn 14 Mal wegen Verstoßes gegen das Heimtückegesetz an. 1942 ließ Ries einen französischen Kriegsgefangenen in einer Kapelle ein Messopfer feiern. Als dann noch bei einer Hausdurchsuchung Briefe an die Front gefunden wurden, in denen er Zweifel am „Endsieg“ zum Ausdruck brachte, wurde der Pfarrer inhaftiert und nach Dachau deportiert, wo er am 3. Januar 1945 verstarb. Den handschriftlichen Brief, den Fuchs stolz vorlegt und in dem sich Ries unter anderem für Geld und Lebensmittelsendungen ins KZ bedankt, schrieb er drei Tage vor seinem Tod.

Die alte Schulglocke. Foto: Jörg Jacobi

Schon kommt Fuchs zu einem weiteren „Highlight“: dem leicht vergilbten, originalen Eröffnungsprogramm der evangelischen Kirche. Die im neugotischen Stil errichtete Werksteinkirche war am Montag, 8. Dezember 1890, im Rahmen eines Gottesdienstes geweiht worden, „gerade 500 Meter von hier“. Ganz neu im „Sortiment“ ist seit vergangenem Jahr die Glocke des ehemaligen Schulhauses, die Frank Fuchs soeben herbei schleppt. „Nee, das kann sie nicht sein“, schüttelt Günther Bröhmer den Kopf, der nach Backes als letzter zur Runde gestoßen ist. Der 92-Jährige pflegt das Archiv der evangelische Kirchengemeinde und wird als kompetenter Kollege gern zu Rate gezogen. „Das Gewicht stimmt nicht.“ Aus alten Dokumenten geht hervor, dass die Glocke 426 Pfund wog. Angeschafft worden war das gute Stück 1866 für 240 Thaler, als in der „Bergmanns Colonie Elversberg“ Geld für neue Leichentücher gesammelt worden war und ein Rest übrig blieb.

Es gab zwei Glocken, entgegnet Fuchs und ist überzeugt, dass die schwerere im Krieg 1917 eingeschmolzen wurde. Nach Aussage Gerd Duprés fiel die bis heute erhaltene Glocke 1940 vom Turm aufs Dach und musste restauriert werden. Wer es weiß, identifiziert die Schraube in der Aufhängung als Produkt der Firma Karcher dieser Zeit, „das passt hundertprozentig“, glaubt Fuchs an seine Version der Glockenherkunft.

 Geschichte des Galgenberg-Turms. Foto: Jörg Jacobi

Selbstverständlich findet man in den Gasträumen auch eine Dokumentation über den Bau des Galgenbergturms – immerhin das Wahrzeichen der Gemeinde. „Der war 1934 als Hindenburgturm geplant, aber wurde dann ganz schnell in Adolf-Hitler-Turm umbenannt“, erzählt Fuchs. Finanziert wurde das Projekt damals durch Aktienverkauf, was auch kaum noch bekannt sei. Karl-Werner Backes deutet auf die Fotos, die den Umzug anlässlich der feierlichen Einweihung quer durch den hakenkreuzbeflaggten Ort zeigen: Dort, bei den begeistert eskortierenden Kindern, „war ich dabei“, am 8. Juli 1939.

Weiter geht’s zu einem anderen der regionalgeschichtlichen „Irrtümer“, die richtig zu stellen sich die engagierten Heimatforscher auf die Fahne geschrieben haben. „Ein bisschen stolz“ ist Frank Fuchs auf die Bilder des königlichen Forstassessors Wilhelm Theremin, allen voran die Abbildung des Torwärterhäuschens von 1898. Handelt es sich doch dabei um das einzige erhaltene Bild, das beweist, dass das erste Wohnhaus Elversbergs nicht auf dem jetzigen Parkplatz neben der katholischen Kirche gestanden hat, sondern am Nordeingang der Herz-Jesu-Kirche. Um diese zu bauen, wurde das Torwärterhäuschen 1899 abgerissen.

Bürgermeister, Ortsvorsteher und verdiente Bürger auf einen Blick. Foto: Jörg Jacobi

So schnell gehen Fuchs die Themen jedenfalls nicht aus. Worauf er unbedingt noch hinweisen möchte: „Unsere Arbeit ist von Spenden abhängig.“ Wer also noch zeitgeschichtlich interessantes Material daheim in der Schublade haben sollte und es der Allgemeinheit zur Verfügung stellen möchte, darf sich sehr gern bei ihm melden. In guten Händen wäre es dann allemal.

Frank Fuchs mit einem Buch über Pfarrer Ries. Foto: Jörg Jacobi

Alle bisher erschienenen Serienteile lesen Sie im Internet: www.saarbruecker-zeitung.de/museen-im-saarland

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