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Saarpolitik nach 1945
Prägende Menschen für die Saarpolitik

Unser Bild zeigt einen Teil der saarländischen Delegation auf  dem Saarbücker Hauptbahnhof vor der Abreise zur Vertragsunterzeichnung nach Paris. Johannes Hoffmann ist in der Mitte zu sehen.
Unser Bild zeigt einen Teil der saarländischen Delegation auf  dem Saarbücker Hauptbahnhof vor der Abreise zur Vertragsunterzeichnung nach Paris. Johannes Hoffmann ist in der Mitte zu sehen. FOTO: Walter Barbian
Schiffweiler. Johannes Hoffmann (CVP) – Richard Kirn (SPS) – Peter Zimmer (SPS): Aus Emigranten wurden Politiker. Ein Blick in die Geschichte.

Schiffweiler und Landsweiler sind Industriegemeinden, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Gruben Reden und Itzenplitz maßgeblich zum Aufblühen des ostsaarländischen Montanreviers um Neunkirchen beigetragen haben. Mehr als ein Jahrhundert lang prägte der Steinkohlenbergbau hier den beruflichen und familiären Alltag der Menschen. Man war Bergmann oder Bergmannsbauer vom Vater über den Sohn bis zu den Enkeln. Und das blieb über Generationen so, der soziale und berufliche Aufstieg war in der Regel beschwerlich. Führungskräfte kamen eher von außerhalb, sei es aus „Preußen“ oder der benachbarten Pfalz. Das änderte sich spätestens mit dem Kampf gegen das Bildungsdefizit der breiten Masse, mit dem Ausbau des Schulwesens vornehmlich nach dem Zweiten Weltkrieg.


Auch darum ist es durchaus erstaunlich, dass führende Persönlichkeiten der saarländischen Politik nach der „Stunde Null“ 1945 dem Bergarbeitermilieu entstammten. Wer weiß heute noch, dass drei hochrangige politische Amtsträger im frankophilen „Saarstaat“ (1947-1955) aus Landsweiler und Schiffweiler kamen? Es handelte sich um Ministerpräsident Johannes Hoffmann (CVP), Landtagspräsident Peter Zimmer und der spätere Arbeitsminister Richard Kirn (beide SPS). Hoffmann war laut „Saarbrücker Zeitung“ vom 16. Dezember 1947 auf Vorschlag des SPS-Sprechers Richard Kirn zum Ministerpräsidenten und Peter Zimmer (SPS) zum Landtagspräsidenten gewählt worden. Das ist jetzt 70 Jahre her. Der durchaus schwierige Lebensweg dieser Politiker war aufs engste mit dem Schicksal ihrer Saarheimat verwoben.

Johannes Hoffmann (1890-1967) kam aus einer Bergmannsfamilie in Landsweiler. Nach dem Abitur am bischöflichen Konvikt in Trier (1912), dem Studium der Philosophie und Volkswirtschaft in Innsbruck und Freiburg i. Br. und der Teilnahme als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg (Eisernes Kreuz I und II) begann er 1920 in Berlin als Journalist. Er wurde Mitglied der Zentrumspartei, Zeitungskorrespondent und 1929 Chefredakteur der katholischen „Saarbrücker Landeszeitung“ (SLZ). Hitlers Machtübernahme (1933) durchkreuzte Hoffmanns Absicht, bei der Rückkehr des im Versailler Vertrag (1919) abgetrennten Saargebietes mitzuwirken.



Er wurde Wortführer des innersaarländischen katholischen Widerstandes gegen die Rückkehr der Saar in ein nationalsozialistisch regiertes Deutschland. Deshalb warb er vor der 1935 anstehenden Volksabstimmung zusammen mit den Sozialdemokraten und Kommunisten für den „Status Quo“. Dem schlossen sich nur 8,8 Prozent der Saarländer an. Über 90 Prozent votierten für die Rückgliederung der Saar, wegen Hitler die einen, nicht wenige aber auch trotz Hitler. Weil sie sich, wie Hoffmann in seinen Memoiren (1963) zugestand, „lediglich zu Deutschland bekennen wollten“.

Aus Furcht vor den angedrohten Repressalien floh Hoffmann wie zahllose andere „Statusquoler“ auch ins sichere Ausland. Mit viel Glück gelangte er schließlich (über Zwischenstationen in Luxemburg, Paris, Südfrankreich und Portugal) nach Rio de Janeiro in Brasilien. Ankunft: 11. Mai 1941. Dort fand der Emigrant Aufnahme beim kanadischen Botschafter Jean Désy (1893-1960) und enge Kontakte zu französischen Widerstandskreisen um den katholischen Dichter Georges Bernanos (1888-1948). Im Herbst 1945 kehrte Hoffmann ins stark kriegszerstörte Saarbrücken zurück.

Die ersten Eindrücke waren deprimierend: „Es war ein schauriges Bild, das mir die Heimat bot, in die ich, als Ausgestoßener zu den Ausgestoßenen, heimkehrte (…) Wohin das Auge blickte, nichts als Trümmer, Ruinen, Schutthaufen (...) Das hatte der Nationalsozialismus aus ganz Deutschland gemacht.“ Mit der neuen Lebensetappe begann für Hoffmann eine steile politische Karriere, die den Vorsitzenden der Christlichen Volkspartei (CVP) bis ins Amt des saarländischen Ministerpräsidenten (1947-1955) führte.

Im Gegensatz zu Hoffmann konnte sich Richard Kirn (1902-1988) nicht vor den Fängen des Hitlerregimes retten. Mit den Schattenseiten des Lebens hatte der Bergarbeitersohn aus Schiffweiler schon vorher reichlich Bekanntschaft gemacht. Er war als Vierzehnjähriger im Bildstockschacht der Gruben Reden angefahren. Zu einer Zeit, als noch ein hartes Regiment herrschte: Extrem lange Schichten, geringer Lohn für Lehrlinge, kein Urlaubsanspruch und - heute unglaublich - das Recht der Steiger, Jugendliche bis zum sechzehnten Lebensjahr zu ohrfeigen. Gründe genug für Kirn, Mitglied der SPD und des freien Bergarbeiterverbandes zu werden. Für den arbeitete er seit 1924 hauptamtlich. Weil er als Gewerkschaftler vom katholischen Ortsgeistlichen diskriminiert wurde, trat er aus der Kirche aus. Der „Statusquoler“ beklagte zeitlebens die Aufforderung der Bischöfe von Trier und Speyer an die Saarländer, am 13. Januar 1935 für den Anschluss an Deutschland zu stimmen.

Danach rettete sich der Hitlergegner, um Leib und Leben fürchtend, mit Frau und Tochter in die Emigration: Forbach, Metz, Südfrankreich. Dort wurde er im September 1941 verhaftet und an die NS-Behörden ausgeliefert. Das Urteil des berüchtigten Volksgerichtshofs in Berlin erging am 12. April 1943: Acht Jahren Zuchthaus. Zwei Jahre später befreite ihn die Rote Armee aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden. Einer seiner Mithäftlinge dort war der in Neunkirchen geborene spätere Partei- und Staatschef der DDR, Erich Honecker (1912-1994).

Jetzt begann die politische Karriere Kirns im Saarland. Sie führte ihn ins Amt des SPS-Vorsitzenden, in die Verfassungskommission und in den Landtag, dem er von Oktober 1947 bis Dezember 1955 angehörte. Als Arbeits- und Sozialminister im ersten und dritten Kabinett Hoffmanns (1947-1951, 1952-1955) widmete sich Kirn vor allem dem Neuaufbau einer sozialen Infrastruktur. Das Sozialsystem des halbautonomen Saarlandes trug ganz wesentlich seine Handschrift.

Wie atemberaubend das Ausmaß der Kriegszerstörungen war, ließ der Eingangskommentar der ersten Ausgabe der „Neuen Saarbrücker Zeitung“ vom 27. August 1945 erahnen. Er erinnert zunächst an „das schöne Saarland vor dem Hitlerregime“, an seine schönen Städte und Dörfer, seine Brücken und Unterführungen, an die ansehnlichen öffentlichen Bauten und Geschäftshäuser, die gepflegten Wohnhäuser und „Stätten der Geselligkeit“ und nicht zuletzt an den Lärm der Zechen und Gruben, Hochöfen und Hüttenwerke. Wer heute jedoch durch dieses ehemals so reiche Gebiet wandere und „meistenorts nur Trümmer, Schutt und ausgebranntes Mauerwerk“ erblicke, „der muss wahrhaft reichen Lebensmut im Herzen tragen, wenn er den Glauben an die Zukunft nicht verlieren will.“

Verfasser obigen Beitrags war der Sozialdemokrat Peter Zimmer (1887-1970). Er war einer der Lizenzträger der neuen Zeitung und gehörte dann als Landtagspräsident (1947-1955) und ehrenamtlicher Bürgermeister der Stadt Saarbrücken (1949-1956) zu den führenden Saar-Politikern im ersten Nachkriegsjahrzehnt. Zimmer kam wie Kirn aus Schiffweiler, war achtzehn Jahre Bergmann in Reden und wechselte dann als Chefredakteur zu einem Gewerkschafts-Organs nach Bochum (1926). Nach der Verhaftung im April 1933 floh Zimmer ins noch abgetrennte Saargebiet und engagierte sich für den Status Quo. Im Krieg war er Geschäftsführer einer Betriebskrankenkasse, seit September 1945 Direktor der Saarknappschaft.

Bannerträger der Saarpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Christliche Volkspartei (CVP) und ihr zeitweilig mitregierender Juniorpartner, die Sozialdemokratische Partei Saar (SPS). Deren Parteichefs Hoffmann und Kirn hatten sich 1935 gegen die Angliederung ihrer Heimat an Hitlerdeutschland ausgesprochen und dies mit Verfolgung und Exil bezahlt. Anders als 1935 versprochen, favorisierten sie nach 1945 jedoch einen von Deutschland getrennten eigenen „Saar-Staat“. Der sollte wirtschaftliche im Fahrwasser Frankreichs gleiten und als Brücke zwischen Deutschland und Frankreich fungieren.

Opposition gegen diesen in der Präambel der Saar-Verfassung von 1947 verankerten Kurs wurde nicht geduldet, prodeutsche Parteien, Gewerkschaften und Zeitungen wurden verboten. Der Kern der Kontroverse um die Saarpolitik, die nach der Volksabstimmung vom 23. Oktober 1955 mit dem Rücktritt Hoffmanns und der Eingliederung der Saar in die Bundesrepublik (1. Januar 1957) ein Ende fand. Der langwierige Streit zwischen CVP und SPS einerseits, die einen eigenen „Saar-Staat“ verfochten, und den prodeutschen Christ- und Sozialdemokraten andererseits, die das Bundesland Saar anstrebten, wurde mit der mühsam herbeigeführten Einigung der Parteien des christlichen (1959) und sozialdemokratischen Lagers (1956) beigelegt.

Mit Norbert Engel (1921-2009) und Friedrich Regitz (1925-1971) waren Richard Kirn im Lager der prodeutschen Saar-SPD ausgerechnet in seiner Heimatregion vielversprechende Rivalen erwachsen. Engel stammte aus Heidelberg, überlebte das NS-Regime im Untergrund, trat der Kirn-SPS bei und arbeitete seit 1946 bei der Gemeinde Schiffweiler. 1952 war er Mitgründer der (zunächst illegalen) Deutschen Sozialdemokratischen Partei (DSP, später SPD). Engel erfuhr die repressiven Methoden der Hoffmann-Ära (Überwachung, Hausdurchsuchungen) am eigenen Leib.

„Bei einem Erfolg des Referendums für das Hoffmann-Regime“ befürchtete Engel nach eigenem Bekunden (1980), seinen Arbeitsplatz bei der Gemeinde zu verlieren und ausgewiesen zu werden. Nach dem Referendum war der Politiker SPD-Vorsitzender in Schiffweiler, Landtagsmitglied (1955-1975) und fast drei Jahrzehnte Präsident der Arbeitskammer des Saarlandes (1957-1986).

 Auch Friedrich Regitz, geboren in Wellesweiler, lehnte den CVP/SPS-Kurs der Distanz zu Deutschland ab und schloss sich den prodeutschen Sozialdemokraten an. Er war u.a. Chefredakteur der „Saarbrücker Allgemeine Zeitung“ (1957-1966), saß lange im Landtag (1955-1971) und fungierte bis zu seinem frühen Tod als Oberbürgermeister von Neunkirchen (1966-1971). Dort waren auch die beiden Christdemokraten Werner Scherer (1928-1985) und Walter Lorang (1905-1972) beheimatet.

Werner Scherer war u. a. Redakteur der „Saarländischen Volkszeitung“ und wurde im Dezember 1955 mit 28 Jahren Mitglied des saarländischen Landtags (zunächst für die CVP). Er blieb es dreißig Jahre lang bis zu seinem frühen Tod. In seiner Amtszeit als CDU-Kultusminister (1965-1977) begann die Modernisierung des saarländischen Bildungssystems. Der Schreinermeister Walter Lorang war nach der offiziellen Zulassung der prodeutschen Parteien (23. Juli 1955) CDU-Vorsitzender im damaligen Kreis Ottweiler (heute: Neunkirchen) und dann bis 1970 Mitglied des Landtags in verschiedenen Funktionen.

Walter Lorang jun. schildert in einem bemerkenswerten Eintrag unter www.saar-nostalgie.de den beschwerlichen Weg zur „Einigung des christlichen Lagers“ im Kreis Ottweiler-Neunkirchen. Dort folgte mit Werner Scherer ein ehemaliger „CVPler“ dem in den Ruhestand weichenden CDU-Kreisvorsitzenden Walter Lorang. In den Vorgesprächen hatte man sich nichts geschenkt. Zu tief saßen die Wunden auf beiden Seiten. Doch die Aussöhnung gelang. Aus Gegnern wurden Freunde fürs Leben.