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Insekten-Experte im Zentrum für Biodokumentation in Reden

Lichtverschmutzung auch in unserer Region : Stadtvögel, Fledermäuse und Spinnen freut’s

Der Nachthimmel wird immer heller. Mit Folgen auch für die nachtaktiven Insekten. SZ-Besuch im Zentrum für Biodokumentation im Zechenhaus Reden.

Wenn jetzt die Temperaturen steigen, der Sommer naht, dann haben auch die Insekten wieder ihre Hauptsaison. Wir erleben es in lauen Sommernächten, wenn die Nachtaktiven herumschwirren auf der Suche nach Nahrung. Gut zu sehen im Lichtkegel der Laterne auf der Straße oder der heimischen Terrasse. Licht lockt sie an. Und die Lichtmenge wird weltweit und auch bei uns immer größer. Mit Folgen.

Anfang des 19. Jahrhunderts kam die Gasbeleuchtung. In den 1880er Jahren etablierten sich elektrische Lichtquellen. Inzwischen dominiert Licht die Nächte - Straßenbeleuchtung, Schaufenster, angestrahlte Gebäude, Flughäfen, Bahnhöfe, auch Wohn- und Bürohäuser. Nicht zu vergessen, wenn Licht zum Beispiel für Weihnachtsdekoration installiert wird. Für das Aufhellen des natürlichen Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen steht der Begriff „Lichtverschmutzung“.

Für den Rückgang der Artenvielfalt der Insekten, vor allem auch der Individualzahlen, gibt es viele Gründe, sagt Andreas Werno, Entomologe beim Zentrum für Biodokumentation im Zechenhaus Reden: „Lichtverschmutzung ist eine davon.“ Licht ziehe die Tiere an, die wegen des Lichts aber beispielsweise ihre Nahrung nicht mehr finden könnten. Sie kreisen und kreisen bis zur Erschöpfung, taumeln zu Boden oder landen im Spinnennetz. Werno: „Stadtvögel haben inzwischen gelernt, dass da immer was für sie zu holen ist.“ Auch Fledermäuse freut das fette Angebot. Und der Spinne fliegt das Futter buchstäblich zu. Ein gedeckter Tisch mit Nachtfaltern, Käfern, Mücken oder Köcherfliegen. Wenn die Insekten die Blumen nicht finden können, dann wird es auch nichts mit Bestäuben, so Werno. Und Lichtschneisen etwa entlang von Straßen wirken als unüberwindbare Barrieren und bremsen den genetischen Austausch von Insektenpopulation.

Also gehe es darum, Städte und Dörfer überlegt auszuleuchten und Licht zu wählen, das den Insekten nicht schadet, sagt Werno. LED-Lampen mit warm-weißen statt kalt-weißem Licht wären besser. Der Laternenpark in Deutschland umfasst mehr als neun Millionen Lichtpunkte, ist nachzulesen. Und die Kommunen rüsten um. Die Stadt Neunkirchen zählt nach eigenen Angaben rund 7000 Laternen, hat davon bereits rund 4900 auf LED-Technik umgestellt. „LED spart Energie und Kosten, aber das führt auch dazu, dass immer mehr Privatleute an ihren Häusern LED-Licht einsetzen“, beobachtet Werno. Der Nachthimmel wird noch heller.

„Leuchttürme“ nebst Taschenlampe gehören zum Handwerkszeug von Insektenforschern. Werno hat Fotos fürs Gespräch mit unserer Zeitung dabei. Die mannshohen Gazestoff-Zylinder mit Innenbeleuchtung locken Flattertierchen an. Sie setzen sich auf den Stoff. Der Forscher kann Arten bestimmen, Mengen schätzen. Die Ergebnisse, so Werno, belegen die regionalen Unterschiede, auch innerhalb des Saarlandes. Und sie sind ein Hilfsmittel für Einträge in die Rote Liste. Was da krabbelt und fliegt, hänge auch vom geologischen Untergrund, dem pflanzlichen Angebot ab, sagt der Experte. Der ehemalige Bergbau-Standort Reden bilde ein Spezialbiotop. Eine Art fühle sich hier besonders wohl, eine andere gar nicht.

Wissenschaftlich beschrieben, so heißt es in der Literatur, sind weltweit fast eine Million Insektenarten, in Deutschland gut 33 000. In unserer Region, schätzt Werno, sind bis jetzt etwa 10 000 Arten bekannt. Belegt sind 2500 Schmetterlingsarten, Käfer dürften es gut 3500 sein.

Vor kurzem war Werno in Perl mit „Leuchtturm“ und Taschenlampe unterwegs, zeitgleich ein Kollege in Güdingen. „Am Ende hatte ich 100, er 14“, erzählt Werno. Warum lasse sich nicht so ganz genau erklären. Güdingen liegt am Rande Saarbrückens, über der Landeshauptstadt laste allerdings eine massive Lichtglocke.

Fürs SZ-Foto hat Werno in den Sammlungen des ZfB Schaukästen herausgesucht mit nachtaktiven Insekten, die auch vor unserer Haustür vorkommen – den eindrucksvoll großen Totenkopfschwärmer, den rötlichen Russischen Bär (der ist auch tagsüber munter) und die grünliche Buchenkahneule. Insgesamt lagern in der Sammlung wohl eine Million Exemplare aus 20 000 Arten – rund 10 000 Schmetterlinge, rund 5000 Käfer. Übrigens auch der Schwarzblaue Ölkäfer, das „Insekt des Jahres 2020“. Werno zieht ihn auf Wunsch des SZ-Besuchs aus einem Schubfach. In unserer Region ist der Käfer eher selten, aber schon zu entdecken, sagt der Experte.

In der Sammlung des Zentrums für Biodokumentation: Dr. Andreas Bettinger (rechts) zeigt den Totenkopfschwärmer, Andreas Werno den Russischen Bär. Beides nachtaktive Insekten, die auch bei uns vorkommen. Foto: Thomas Seeber

Ein Aktionsprogramm Insektenschutz Saarland sei in Arbeit, berichtet ZfB-Leiter Dr. Andreas Bettinger, der zum Gespräch dazugestoßen ist. Und er verweist auch auf das Aktionsprogramm Insektenschutz des Bundes. Aber im Saarland fehlten Experten, um alles abzudecken, bedauern Bettinger und Werno.