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Grubenflutung: Einsam vor dem Aktenberg

Grubenflutung : Einsam vor dem Aktenberg

Die Unterlagen zur Grubenflutung liegen zur Einsicht aus. Ein Selbstversuch im Rathaus Schiffweiler.

Fünf Aktenordner auf einem kleinen Tisch. Die vier blauen tragen auf der Rückseite den Schriftzug RAG. Ein schmaler Ordner ist zudem mit „Antrag“ beschriftet, die drei anderen mit „Anlagen“. Daneben in grau ein weiteres gewichtiges Teil, das die beiden vom Oberbergamt beauftragten Gutachten beinhaltet. Fünf Ordner, jede Menge Papier, ein wichtiges Thema: Die RAG Aktiengesellschaft möchte das Grubenwasser im Saarrevier ansteigen lassen auf minus 320 Meter. Das Verfahren (Planfeststellungsverfahren mit Umweltverträglichkeitsprüfung) läuft, die öffentliche Einsicht für jedermann dauert noch bis Mittwoch, 15. November, an. Bis 15. Januar kann jeder Bürger seine Einwände gegen das Vorhaben schriftlich bei seiner Gemeinde oder dem Oberbergamt in Saarbrücken einreichen (die SZ berichtete).

Fünf Ordner, jetzt nicht den Mut verlieren. Es ist ein Selbsttest. Wie ist das, nicht nur als Journalist die Leser auf die Offenlegung hinzuweisen, sondern selbst mal hinzugehen? Es ist still an diesem Vormittag im Schiffweiler Rathaus. Franco Moro hat mich im Gebäude der Bauverwaltung etwas fragend auf dem Flur stehen sehen und hinauf begleitet in den ersten Stock. Neben den Unterlagen liegt eine Liste auf dem Tisch. Zwei Namen stehen drauf, meiner wird der dritte. Der erste Unterzeichner war offensichtlich genauso verwundert wie ich. Er hat ein Sternchen vor seinen Namen gesetzt und oben auf dem Papier nachgefragt, ob es tatsächlich sein könne, dass er am 20. Oktober der erste war, der in die Amtsstube gekommen ist, um sich die Unterlagen anzuschauen? Doch, war er, bestätigt Moro. Es ist die erste Liste, die auf diesem Tisch ausliegt. Ich bin also Nummer drei. Dabei geht es bei den Plänen zur Grubenflutung um eine wichtige Angelegenheit. Stellen sich doch einige Fragen: Was bedeutet es fürs Trinkwasser, wenn die Gruben volllaufen? Wird es Beben geben? Die Erde, die sich beim Abbau senkte, wieder bewegen? Gerade Schiffweiler hat eine massive Bergbau-Geschichte.

Neben dem Bürger, der übrigens für seine Einwände nicht Bezug nehmen muss auf die öffentlichen Unterlagen und auch keine Experten-Meinung zum besten geben muss, werden auch die Gemeinden bis Mitte Januar eine Stellungnahme zu den RAG-Plänen abgeben. Illingens Bürgermeister Armin König hat bereits massive Bedenken geäußert (die SZ berichtete). Von großen, möglicherweise unbeherrschbaren Gefahren spricht der Verwaltungschef. Auch schwerwiegende Verwerfungen, Schieflagen und Totalschäden durch die Flutungen will er nicht ausschließen. Auch der Schiffweiler Bürgermeister Markus Fuchs hat sich kritisch positioniert.

In der Amtsstube tickt die Uhr in meinem Rücken. Ich greife zuerst nach dem Ordner mit den Gutachten. Ein Fehler, wie sich später herausstellt. Zwei Gutachten sind drin, eine knapp über 20 Seiten stark zur „Plausibilitätsprüfung der Erschütterungsproblematik“, die andere, ausgesprochen umfangreiche, mit der hydrogeologischen Beurteilung. Gut eine Stunde blättere und lese ich - und weiß, warum erst drei Namen auf der Liste stehen. Da geht es im hydrologischen Gutachten beim Blättern um maximale Eisenkonzentration, Sulfat-Mobilisierung, auch um eine Chlorid-Entlastung fürs Oberflächengewässer. Irgendwann halte ich mich an der „nichttechnischen Zusammenfassung in Form einer stichwortartigen Auflistung der Kernergebnisse“ fest. Was mir zu denken gibt: Die Studie weist auch auf den Kohlendioxid-Ausstoß hin, den das Abpumpen des Grubenwassers verursacht. Da steht zu lesen, der Ausstoß durch das Abpumpen komme in etwa dem von 65.000 Autos gleich. Das ist eine Hausnummer. Im Dschungel der wissenschaftlichen Sprache gibt es immer mal wieder eine lichte Stelle. Ich lese, es es handele sich um ein Worst-Case-Szenario, das die Studie untersucht, also den schlimmsten Fall. In Sachen Trinkwasser heißt es, es sei „keine erkennbare nachteilige Beeinflussung“ für eines der Gewinnungsgebiete bei einem Grubenwasseranstieg bis auf minus 320 Meter zu erwarten. Die Zeile, dass Geländehebungen von drei bis elf Zentimeter vorstellbar seien, klingt für mich als Nicht-Experten hingegen wenig beruhigend. Am kürzeren Gutachten zur Frage der Erschütterungen scheitere ich rasch. Dazu bräuchte ich einen Übersetzer. Die Hand geht zum RAG-Antragsordner. Immerhin finde ich dort schnell eine für mich neue Information: Durch den Umbau von Grubenwasser- zu Brunnenwasserhaltung in Reden sei sichergestellt, dass der Anstieg des Wassers auf jedem Niveau gestoppt werden könne.

Verwaltungsmann Moro streckt den Kopf ins Zimmer, nickt anerkennend, weil ich schon über eine Stunde hier sitze. Kurze Zeit später stelle ich die Ordner wieder an ihren Platz. Genug für heute. Das Ergebnis des Rathaus-Besuches ist nicht überraschend: Die Unterlagen zum Grubenwasser-Anstieg vermitteln ein positiveres Bild, als beispielsweise die Einschätzungen der Rathäuser von Schiffweiler und Illingen. Ich gehe mit gemischten Gefühlen.