| 20:10 Uhr

Theater
Landfrauen-Kalender als Kassenschlager

Die „Kalendergirls“ verfassen gemeinsam schon mal einen eventuell durchschlagenden Plan.
Die „Kalendergirls“ verfassen gemeinsam schon mal einen eventuell durchschlagenden Plan. FOTO: Jörg Jacobi
Wiebelskirchen. Die „Kalendergirls“ der Schaubühne Neunkirchen verstehen es, mit viel Witz und ein kleines bisschen nackter Haut zu begeistern. Von Anja Kernig

Die Damen in ihren Sportoutfits beugen sich vornüber und „melken“ ein fiktives „tibetanisches Yak“. Man muss sich nicht mit Tai Chi auskennen, um zu ahnen, dass es sich dabei um keine reguläre Übung des Schattenboxens handelt. Eher um Schabernack. Für den sind Annie und Chris (top besetzt mit Kerstin Schwarz und Anja Ziegler) bei den Landfrauen von North Yorkshire zuständig. Die nämlich hätten sonst nicht allzuviel zu lachen unter dem strengen Regiment von Marie (Anja Burg-Panter), deren größtes Glück in gescheiten Vorträgen etwa über „Geschichte und Gegenwart des Geschirrtuchs“ geronnene Spießigkeit ist.


So weit, so beschaulich. Doch selbst beim putzigen englischen Landvolk wird gestorben. John (Robertus Koppies) nämlich, Annies patenter, allseits geliebter Ehemann, erliegt seiner Krebserkrankung. Was dieser bis dahin nett vorbei flutschenden Komödie einen ersten nachhaltigen Dämpfer verpasst. Schluss mit gepflegter Langeweile und Nabelschau, jetzt heißt es trauern. Und das ist Arbeit. Eine, die jeder anders bewältigt. Annie möchte für das Angehörigenzimmer im örtlichen Krankenhaus eine neue Couch stiften, als Ersatz für „das menschenfressende Teil“, auf dem sie sich während der Behandlungen von John herum gequält hat. Finanziert werden soll das Möbelstück aus dem Erlös des alljährlich herausgebrachten Landfrauen-Kalenders. Das Problem dabei: Der war noch nie ein Kassenschlager. Was wäre aber, wenn statt heimischer Brücken Aktfotos der Ladys die Monatsblätter schmücken würden?

Bei diesem Stück kann man möglicher Weise gar nichts falsch machen. Trockener englischer Humor trifft auf eine gefühlvolle Story, die sich eng am Film orientiert und dieser wiederum an einer wahren Begebenheit. Würze bringt das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Charaktere und dazu ein Hauch von Erotik. Fakt ist, dass es dem Ensemble der Schaubühne Neunkirchen unter Leitung von Anja Burg-Panter und Iris Bettinger vom ersten Moment an gelang, das reichlich ins Kulturhaus geströmte Publikum mitzunehmen: In die Grafschaft North Yorkshire und in die Gefühlslage der Damen, zu denen auch die kesse Jessie (Margret Gampper: „Ich bin dabei. Aber kein unten-ohne!“), die herrlich welpen-tapsige Ruth (Bettina Meininger) und, burschikos bis aufreizend, Celia (Susanne Günnewig) gehören.



Das Bühnenbild ist so simpel wie praktisch: ein echtes Piano, das von Kerstin Edig alias Cora fleißig für die Choreinlagen benutzt wird - ein großer Gewinn für das Stück. Dazu eine Bar und ein Fenster, das dank Fototapete den Blick auf Johns Hügel frei gibt. Dort erblühen am Schluss seine innig geliebten Sonnenblumen, denen Annie und ihre Busenfreundin Chris eine Argumentationshilfe pro Ausziehen verdanken: „Die letzte Phase ist die prächtigste.“

Dazu schmissige Musik á la „Girls, girls, girls“ (Sailor), ein Radiospot, eingesprochen von Eberhard Schilling, sowie als I-Tüpfelchen ein selbst produzierter Kalender, Im Stück erzielt die Aktion 500 000 Pfund.

Der Erlös des Neunkircher Kalenders geht an die Palliativstation von Sven Gottschling nach Homburg. Wenn das kein adäquates Happy End ist.