Rathaussturm in Neunkirchen

Rathaussturm Neunkirchen : Den Rathaus-Chef zieht’s ins All

Neunkircher Narren stürmen Rathaus und übernehmen den Laden. Da nützt auch das Weltraum-Thema von OB Jürgen Fried nichts.

Donnerstagnachmittag, 16.11 Uhr, Rathaus Neunkirchen. Diesiges Wetter, Wind zerrt an allem, was in den Neunkircher Straßen beweglich ist. Unglaubliches ist angekündigt: Sturm auf das Rathaus. Bürger wollen den Amtssitz übernehmen. Gut gelaunte Revolution von unten. Bunte Kappen, bunte Klamotten. Alleh-Hopp-Rufe. Vor der Tür sammelt sich das ganze Volk. Die Kapelle spielt „Wir lagen vor Madagaskar“. Wir lagen vor dem Rathaus, müssten alle besser singen. Dann mehrere Schusssalven. Einmarsch. Rote Mützen nach links, blaue nach rechts. Generalstabsmäßig. Die Stadtspitze wartet schon. Dann geht alles ganz schnell. Ein paar freche Worte fliegen durch den Raum, werden geduldet. Rede, Gegenrede. Nix zu machen. Schlüssel wechselt in die Hände der Narrenschar. Zum gemeinsamen Gläserheben geht es später dann um die Ecke und vor die Sitzungssäle.

Oberbürgermeister Jürgen Fried und die Seinen haben sich zum Neunkircher Rathaussturm in weiße Astronautenanzüge geworfen. Das Rathaus-Foyer ist bunt geschmückt und schnell voller Menschen. Dass der Eroberungsversuch von Erfolg gekrönt ist, wissen die Beteiligten und unbeteiligten Besucher des Ereignisses schon vorher. Spannender sind die Reden und was so alles mitschwingt. Um es vorweg zu nehmen: Die Karnevalisten gehen pfleglich mit dem OB in seinem letzten Dienstjahr um. Die Vertreter der Vereine im Neunkircher Karnevalsausschuss (NKA) haben den ersten Schuss frei. NKA-Präsident Karl Albert stimmt auf die kommenden Tage ein: „Wer noch nicht die Freck hat, kriegt sie jetzt beim Küssen.“ Und zu Fried sagt er, der werde ihm als OB fehlen. Die Neunkircher Fastnachtsregenten, Prinz Frank I. und seine bayrische Lieblichkeit Prinzessin Alexandra II. gehen die Entmachtungsrede im Mundartduett an, sie mit enorm rollendem R. Und sie sagt auch gleich, wohin die Reise geht: „Mei Schneckle stellt sich zur OB-Wahl – dann im Mai/Dia ganza, großa Narrenschar wählt ihn dabei./Bei so viele Narra in osrer Stadt zum Leba/Kann’s nur mein Prinza als nuia OB dann geba!“ Klare Ansage, wenn es nach ihr geht, ist der OB-Wahlkampf schon beendet. Ihren gewöhnungsbedürftigen Dialekt nimmt der Saal ohne Murren hin. Ganz anders, als sich der Prinz als Beamter mit einer Stelle in einem „Pfälzer Haus“ outet. Da murrt das närrische Volk doch kräftig. Selbst an Fastnacht geht halt nicht alles. Dem scheidenden Rathauschef schreiben die beiden einiges ins Stammbuch: Die Blitzer müssen weg, alle Karnevalsvereine soll er im kommenden Jahr besuchen, eine Narrenkappe tragen, als Musical-Boss ein Kinderstück auf die Bühne bringen und und und.

Es dürfte die längste Prinzenpaar-Rede aller Zeiten gewesen sein, mutmaßt Fried. In seiner Verteidigungsrede scheint er sich schon mit der Nach-OB-Zeit zu beschäftigen. Ihn zieht es in die Unendlichkeit des Universums. Natürlich nimmt er die Stadt dabei mit. Im Reim teilt er den Eindringlingen ins Rathaus mit: „Ab diesem Jahr, so sieht es aus/reisen wir ins All hinaus./Wir finden, forschen und erfasse/Planete, Sterne, Alien-Rasse./So wird Neinkeije ganz ohne Hohn/Weltraum-City number one.“ Ziele muss man sich setzen! Aline Zimmer, erläutert der Verwaltungsboss, hat großen Anteil an der neuen Rathaus-Strategie. Die promovierte Luft- und Raumfahrttechnikerin aus Wiebelskirchen war jüngst bei einer Marsmission der US-Amerikaner im Kontrollzentrum mit dabei. Seitdem steht sie im Goldenen Buch der Stadt. Der Refrain des OB-Gedichts dürfte ihr in den Ohren klingeln: „Das do, das ist der große Knall/Neinkeije flied ins weite All./Als Astronaute sinn mir top/Dodruff ein lautes Alleh Hopp.“ Vor dem Aufbruch geht es aber erst an die närrische Getränkebar im Rathaus. Gegen 17.11 Uhr. An einem stürmischen Weiberfastnachtsdonnerstag.

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