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Wenn das Saufen die Freizeit bestimmt

Wenn das Saufen die Freizeit bestimmt

Ottweiler. Es ist früher Abend, als das Handy von Timo (alle Namen der Jugendlichen von der Redaktion geändert) klingelt. Der 17-Jährige war im Fitness-Studio und ist jetzt auf dem Weg nach Hause. Ein Freund ist dran, sagt, er solle schnell hoch zum Park kommen. Als er ankommt, liegt da ein junges Mädchen. "Ich habe sofort versucht, mit ihr zu reden

Ottweiler. Es ist früher Abend, als das Handy von Timo (alle Namen der Jugendlichen von der Redaktion geändert) klingelt. Der 17-Jährige war im Fitness-Studio und ist jetzt auf dem Weg nach Hause. Ein Freund ist dran, sagt, er solle schnell hoch zum Park kommen. Als er ankommt, liegt da ein junges Mädchen. "Ich habe sofort versucht, mit ihr zu reden. Als sie nicht mehr reagiert hat, habe ich den Krankenwagen gerufen", sagt Timo. Die 16-Jährige kommt mit einer Alkoholvergiftung in die Klinik. Nicht der erste Vorfall dieser Art in Ottweiler. Nicht der erste im Kreis. Nur ein Beispiel für viele.Die Gruppe Jugendlicher, von der Timo im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung berichtet, trifft sich fast täglich im Park in Ottweiler, "um zu saufen". Immer mehr. Bis zum Umfallen. Timo allerdings hat da keine Lust drauf, er geht lieber zum Training. "Vor zwei Jahren war alles noch ganz normal", erzählt er, "wir haben nach der Schule abgehangen und Fußball gespielt. Nur ab und zu waren wir mal auf einer Party." Die Wende kam eines Abends. Die Freundin von Tobias, heute 16, machte Schluss. Der Junge ertränkte seinen Frust im Alkohol. Und wachte erst im Krankenhaus wieder auf. "Seitdem trinken die fast jeden Tag", erzählt Timo, "sobald ich merke, dass die in den Park gehen, gehe ich nach Hause oder zu meiner Freundin oder ins Fitness-Studio." Seine Oberarm-Muskeln zeigen, wie viel Zeit er mit Sport verbringt. "Alkohol würde da nur schaden."Die Gruppe, die sich täglich trifft, besteht aus rund 20 Jugendlichen. Zum Teil sind es Kinder von erst zwölf Jahren. Nur einer ist 18. Der besorgt den Alkohol. An der Tankstelle oder im Supermarkt. "Johannes ist ein Außenseiter, er bezahlt alles und kauft sich damit die Freunde", sagt Timo.Einer, der das Treiben seit Jahren beobachtet, ist Paul Kessler. Der 53-Jährige ist seit acht Jahren Kontaktpolizist in Ottweiler. Der Polizist arbeitet nach dem Präsenz-Konzept: Fast täglich ist Kessler vor Ort und spricht die Jugendlichen an. "Die kennen mich genauso, wie ich sie kenne. Aber sobald ich komme, verschwinden die Flaschen." Und man könne die Jugendlichen nicht zwingen, einen Alkoholtest zu machen. "Nur wenn Ordnungswidrigkeiten festgestellt werden, kann ein Verfahren eingeleitet werden." Und das kommt nicht selten vor. "Im Ottweiler Jugendarrest sitzen viele unserer Bekannten", sagt Paul Kessler."Aber oft wird zu milde geurteilt", fügt Werner Delles hinzu. Der 56-Jährige ist Kontaktpolizist in Neunkirchen und tauscht sich viel mit seinem Ottweiler Kollegen aus. In Neunkirchen hat das Präsenz-Prinzip zumindest am Hüttenpark zugeschlagen. Hier treffen sich die Jugendlichen jetzt nicht mehr. "Aber ganz verhindern werden wir es nicht können, es ist immer nur eine Verdrängung an einen anderen Ort." Auf die Frage, ob es überhaupt jemanden in der Gruppe gebe, der nicht trinkt, überlegt Timo kurz und sagt dann mit Bestimmheit: "Nein. Am Anfang machen sie mit, weil sie dazu gehören wollen, und dann geht es immer so weiter." Das haben auch die Kontaktpolizisten beobachtet. "Für so manche ist es die einzige Freizeitgestaltung", mutmaßt Werner Delles, "momentan ist es in, für viele ist es cool. Ich bin aber überzeugt, dass in ein paar Jahren was anderes aktuell ist, die Gruppen kommen aus dem Nichts, werden immer mehr, bleiben ein paar Jahre und verschwinden dann wieder." In Ottweiler sei das Problem erst vor drei, vier Jahren aufgetaucht, berichtet Paul Kessler: "Ich kann mir nicht erklären, woher das kommt."Damit es nicht langweilig wird, gibt es Spiele. Da hat Timo schon vieles gesehen. Die Jugendlichen sitzen im Kreis und lassen eine Zigarette kreisen. "Derjenige, bei dem die Asche runter fällt, muss eine viertel Flasche Schnaps auf ex trinken", sagt der Junge. Oder die Jungs machen Armdrücken. Bei einem anderen Spiel muss man eine halbe Minute an einer Zigarette ziehen und so viel wie möglich runter rauchen. "Manche Mädchen sind da schon umgefallen", erzählt Timo trocken. "Für das Phänomen gibt es keine Ursache, die Jugendlichen wissen oft selbst nicht, wie sie dazu kommen", sagt Werner Delles. Und die Eltern? Die Kontaktpolizisten vereinbaren oft Termine mit Eltern. Dort könne man schnell einschätzen, ob die hinter den Jugendlichen stehen oder nicht. "Bei manchen redet man aber gegen eine Wand", sagt Werner Delles, "oft sind es Familien, in denen Erziehung nicht mehr stattfindet.""Wir hoffen oft auf Einsicht und werden oft enttäuscht", sagt Paul Kessler. Er klingt etwas verbittert. Man hört den Kampf gegen Windmühlen raus. "Die Jungs, die im Krankenhaus landen, empfinden das noch nicht mal als Schande, sondern sind dann erst recht die Helden. Jeder will eine noch höhere Promillezahl haben."Timo fängt im nächsten Jahr eine Ausbildung an. Was aus den anderen wird, ist ungewiss. Er überlegt, den Kontakt zu den anderen Jungs ganz abzubrechen. "Der Eine oder Andere wird den Absprung schaffen, manch einer aber nicht", sagt auch Paul Kessler, "überall wird drauf hingewiesen, aber ein Lösungskonzept hat keiner, die Hilflosigkeit ist erschreckend." Nur selten gebe es positive Rückläufe, wenn jemand zum Beispiel eine Ausbildungsstelle gefunden hat. Paul Kessler: "Das ist unser Magenbrot." "Als sie nicht mehr reagiert hat, habe ich den Krankenwagen gerufen."Timo, 17"Die kennen mich genauso, wie ich sie kenne. Wenn ich komme, verschwinden die Flaschen." Kontaktpolizist Paul Kessler"Ganz verhindern werden wir es nicht können. Es ist immer nur eine Verdrängung von Ort zu Ort."Kontaktpolizist Werner Delles"Manche Mädchen sind da schon umgefallen."Timo, 17