TheaterGrueneSosse und Theater Überzwerg zeigten die Koproduktion: „Mädchen wie die“

Spielstark spielen : Gruppendynamik der niedersten Art

TheaterGrueneSosse und Theater Überzwerg zeigen die Koproduktion: „Mädchen wie die“. Eine Geschichte über Gleichberechtigung.

Geschichtsunterricht, Gähn-Alarm. Alles döst langsam weg, während dessen die Lehrerin über das Wahlrecht der Frauen doziert. Da kommt Bewegung in die Massen, es piept und vibriert wie verrückt, alle zücken ihre Smartphones: Boah, ein Nacktfoto von Scarlett! Schnell wird es geteilt und damit das Lauffeuer genährt, so dass innerhalb von Sekunden die gesamte Schule Bescheid weiß. Anstatt Scarlett anzusprechen, ergeht man sich lustvoll in Vermutungen und Gerüchten. Gleichzeitig bangen die Mitschülerinnen um ihren eigenen guten Ruf und halten sich deshalb tunlichst fern von Skandal-Scarlett.

Es dauert nicht lange, da geht ein zweites Foto an alle Schüler raus. Wieder ein Akt, doch diesmal ein männlicher: von Russell, dem coolen Checker. Ihm bleibt der Spießroutenlauf, wie ihn Scarlett hinter sich hat, erspart. Schließlich ist Russell ein Junge und die dürfen, oder viel mehr, müssen nun mal taff und hemmungslos sein: „Ein Schlüssel, der eine Menge Schlösser aufkriegt, ist ein richtig guter Schlüssel. So ne Art Generalschlüssel. Aber ein Schloss, das eine Menge Schlüssel öffnen können, ist ein echt beschissenes Schloss.“Autorin Evan Placey beschreibt unsentimental und direkt, wie grausam Kinder und Jugendliche werden können, wenn sie sich zu einer Gruppe zusammenrotten und sich auf ein gemeinsames Opfer einschießen. Da wird Scarlett schnell zur „fetten Schlampe“ mit einem „toten Meerschweinchen zwischen den Beinen“.

Neben dieser Erzählebene gibt es noch zwei weitere in „Mädchen wie die“ – einer Koproduktion des Frankfurter TheaterGrueneSosse, Spielstark Preisträger 2018, und dem Saarbrücker Theater Überzwerg unter Regie von Christina Schelhas. So beleuchten Eva Coenen, Kathrin Marder, Friederike Schreiber und Jessica Schultheis blitzlichtartig Etappen des Erwachsenwerdens einer weiblichen Clique, etwa die Geburtstagsparty im Schwimmbad, bei der sich die Teenager gegenseitig beäugen und langsam erahnen, dass gerade ihre kindliche Leichtigkeit und Naivität baden geht. Die dritte Ebene führt quer durch die weibliche Emanzipationsgeschichte des 20. Jahrhunderts: auf die skandalöse Poolparty des Jahres 1928, einen britischen Flughafen Ende des Zweiten Weltkriegs, in die flockige Flowerpower-Welt der 70er Jahre und, 1985, in eine angesagte Kanzlei, wo sich die Praktikantin souverän der Zudringlichkeiten ihres Chefs zu erwehren weiß.

So sprunghaft die Inszenierung anfänglich wirkt – sobald die Idee dahinter identifiziert ist, entwirrt sich das Chaos und man kann das perfekte Zusammenspiel der vier Damen mit ihren ständig wechselnden Rollen auf der Bühne genießen. Wiewohl die Botschaft dahinter keine angenehme ist: Die Kinder derer, die auf die Straßen zogen und sich für das Wahlrecht der Frau einsetzten, dieses Gemeinschaftsgefühl und die Stärke, füreinander einzutreten, ist verloren. Statt permanent gegen chauvinistische Machtspielchen anzukämpfen, tritt heute jede nach jeder. Die Mädchen machen sich gegenseitig das Leben zur Hölle und sind letztlich „zu den Arschlöchern geworden, die die Jungen früher waren“.Dennoch blitzt am Schluss ein Hoffnungsschimmer auf: Statt sich umzubringen, wie man es von einem klassischen Mobbingopfer erwartet, zieht sich Scarlett eine Drachenhaut über und geht gestärkt und mutig aus dem Konflikt hervor, selbst- statt fremdbestimmt. „Ihr werdet mich nicht vergessen“, verabschiedet sie sich dann. „Schließlich habt ihr mein Foto als Erinnerung.“

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