Start des 18. Theaterfestivals Spielstark in Ottweiler

Kostenpflichtiger Inhalt: Theater in Ottweiler : Vom Sturm der Teenager-Gefühle

Der Auftakt in das Theaterfestival Spielstark gelingt in Ottweiler mit einem starken Stück.

Ist es schade, wenn ein Theaterstück sein Zielpublikum verfehlt? Ja und nein. Dass sich zum festlichen Start des 18. Theaterfestivals Spielstark vor allem die Honoratioren auf den Bänken einfanden, lag in der Natur der Sache. So konnte Bürgermeister Holger Schäfer zwar Lokalpolitiker, Sponsoren, Mitveranstalter und Sympathisanten, aber nur wenige Kinder und Jugendliche begrüßen. Entsprechend weit musste sich der eine oder die andere in der eigenen Biographie zurücktasten, um die Protagonistin von „GIPS oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“ in ihrem pubertären seelischen Ausnahmezustand zu verstehen. Wenn sich Fitz, wie die zwölfjährige Felicia neuerdings genannt werden möchte, zum Beispiel mit wasserfestem Filzstift „Mama soll sterben“ ins Gesicht malt.

Keine Frage: Dieses zarte Geschöpf (Alessandra Bosch) ist wütend, unendlich wütend. Mama und Papa lassen sich nämlich scheiden, am zweiten Weihnachtsfeiertag fand das „Schirmgespräch“ statt. So wird es in dem Ratgeber „Glücklich verheiratet, glücklich getrennt“ genannt. Beim Schirmgespräch erzählen die Eltern den Kindern gemeinsam, dass es aus ist. „Dass sie es zwar supertoll fanden, eine Familie zu sein, jetzt aber wirklich lieber wieder allein sein wollen.“ Und dann belauscht Fitz auch noch am Morgen ihre Mutter. Die kann das erste kinderfreie Wochenende kaum erwarten. Endlich tun und lassen, was man will und futtern, was die Kids nicht mögen. Bente, Fitz kleine Schwester, deutet das so: „Mama sitzt auf der Couch und isst Muscheln, Kokosbrot und Koriander.“

Dieser Humor zieht sich durch das ganze Stück, mal sarkastisch, mal liebenswert, aber immer zutiefst menschlich und lebensecht, dass es einen umhaut. Die Story selbst beginnt atemlos: Glatteis, Papa stürzt mit Bente und Schlitten auf dem Fahrradgepäckträger. Das kostet Bente die Fingerkuppe, es geht ab ins Krankenhaus, wo sich die Familie notgedrungen wieder eint.

Fitz wird das schnell zu viel. Mit einer Tigermaske, die das „Tattoo“ verdeckt, stromert das Mädchen durch die Etagen. Während draußen die Welt im Schnee versinkt, überschlagen sich die Ereignisse drinnen. Fitz lernt den im Rollstuhl sitzenden Adam, 15, kennen, der dann doch laufen kann, aber selbst ein ganz schönes Päckchen Familienfrust zu tragen hat. Mit ihm und Herzpatientin Primula, 10, verkuppelt sie Personal und klaut Gips, um einen erfundenen Armbruch zu legitimieren. Alles easy, aber plötzlich muss Fitz um das Leben ihres Vaters fürchten. Was ihre Sicht auf die Dinge gründlich relativiert.

Dargestellt wird das, hautnah am Originaltext der niederländische Autorin Anna Woltz, kongenial von fünf Schauspielern der Württembergischen Landesbühne Esslingen – in einem Marathon aus ständigen Rollenwechseln, wobei Sabine Christiane Dotzer und Mira Leibold die weiblichen Parts übernehmen (neben Alessandra Bosch alias Fitz), Timo Beyerling und Daniel Großkämper sich bei den männlichen Parts abwechseln. Wer gerade wen verkörpert, wird nur durch minimalste Änderungen der Kostümierung angezeigt, etwa einem Schaltuch oder einer schnell übergestreiften Weste. Dazu passt das reduzierte, baukastenartige Bühnenbild, das mit wenigen Handgriffen in diverse Schauplätze der Klinik wie Notaufnahme, Behandlungsräume oder Cafeteria verwandelt wird. Am Ende sind zwar nicht alle Wunden – innerer und äußerer Art – geheilt, aber vorerst versorgt und unter Beobachtung. Aus Schnee formt Fitz vorm Krankenhaus eine Botschaft: „Heute bin ich in Adam verliebt.“ Und was das Leben morgen „auf dem Planeten Sorgerecht“ bringt, muss man sehen. Womit die erste von acht Theatergruppen des14-tägigen Festivals bereits ihre Anwartschaft auf den Theaterpreis festgezurrt hat.

„Die Begegnung mit lebendiger Kunst erweitert die Wahrnehmungsfähigkeit und Fantasie von uns allen“, hatte Gastgeber Schäfer eingangs betont. „Sie weckt Kreativität, Toleranz und Neugier.“ Was heute wichtiger zu sein scheint als noch vor ein paar Jahren. Insofern war das Alter der Eröffnungsgäste dann doch kein Beinbruch, sondern vielleicht sogar eine Chance.

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