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Ottweiler setzt auf Lebensqualität

Ottweiler setzt auf Lebensqualität

Die Bevölkerungsentwicklung war in Ottweiler jüngst schlechter als in anderen Kreiskommunen. Bürgermeister Holger Schäfer ist aber nicht bang. Er baut auf die Lebensqualität vor Ort. Die Fragen stellte SZ-Redakteur Michael Beer.

Der Bevölkerungssaldo war vergangenes Jahr in Ottweiler negativ. Die anderen Kreiskommunen verzeichneten einen geringen Zuwachs, Neunkirchen sogar einen deutlichen. Die Ottweiler Bevölkerung schrumpft weiter, wie von den Demoskopen erwartet, während das Umfeld zumindest für den Moment aus der demografischen Entwicklung aussteigen kann. Ist Ottweiler im Kampf um Köpfe der große Verlierer?

Schäfer: Nein. Das ist zu kurz betrachtet. Wir haben zwar eine etwas zurückgehende Einwohnerzahl zu verzeichnen. Ich rate aber davon ab, lediglich Momentaufnahmen zu betrachten und dabei mittel- und langfristige Trends zu übersehen. Richtig ist, der demografische Wandel und die Tendenz zum Wegzug in größere Zentren halten an. Die Errichtung von Neubaugebieten in der Vergangenheit hat den demografischen Wandel verzögert. Ottweiler wurde hiervon erst zeitlich versetzt erreicht. Der langfristige Trend in Ottweiler entspricht dem vieler Städte und Gemeinden im Saarland, in Deutschland und Europa. Dennoch bleibe ich positiv. Unsere Infrastruktur ist vergleichsweise gut. Der Standort bietet vieles. Nicht zuletzt auch Wohn- und Lebensqualität .

In Ottweiler kommen auf eine Geburt heute schon vier Sterbefälle . Die geburtenstarken Jahrgänge gehen auf die Rente zu. Ist ein Zuzug wie aktuell der von Menschen aus Kriegsgebieten letztlich unverzichtbar, um einen starken Bevölkerungsschwund mit all seinen negativen Auswirkungen zu verhindern?

Schäfer: In den statistischen Daten, auf die Sie sich beziehen, war ein Fehler. In Ottweiler kamen 2015 auf 80 Geburten lediglich 210 Sterbefälle , was einem Verhältnis von unter 1 zu 3 entspricht. Die Zahl der zugezogenen Flüchtlinge gleicht aktuell die Sterberate in etwa aus, was einen Vorteil darstellt. Ob der Zuzug allgemein negative Auswirkungen verhindert und positive Wirkungen zeitigt, muss man sehen. Der demografische Wandel wird bei gelingender Integration sicherlich gebremst.

Sehen Sie Chancen, Flüchtlinge für ein Ansiedeln in der Kommune zu gewinnen - mal ganz abgesehen davon, dass die Bundespolitik jüngst mehr über eine spätere Rückkehr Asylsuchender nachdenkt?

Schäfer: Unbenommen der Diskussion auf der Bundesebene hatte Ottweiler in der Vergangenheit vor dem Hintergrund der Kriege, Krisen und Konflikte im Libanon, Vietnam, Sri Lanka oder der Türkei Flüchtlingen eine neue Heimat geboten, wobei sich diese Bevölkerungsgruppen integrierten. Es gibt zudem gute Beispiele dafür, auch für die Integration der Bürger, die als Gastarbeiter zu uns kamen. Aktuell nehmen wir seit Monaten wöchentlich Flüchtlinge auf. Wir sind für alle offen, die sich integrieren wollen.

In welche Richtung müsste oder könnte sich Ottweiler Ihrer Meinung nach entwickeln, um attraktiver zu werden. Mehr zur Wohnstadt? In der Kommunalpolitik wird ja aktuell auch über Shared Space gesprochen, also Gleichberechtigung zwischen motorisiertem und anderem Verkehr und mithin Stärkung der Wohnqualität. Oder mehr zur Wirtschaftsstadt, die viele Arbeitsplätze in direkter Umgebung bietet?

Schäfer: Die vorhandenen Rahmenbedingungen waren und sind in Ottweiler für die Schaffung eines großen Angebotes an Arbeitsplätzen nicht günstig gewesen, sodass eher Wohnquartiere entstanden als Gewerbeflächen, zumal die Lage zwischen zwei Mittelzentren und die Topografie wenig Dynamik zuließen. Aber Arbeit und Leben, beides ist in Ottweiler gleichermaßen möglich. Das Krankenhaus und der Gesundheitssektor, das Druck- und Baugewerbe, das Handwerk, öffentliche Einrichtungen und der Dienstleistungsbereich allgemein bieten neben einigen, wenigen Industriebetrieben die Mehrzahl der Arbeitsplätze . Es steht einer Stadt gut an, wenn ihre Bürgerinnen und Bürger über ein Angebot an Arbeitsplätzen "vor der Haustür" verfügen. Zudem ist die Lebensqualität in der Stadt und ihren Stadtteilen vergleichsweise gut.

Erhoffen Sie sich Impulse aus dem Projekt Landaufschwung, das mit Bundesmitteln eine Revitalisierung ländlicher Gebiete erreichen möchte?

Schäfer: Ja, darauf hoffe ich. Die Regionale Entwicklungsagentur wurde Mitte Dezember vergangenen Jahres am Erlebnis-ort Reden eingerichtet. Neben dem Projekt "Agentur Neuland" wird sicherlich das Startprojekt "Zukunftskapital" in Form einer Bürgerstiftung gewinnbringend sein. Aber insbesondere von dem Projekt "Vitalregion Neunkirchen", welches die Potenziale dieser Wachstumsbranche aufgreifen möchte, ist für Ottweiler als Gesundheitsstandort hochinteressant.