Narren kennen kein Erbarmen

Es stand zu befürchten: Die Stadt Ottweiler ist am Fetten Donnerstag dem närrischen Volk in die Hände gefallen. Am Abend verlor Bürgermeister Holger Schäfer die Schlüsselgewalt, am Mittag schon hatten die Karnevalisten ihn und Landrat Sören Meng im Schauprozess verurteilt.

 Landrat Sören Meng wird am Vormittag im Sträflingsanzug von den Narren abgeführt. Foto: Manfred Marx
Landrat Sören Meng wird am Vormittag im Sträflingsanzug von den Narren abgeführt. Foto: Manfred Marx Foto: Manfred Marx

Stürmisch ist dieser Fette Donnerstag auch ohne Schauprozesse und Rathauseroberung. Es regnet teilweise quer. Und doch bekommen die Ottweiler Fastnachter am Abend himmlischen Beistand. Als sich die närrische Menge vom Fanfarenzug angeführt zum Alten Rathaus in die Wilhelm-Heinrich-Straße aufmacht, fällt kein Tröpfchen vom Himmel - so manches dürfte hingegen bereits in die Kehlen geflossen sein, etwa die der Löffelgarde. Trommler, Bläser, Gardemädchen, Grenadiere mit Kanone, Prinzenpaare, Hexen und andere, es ist ein bunter Zug, der sich da vor der Balustrade aufbaut, die noch von Bürgermeister Holger Schäfer und den Seinen gehalten wird. Und er lässt sich nicht schnell ins Boxhorn jagen. "Hexen, Prinzen, Poltergeister - ich bin hier der Bürgermeister", sucht er sich Respekt zu schaffen und fordert eine Lachsteuer. Die Fastnachter singen: "Oioioi." Die Kanone knallt.

Schäfer hält sich gut, obwohl der Mann doch schon ein hartes Tagesprogramm hinter sich hat. In einem Schauprozess im Schlosstheater hatte ihn am Mittag ein närrisches Gericht verurteilt. Die drei Richter Gnadenlos (Ralf Thilmany), Schwätzmichtot (Christa Meyer) und Unbehagen (Matthias Zimmermann) vom Karnevalsverein (KV) "So war noch nix 1847" nahmen ihren Job ernst: Für den Bürgermeister gibt es die Höchststrafe, ein weiteres Jahr Rathaus. Naja, vielleicht nimmt er dies gelassen, weil er nicht - wie im Vorjahr verhängt und diese Session vollzogen - noch einmal im Männerballett des KV antreten muss. Dieses Los hat Sören Meng ereilt. Dem Landrat haben die Karnevalisten ebenfalls den - kurzen - Prozess gemacht. Er kann seine Tanzschritte fürs nächste Jahr schon mal proben. Verhaftet und im Käfig durch die Stadt geführt - man möchte kein Offizieller sein an diesem Tag. Aber nicht nur Bürgermeister und Landrat müssen sich vor dem langen Arm der Ottweiler Narren fürchten. Über 100, ach was, über 111 Haftbefehle haben die "So war noch nix" schriftlich per Post zugestellt. Betroffen sind Geschäftsleute, Promis, Räte und selbst der Handballverein. Fairer Prozess? Fehlanzeige. Freikaufen kann sich natürlich jeder. Im Schlosstheater erfreuen sich jedenfalls an die 200 Gäste des Spektakels, die Löffelgarde hat gekocht, für Närrinnen gibt es einen Sekt umsonst.

Jetzt, nach den Schauprozessen vom Mittag, holen die Narren kurz nach Einbruch der Dunkelheit zum entscheidenden Schlag aus. "Die Schäferei auf Ottweiler Bann ist nun gespannt auf euren Gesang", fordert der Rathauschef und bekommt prompt Antwort. "Organisationskomitee Mainzweiler Karneval" (OMK), Bürgergarde Ottweiler (BGO) und die "So war noch nix" singen tapfer und schicken ihre Prinzenpaare. Schlüssel, Schuldenbuch und "Schnägesschatztruhe" wechseln die Besitzer. Die Narren sind an der Macht.