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Alles andere als langweilig
Museums-Kreativität aus Ottweiler

Rainer Raber (rechts) ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Museumsverbandes und leitet die Ottweiler Geschäftsstelle. Links: Beiratssprecher Reinhard Klimmt.
Rainer Raber (rechts) ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Museumsverbandes und leitet die Ottweiler Geschäftsstelle. Links: Beiratssprecher Reinhard Klimmt. FOTO: Nathalie Hammes/Landkreis
Ottweiler. In der Ottweiler Geschäftsstelle laufen die Fäden des Saarländischen Museumsverbandes (SMV) zusammen. Die SZ hat sich mit Geschäftsführer Rainer Raber über die Arbeit des Verbands unterhalten. Von Solveig Lenz-Engel

Solch einen Ranzen hatte die Autorin dieser Zeilen auch: klein, kantig und aus hartem hellbraunem Leder. Solch ein Teil, das Generationen von Schülern samt Schiefertafel und Griffel begleitete, ehe sich quietschbunte Statussymbole breit machten, findet sich auch in einem der so genannten Museumskoffer. „Wir haben die Inhalte der Koffer für verschiedenen Zielgruppen wie Bergleute oder Hausfrauen zusammengestellt, damit sich demente Menschen dank prägender Stücke wieder an ihre Vergangenheit erinnern können“, erläutert Rainer Raber das Koffer-Projekt, das der Saarländische Museumsverband gemeinsam mit der Fachstelle Demenz auf die Beine gestellt hat. Wobei die Museumskoffer, die Themen-Kisten für Lehrer und die Heimatkunde-Taschen für Schüler nur ganz kleine Facetten der Arbeit des SMV (siehe Info) sind. In der Geschäftsstelle in Ottweiler über der Sparkassen-Filiale (barrierefrei mit einem Aufzug zu erreichen) geht es um die Arbeit im Interesse der 104 Mitglieder vom kleinen Heimatmuseum, über Landkreise, Kommunen, Einzelpersonen bis zu saarländischen Museums-Flaggschiffen wie dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Die Museen und ihre Macher sollen unterstützt und beraten werden, für die Besucher und solche, die es werden sollen, werden Konzepte entworfen, die in die schöne neue und digitale Welt passen.


Stichwort „digital“: Rainer Raber, 71 Jahre alt und bestens vernetzt im bundesweiten Museumsbetrieb („in Berlin spielt da die Musik“), präsentiert die vom Internet unabhängige, GPS gesteuerte Handy-App „Entdeckertouren auf den Spuren der Berg- und Hüttenleute im Saarland“. Mit moderner Technik gilt es, die Wege und Welten derer zu erkunden, die das Saarland lange Zeit prägten. Beispiel: Der Besucher der historischen Ölmühle Wern in Ottweiler-Fürthscannt dort den QR-Code für die App ein und wird dann auf eine Wanderrunde geführt, die ihm Augen und Ohren öffnet für Geschichte und Geschichten. Die App zeigt historische Ansichten, Zeitzeugen erzählen. Alles knackig und kurzweilig, das Routen-Angebot wird ständig erweitert. „Wir arbeiten auch mit der Tourismus-Förderung im Land zusammen“, beschreibt Raber das Bemühen des Verbandes, mit immer neuen Ideen, den Spagat zwischen der musealen Wirklichkeit und der Erwartungshaltung der Menschen im Jahr 2018 zu meistern.

Da darf dann auch in alle Richtungen gedacht werden. Warum in Orten, in denen es dank des Kneipen-, Vereins- und Geschäftesterbens immer weniger Treffpunkte gibt, nicht aus den dortigen Museen gleichzeitig gesellige Anlaufpunkte machen? Gerade die kleinen Museen oder Heimatstuben auf dem Land stehen im Fokus des SMV, werden sie oft von nur wenigen Aufrechten seit Jahrzehnten getragen. Und die kommen in die Jahre. Kooperationen könnten helfen. Mit der saarländischen Staatskanzlei hat der SMV eine nach den Kreisen sortierte PR-Aktion für die Kleinen gestartet. In Runde Eins hatte das Theulegium, das kulturhistorische Museum des Schaumberger Landes in Tholey für den Kreis St. Wendel die Nase vorn.

Und da sind auch noch private Sammlungen wie der Handwerkerhof von Horst Philippi in Ottweiler oder die Schmiede in Hoof. „Da müssen wir sehen, dass uns diese Werkstatt-Erlebnisse nicht verloren gehen, damit die Handwerker von heute noch die Wurzeln ihrer Arbeit erleben können“, so Raber.

Doch zurück ins digitale Universum, in dem sich eines der ganz großen Projekte des Museumsverbandes abspielt: „digiCULT“. „Sammlungen vernetzen – Kultur sichern“, ist die Aufgabe der entsprechenden Software, die eine vereinheitlichte Dokumentation der musealen Bestände ermöglicht. Eine Mammutaufgabe, für die Rainer Raber als Vorsitzender der digiCULT Verbund EG (Sitz in Kiel) brennt, erleichtere sie doch die Recherche und Publikation. Das Digitalisierunsgteam des SMV hat bereits 70 000 Objekte erfasst, rund 20 000 sind im Netz schon zugänglich (saarland.digicult-museen.net).



Warum der landesweit agierende Museumsverband in Ottweiler sitzt, das ja verkehrstechnisch nicht unbedingt die erste Wahl wäre? Das hat mit dem langjährigen Präsidenten und jetzt SMV-Ehrenpräsidenten Hans-Heinrich Rödle, dem Ex-Bürgermeister von Ottweiler zu tun. Er sorgte bereits 1992 für einen Umzug von Saarlouis in die alte Residenzstadt. Für Rainer Raber, den unermüdlichen Ehrenamtler („ich kenne alle Museen und Sammlungen im Saarland“) keine schlechte Wahl. Der gelernte Betriebswirt stammt aus dem ländlichen Ottweiler Stadtteil Steinbach. Ein Provinzler ist er aber ganz sicher nicht. Er hat mehr als nur einen Koffer in Berlin. Er ist stellvertretender Vorsitzender der saarländischen Galerie in der Landeshauptstadt.

Der SMV hat auch solche Kleinode wie den privaten Handwerkerhof von Horst Philippi auf der Liste der erhaltenswerten Objekte.
Der SMV hat auch solche Kleinode wie den privaten Handwerkerhof von Horst Philippi auf der Liste der erhaltenswerten Objekte. FOTO: Andreas Engel
Sabine Geith, hier mit einem Museumskoffer für Menschen mit Demenz, berät Museums-Macher vor Ort und in der Geschäftsstelle. Hier zeigt sie ein „Arschleder“, wie es früher von Bergleuten verwendet wurde.
Sabine Geith, hier mit einem Museumskoffer für Menschen mit Demenz, berät Museums-Macher vor Ort und in der Geschäftsstelle. Hier zeigt sie ein „Arschleder“, wie es früher von Bergleuten verwendet wurde. FOTO: rup
Das Museum nicht nur als Ort der Kunst- und Wissensvermittlung, sondern auch als zwangloser geselliger Treffpunkt? Angesichts der zunehmenden Verödung vieler Dörfer setzt der Museumsverband auf solche Strategien. Hier ein Archivfoto von einem Treffen der Bürger im Bauernhaus-Museum in Habach, einem ganz ländlichen kleinen Ortsteil von Eppelborn.
Das Museum nicht nur als Ort der Kunst- und Wissensvermittlung, sondern auch als zwangloser geselliger Treffpunkt? Angesichts der zunehmenden Verödung vieler Dörfer setzt der Museumsverband auf solche Strategien. Hier ein Archivfoto von einem Treffen der Bürger im Bauernhaus-Museum in Habach, einem ganz ländlichen kleinen Ortsteil von Eppelborn. FOTO: Andreas Engel
Entwickler Ludwig Kuhn stellte die vom Museumsverband initiierte App „Entdeckertouren auf den Spuren der Berg und Hüttenleute im Saarland“ vor. Mit ihr sollen auch junge Menschen erreicht werden.
Entwickler Ludwig Kuhn stellte die vom Museumsverband initiierte App „Entdeckertouren auf den Spuren der Berg und Hüttenleute im Saarland“ vor. Mit ihr sollen auch junge Menschen erreicht werden. FOTO: BeckerBredel