„Liebes Christkind, . . . “

Alle Jahre wieder: Wer macht eigentlich Weihnachten? Schließlich steckt eine ganze Menge Arbeit dahinter, damit die Menschen in adventliche Stimmung kommen. In unserer Serie stellen wir heute einen Wunschzettel-Helfer vor.

Was für ein Willkommen! "Ingo kommt zu uns", trällert Selin, freudig hüpfend, im Schulflur. Unterdessen hat "Posti-Ingo" schon einen Jungen abgeklatscht, ein Mädchen durch die Luft geschwenkt und drei andere Kinder geknuddelt. Ein bisschen Popstar-Atmosphäre liegt in der Luft. "Das ist das Highlight des Jahres", sagt Michelle Kassel und stahlt mindestens genauso wie ihre Klasse 3.2.

Jaudt ist heute zum dritten Mal in der Grundschule in Ottweiler-Neumünster. Immer wenn das Jahr sich dem Ende zuneigt, besucht der Briefträger die Grundschüler. Nach der Begrüßung "Guten Morgen Frau Kassel und Herr Ingo" darf sich jedes Kind einen Bogen Briefpapier holen. "Der ist voll schön", staunt Vanessa über die aufgedruckten Sterne. Dann geht es ans Schreiben: "Wenn man im Brief jemanden anredet, macht man das mit ,Eh, Christkind ??" Nein, es muss "Liebes Christkind " heißen. Und dann darf gewünscht werden - Plüschhunde, Star-Wars-Baukästen, Fußbälle, Skateboards . . . alles ist möglich. Für Inspiration sorgen Spielzeug-Kataloge, aus denen man auch Dinge ausschneiden darf. Vor allem für Touleen und Feras, die beiden syrischen Flüchtlinge, ist das hilfreich. Er stieß letzten Dezember zur Klasse, sie erst im Januar. "Die zwei kennen Weihnachten nicht", betont ihre Klassenlehrerin. "Feras dachte damals, er wäre im falschen Film - wegen der Lichter und allem."

Posti-Ingo hat auch Weihnachtsmusik und Spekulatius dabei. Aufmerksam und lobend geht er durch die Reihen. Gerührt ist er von Elias Schreiben: "Ich wünsche mir, dass es allen Kindern gut geht." Gut, wenn nicht nur Materielles zum Tragen kommt, sondern auch echte Herzenswünsche - oder ein Dankeschön ans Christkind : "Das ist mir wichtig."

Seit 14. November ist Ingo Jaudt schon im Einsatz, um mit Kindern Briefe ans Christkind zu schicken. Bis zum 13. Dezember werden es 800 Wunschzettel sein. Allein für die Planung und Koordination der 35 Termine benötigt der Familienvater drei Wochen. In der heißen Phase lässt er zwei Wochen Jahresurlaub für diese ehrenamtliche Arbeit springen, drei Tage spendiert sein Arbeitgeber. Den Rest schaufelt sich der Postbeamte durch das Schieben von Diensten frei. Drei Einsätze - 8 Uhr, 10 Uhr und 11.45 Uhr - schafft Jaudt pro Tag. "Hinterher bin ich k.o." Auch von der Pendelei zwischen St. Wendel, Ottweiler und Oberlinxweiler. "Da darf kein Stau auf der B 41 sein", sonst kommt der Zeitplan ins Trudeln. Und krank werden geht natürlich gar nicht.

Mittlerweile wissen die Kids, dass das Gewünschte an Heiligabend nicht zwingend unterm Tannenbaum liegt. Denn ein Wunschzettel sei kein Bestellzettel, erinnert der 44-Jährige. Dafür bekommt jedes Kind garantiert einen Antwort-Brief vom Christkind aus Engelsdorf. Bevor alle Zettel in einem großen Briefumschlag verschwinden, wird jeder einzelne gewürdigt, für die gemalten Bilder gibt es reichlich Applaus. Auch für Touleen: Sie hat eine Familie und einen Nikolaus gemalt. Mit Sprechblasen auf Arabisch. "Das ist mein Ding." Sagt Ingo Jaudt, der mit Frau und Tochter in Fürth wohnt, über seine Arbeit als Briefzusteller. Zwar war er damals vor allem dem Wunsch der Familie nachgekommen - was mein Großvater sagte, das hatte Gewicht" - aber bereut hat er seine Berufswahl nie. Sonst wäre "Posti-Ingo" im Jahre 2007 auch kaum zu einem der deutschlandweit 333 beliebtesten Briefträger gekürt worden.

Angefangen hat alles am 20. März 1935. Damals trat Herbert Jaudt seinen Dienst auf dem Postamt in Neunkirchen an. Seitdem gehört die Deutsche Post quasi zur Familie - ununterbrochen, seit 81 Jahren, da "die Militär- und Kriegsjahre als Dienstjahre mitzählen", weiß Ingo Jaudt. Opa Herbert und Vater Klaus waren Postbeamte. Auch sein Bruder Bernd hat wie er selbst bei der Post angefangen. Allerdings als Fernmeldemechaniker - und gehört nun zur Telekom. "Posti-Ingos" Revier liegt in Urweiler, Kindergarten inklusive. Bald fing er an, seine Pausen bei und mit den Lütten im Kindergarten zu verbringen, noch gut erinnert sich Jaudt an Rollenspiele wie "Rotkäppchen und der Wolf". "Irgendwann kam der Gedanke auf, mit den Mädchen und Jungen Wunschzettel zu schreiben." Später besuchte er seine Schützlinge in der St. Wendeler Grundschule. Und so entstand 2008 die Aktion "Briefe ans Christkind ". Am Anfang machten 40 Schüler mit, ein Jahr später waren es bereits doppelt so viele. Mit 35 Schulklassen und sechs Kindergartengruppen ist anno 2016 die Obergrenze erreicht. Mehr ist nicht zu schaffen.