Huck Finns Wandelung

Zuerst will Huck Finn einen Sklaven auf dem Markt „verscherbeln“ lassen, dann hält er den Umgang mit den Schwarzen für ein Verbrechen. Das klassische Stück stieß im Schlosstheater auf Begeisterung.

. Hinter dem schilfbewachsenen Ufer steigt Nebel vom Mississippi River in die warme Luft. Auf einer Veranda stehen ein Schaukelstuhl und ein grob gezimmerter Holztisch, darauf eine flackernde Öllampe. Bluesige Töne schweben über der Szene. Sie kommen von Bad Temper Joe (Johannes-Marius Assmann), der mit gesenktem Kopf die Gitarrensaiten zupft und Lieder anstimmt, die nach hartem Leben klingen, aber auch nach Freiheit und Abenteuer.

Das Team vom Staatstheater Kassel brauchte nicht viel, um das Publikum im Ottweiler Schlosstheater überzeugend ins Missouri des 19. Jahrhunderts zu entführen. Im Rahmen des Theaterfestivals "Spielstark" (Veranstalter sind die Stadt und das Saarbrücker Theater Überzwerg ) zeigten die Gäste "Huck Finn" - basierend auf Mark Twains Literaturklassiker, bearbeitet von Max Eipp. Und wie in der Vorlage, erzählte Huck Finn (Aljoscha Langel) seine Geschichte selbst.

Dieser hatte bereits einen im Tee, als er die Bühne betrat, war in melancholischer Stimmung und hatte offenbar das Bedürfnis, von seinem Leben zu erzählen. Von der Witwe Douglas, die versucht habe, ihn zu zivilisieren und von seinem Vater, der ihn später zu sich nahm, der allerdings keine größere Leidenschaft als den Whisky hatte und keine andere Erziehungsmethode als die Tracht Prügel kannte. Die Südstaaten-Gesellschaft mit ihren Gepflogenheiten und Verhaltensweisen, mitsamt Sklaverei und Rassismus werden markant skizziert und es wird nicht verpasst, mit feinsinniger Satire daran zu erinnern, dass wir uns über diese nicht allzu erhaben zu fühlen brauchen: "Warum wird der nicht auf dem Sklavenmarkt verscherbelt?" erbost sich Huck über einen Schwarzen. "Das will ich als besorgter Bürger jetzt mal wissen!"

So denkt der Junge am Anfang der Geschichte, doch schon bald wandelt sich sein Weltbild - während er mit dem entflohenen Sklaven Jim tagein, tagaus mit dem Floß über den Mississippi schippert und während die beiden gemeinsam Probleme meistern, weinen, lachen, philosophieren oder einfach nur den unendlichen Sternenhimmel betrachten und den süßen Duft blühender Wälder genießen.

Wunderbar poetisch fließt das Geschehen dahin wie der altehrwürdige Fluss selbst, mal wild sprudelnd, mal sanft plätschernd. Fesselnd gelingt es Langel, nicht nur den Huck zu verkörpern, sondern auch all jene, von denen dieser erzählt und in deren Rollen er schlüpft. Immer mit dabei: die Lieder des Bad Temper Joe sowie eine köstliche Prise Humor.

Das Ende bleibt mehr oder weniger offen, nur eines ist sicher: Dass der schwarze Jim "verscherbelt" wurde, ist für Huck nun ein Verbrechen, angesichts dessen ihm die Worte fehlen. Vom Publikum, Erwachsene wie Kinder, gab es langanhaltenden Applaus.