| 16:22 Uhr

Weltkriegstasche nach 70 Jahren in Neuseeland wieder in Ottweiler
Herzliches Treffen am anderen Ende der Welt

In Dunedin übergeben (von links) Eleni und ihre Schwägerin Shirley Witehira die Weltkriegstasche an Axel (verdeckt) und Monika Fickeis. Das lokale Fernsehen ist mit dabei.
In Dunedin übergeben (von links) Eleni und ihre Schwägerin Shirley Witehira die Weltkriegstasche an Axel (verdeckt) und Monika Fickeis. Das lokale Fernsehen ist mit dabei. FOTO: Wiebke Finkler
Ottweiler. Ottweiler Familie fliegt nach Neuseeland, um dort alte Weltkriegstasche in Empfang zu nehmen. Die Gastfreundschaft war überwältigend. Von Michael Beer

Da liegt sie nun auf dem Wohnzimmertisch. Eine alte braune Ledertasche, schmal, ungefähr so groß wie ein Din-A-4-Blatt, sehr gut erhalten. Ein Soldaten-Sprachführer und ein Büchlein „Der Soldatenfreund“ sind drin, daneben Fotos und Briefe (die Briefmarken sind weggeschnitten). Auf der Vorderseite stecken fünf Bleistifte und rechts außen ein Füllfederhalter. Relikte eine lange vergangenen Zeit. Diese Tasche hat einige Menschen in Ottweiler und Dunedin auf der Südinsel Neuseelands - also genau auf der anderen Seite der Welt - in Bewegung und zueinander gebracht. Ein bisschen unscheinbar wirkt das alte Stück, das neben Europa und Neuseeland auch Afrika kennengelernt hat, auf dem Ottweiler Tisch. Axel Fickeis zaubert sein Anblick dennoch ein Lächeln ins Gesicht. Denn er hat über diese Tasche eine „märchenhafte Geschichte“ erlebt. Deren erste Hälfte - das Auftauchen von einem unbekannten Relikt - erzählte er vergangenen Herbst (die SZ berichtete). Jetzt hat der Rentner mit seiner Frau Monika eine Reise angetreten, zu der er sich ohne diese Soldatentasche nie aufgemacht hätte. Und berichtet, wieder daheim, von unglaublicher Gastfreundschaft und jenem hartnäckigen Wunsch, zusammenzubringen, was als zusammengehörig empfunden wurde.


Die Ledertasche gehörte Edmund  Fickeis, dem Vater von Axel und seinem Bruder Rolf Fickeis, der die Reise um die Welt nicht mitgemacht hat. Mit Axel Fickeis’ Frau Monika sitzen die Brüder wieder in dem Ottweiler Haus, in dem sie vor ein paar Monaten die ungewöhnliche Geschichte um die Feldpost-Tasche vorgestellt hatten. Edmund Fickeis trug sie als Soldat im Zweiten Weltkrieg bei sich. Aus dem Krieg nach Hause kam er ohne sie. Was im Haus des Neunkircher Lehrers aber auch kein Thema war. Er hatte den Zweiten Weltkrieg überlebt. Und sprach nicht viel davon, wie die Söhne berichten. Doch die Tasche kam mit einem neuseeländischen Soldaten Walter Chissell, der 1941 an der ägyptisch-libyschen Grenze auf Seiten der Briten in Afrika gegen die Deutschen kämpfte, in die andere Hemisphäre. Chissell bewahrte sie auf, wohl in dem Glauben, sie bei einem toten oder sterbenden Soldaten gefunden zu haben. Es ist nicht bekannt, was genau in jenen Tagen geschehen war. Denn auch Chissell sprach nicht viel über die Kriegszeit. Während aber Edmund Fickeis nach dem Krieg eine Familie gründete und in Neunkirchen seinem Beruf nachging, zog sich Chissell, offensichtlich von den Erlebnissen traumatisiert, immer weiter zurück. Allerdings nahm er seiner Familie das Versprechen ab, sich darum zu kümmern, dass jenes Fundstück zu den Angehörigen des deutschen Soldates zurückkam. Das gelang dann schließlich, als die sozialen Medien die Welt deutlich kleiner machten. Denn über Facebook geriet Chissells Tochter Shirley Witehira, ihre Schwägerin Eleni und deren Tochter Xzenia nach vielen vergeblichen Anläufen und abgewehrten Angeboten von Souvenierjägern an Wiebke Finkler. Die Deutsche lebt seit 19 Jahren in Neuseeland und war letztlich der Schlüssel dazu, die Erben des Edmund Fickeis ausfindig zu machen.

Finkler war es, die auf einem Deutschland-Besuch die Ottweiler Familie mit Hilfe des Einwohnermeldeamtes kontaktierte und besuchte. Es war der Ottweiler Familie schleierhaft, was damals im Zweiten Weltkrieg in Afrika tatsächlich geschehen war.  Auch der Besuch konnte das nicht ändern. Ob die beiden Männer damals dort aufeinandertrafen oder ein anderer Soldat die Tasche bei sich trug? Es wird sich nicht mehr klären. Aber den Neuseeländern war es wichtig, dass sie zu den Erben von Edmund Fickeis zurückfand. In Dunedin war sogar das Fernsehen vor Ort, als sich die Chissells und die Fickeis’ trafen. „Es ist unglaublich, wie emotional und freundschaftlich uns die Familie empfangen hat“, sagt Axel Fickeis. In der lokalen Zeitung erschien ein Artikel, der mit den Worten „Tränen flossen“ begann. Sie habe selbst fast geweint, sagt seine Frau. Mit der Familie von Wiebke Finkler kamen die Ottweiler in Dunedin auch zusammen. Nicht nur als sehr emotional, auch als unglaublich großzügig hat Monika Fickeis die Neuseeländer erlebt. Mit vielen Gastgeschenken seien sie nach den sechs Wochen auf der Südinsel zurückgeflogen. Neben den besonderen Tagen an der Ostküste bereisten sie das Land. „Es war wunderschön“, sagt Monika Fickeis. Und die Tasche ihres Schwiegervaters - sie ist wieder daheim.



Vergangenen Herbst erzählten (von links) Axel, Monika und Rolf Fickeis von der merkwürdigen Geschichte um ein Kriegsfundstück.
Vergangenen Herbst erzählten (von links) Axel, Monika und Rolf Fickeis von der merkwürdigen Geschichte um ein Kriegsfundstück. FOTO: Michael Beer