Ein Haus voller Geschichten

Ottweiler. Wenn Häuser Geschichten erzählen könnten, würden sich sicherlich immer einige Zuhörer in der Ottweiler Enggass vor dem Haus Nummer 10 versammeln und den fast unglaublichen Geschichten, die sich hier schon abgespielt haben, lauschen

Das Haus mit dem Laden von Helga Figaj. Fotos: Carolin Grell

Ottweiler. Wenn Häuser Geschichten erzählen könnten, würden sich sicherlich immer einige Zuhörer in der Ottweiler Enggass vor dem Haus Nummer 10 versammeln und den fast unglaublichen Geschichten, die sich hier schon abgespielt haben, lauschen. Über alte Vereinsdokumente, über die Häuserchronik des Anton Hansen, aber auch über die so genannten "Hundegeschichte" aus den 20er Jahren wären die Zuhörer überrascht, was sich schon alles hinter diesen Mauern abgespielt hat. Doch leider können Häuser nicht selbst erzählen, wohl aber die, die darin leben und arbeiten. Und so rückt schnell Helga Figaj in den Mittelpunkt, betreibt sie doch den Tabakwarenladen in der Enggass schon in der dritten Generation und sorgt neben dem Nachschub an Zigarren und Zigaretten für die Ottweiler Bevölkerung auch seit Jahren für den Kartenvorverkauf der ältesten saarländischen Karnevalsgesellschaft So war noch nix 1847 Ottweiler. Dass sie es damit gemeinsam mit dem Haus des Großvaters Jakob Hess auf den diesjährigen Sessionsorden geschafft hat, überraschte Helga Figaj doch ein wenig. "Im Vorstand hatten wir gemeinsam die Idee, dem Haus und der Helga den Orden zu widmen", erklärt Vorsitzender Ernst Flaccus. Mit der Idee ging er dann zu Werner Eich, dem Hofgrafiker des Vereins, der schon gleich die ersten Entwürfe entwickelte. Herausgekommen ist ein "echter Eich" mit dem Sessionsmotto "Tuwwak von Hess bis Figaj ... nix wie rinn!!! ... in meinem Laade gebbts jedes Joohr die Indrittskaade". Und wenn auch Helga Figaj kein großer Fastnachter ist, "denn einer in der Familie musste ja aus der Art schlagen", wie sie erzählt, nimmt sie den Orden gerne entgegen. "Besonders gefreut hätte sich unsere Mutter, denn die war im Vorstand und auch sonst ein echter Faaseboze", erklärt Brigitte Meister, Helgas Schwester. Und Meister hat als ehemalige Prinzessin beim So war noch nix nicht nur die Fastnacht, sondern auch die Liebe zu alten Dokumenten von ihrem Großvater Jakob Hess geerbt, wie sie erklärt. Denn Hess ist es schließlich zu verdanken, dass der Verein seine ganz alten Unterlagen noch aufweisen kann. "Der Opa hat damals im Krieg eine Holzkiste anfertigen lassen, in dem hat er die Vereinsunterlagen aufbewahrt und so vor den Nazis bei der Hausdurchsuchung in Sicherheit gebracht", erzählt Helga Figaj. Ganz nebenbei rettete Hess in dieser Kiste, die er neben dem Gartenhäuschen im Garten vergraben hatte, auch zwei Originale der Häuserchronik von Anton Hansen. Doch nicht nur als Retter der Vereinsdokumente, mit denen letztendlich der So war noch nix als ältester saarländischer Karnevalsverein anerkannt wurde, auch als überaus großer Spaßvogel ist Jakob Hess in die Ottweiler Geschichte eingegangen. So ist ihm auch zu verdanken, dass im Jahr 1926 etwa 300 Hunde aller Rassen mit ihren Besitzern nach Ottweiler eilten in der Hoffnung, ihren Hund zu Höchstpreisen an ein neu gegründetes Zuchtunternehmen zu verkaufen. Noch Tage nachher hatte die Verwaltung der Stadt alle Hände voll zu tun, die Spuren dieser denkwürdigen "Hundeversammlung" zu beseitigen.