| 20:10 Uhr

Die Geschichte wird fortgeschrieben
Deutsches Rotes Kreuz – Eine Gemeinschaft der Helfenden

Eine Uniform des DRK aus den 1950er Jahren, ausgestellt an einer Puppe in der DRK-Begegnungsstätte in Ottweiler.
Eine Uniform des DRK aus den 1950er Jahren, ausgestellt an einer Puppe in der DRK-Begegnungsstätte in Ottweiler. FOTO: Robby Lorenz
Neunkirchen. Der DRK-Kreisverband Neunkirchen schaut auf eine 150-jährige Geschichte zurück. Und ist Teil eines großen Ganzen. Von Claudia Emmerich

Am Dienstagabend feiern die Rotkreuzler: 150 Jahre Kreisverband Neunkirchen. Es darf in diesem Fall auch ein Werktag sein. Denn sie wollten den Festakt – offiziell „Erinnerungsfeier“ (siehe „Info“) – genau auf das Datum legen, an dem vor eineinhalb Jahrhunderten alles begann. Und woraus sie Teil eines großen Ganzen im Dienst der Menschen wurden.


Frauenvereine

„Saarland“ prangt auf der Rotkreuz-Uniform aus den 1950er Jahren. Mit der politischen Rückkehr in die Bundesrepublik 1957 kehrte auch das Saarländische Rote Kreuz ins DRK zurück. 
„Saarland“ prangt auf der Rotkreuz-Uniform aus den 1950er Jahren. Mit der politischen Rückkehr in die Bundesrepublik 1957 kehrte auch das Saarländische Rote Kreuz ins DRK zurück.  FOTO: Robby Lorenz


Am 30. Oktober 1868 gründete sich der Vaterländische Frauen-Verein Neunkirchen für den Kreis Ottweiler (später für die Bürgermeisterei Neunkirchen). An jenem Freitag wurden um 14 Uhr im Hause des Herrn Commerzienrathes Stumm zu Neunkirchen die Statuten beraten, „die Damen des Vorstandes“ und „die männlichen geschäftsführenden Mitglieder des Vorstandes“ gewählt.

Dr. Rudolf Hinsberger, DRK-Kreisvorsitzender.
Dr. Rudolf Hinsberger, DRK-Kreisvorsitzender. FOTO: keine Ahnung

Diese Frauenvereine seien „eine Wurzel“ für die heutige Hilfsorganisation, sagt Kreisvorsitzender Dr. Rudolf Hins­berger. Zwei weitere „Wurzeln“ nennt er im Gespräch mit unserer Zeitung: die Freiwilligen Sanitätskolonnen (das wiederum war reine Männersache; Erste Hilfe, Rettungs- und Katastropheneinsätze) sowie die universelle Idee des Henri Dunant, auf den die Gründung des Roten Kreuzes 1863 zurückgeht.

Friedrich König, Stellvertretender Vorsitzender des DRK-Kreisverbandes, in der Begegnungsstätte des DRK in Ottweiler. Er ist seit 1959 Mitglied.
Friedrich König, Stellvertretender Vorsitzender des DRK-Kreisverbandes, in der Begegnungsstätte des DRK in Ottweiler. Er ist seit 1959 Mitglied. FOTO: Robby Lorenz

In einer sechsseitigen publizierten Abhandlung hat Hinsberger die 150 Jahre DRK in unserer Region aufbereitet. Im Stadtarchiv hat er gesucht und gefunden. Und auf dem Tisch liegt die Festschrift „125 Jahre Rotkreuz-Arbeit im Landkreis Neunkirchen“ von 1993. Es sind aber mehr die „lokalen Jubiläen“ in den Ortsvereinen, die über die Jahrzehnte erfasst, gefeiert, gewürdigt  werden.

Henri Dunant

Fangen wir mit der „dritten Wurzel“ an. Henri Dunant brachte das Rote Kreuz auf den Weg und erhielt dafür 1901 den Friedensnobelpreis. Dunant (1828-1910), Schweizer Kaufmann und reformierter Christ, wurde im Juni 1859 Zeuge der Schlacht von Solferino in Norditalien – 300 000 Soldaten standen sich im Feld gegenüber, am Ende blieben 40 000 Tote, Verwundete, Verstümmelte. In einem Buch protokollierte Dunant die Schrecken von Solferino. Und stellte konkrete Forderungen: „Gibt es während einer Zeit der Ruhe und des Friedens kein Mittel, um eine Gesellschaft zu gründen, die aus großherzigen Freiwilligen zusammengesetzt ist, um den Verletzten in Kriegszeiten zu helfen?“ Dunant schlug den Abschluss eines zwischenstaatlichen Abkommens über die Neutralität der Lazarette im Felde und die Schaffung einer ständigen Organisation für die praktische Hilfeleistung an Kriegsverwundeten vor. Seine Vorschläge mündeten in die Genfer Konvention und in die Gründung des Roten Kreuzes.

Idee wächst an Fürstenhöfen

Innerdeutsche Kriege in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beförderten die Idee des Roten Kreuzes an den Fürstenhöfen. Überall, so schreibt Hinsberger, entstanden Unterstützungsvereine, die besonders von Frauen der Oberschicht gegründet wurden. Aus diesen Initiativen entstanden feste Vereine. Diese Vaterländischen Frauen-Vereine versorgten in Kriegszeiten verwundete und kranke Soldaten, pflegten in Friedenszeiten die Depots an Medikamenten und Ausrüstung und halfen Benachteiligten. Vereine entstanden zwischen 1894 und 1913 auch in den anderen Bürgermeistereien: Ottweiler, Illingen, Elversberg, Spiesen, Heinitz, Wiebelskirchen und Merchweiler. Nach dem Ersten Weltkrieg bildeten die Vaterländischen Frauen-Vereine einen Kreisverband.

Ida Stumm

Vorsitzende des Frauen-Vereins Neunkirchen von 1868 war zunächst Ida Stumm, spätere Freifrau von Stumm-Halberg und Ehefrau des Hüttenbesitzers Karl-Ferdinand Stumm, späterer Freiherr von Stumm-Halberg. Über Einrichtungen und Tätigkeiten (teils zusammen mit der Gemeinde, die sich neuen sozialen Herausforderungen zu stellen hatte) heißt es etwa im Vereinsbericht 1916: Wöchnerinnenpflege. Vier Wochenkörbe (Gebrauchsgegenstände für Geburt und Wochenbett sowie Erstlingswäsche). Vier Kinderbetten. Mütterberatungsstelle. Säuglingsmilchküche, zur Zeit 30 Kühe. Kinderhort. Kuren für strofulöse Kinder (Hautkrankheit). Ein Kochkurs. Handfertigungskurse – Heimarbeit. An Sieche und Alte gewähren von Kost, Unterstützung mit Geld und Material. Verleihanstalt von Krankenpflegegeräten. Vermittlung Ferienkolonien und Badekuren. Auskunfts- und Fürsorgestelle für Tuberkulose. Brockensammlungen (Spenden, was andere noch brauchen können) im Kriege, Weihnachtsbescherungen im Kriege in allen Lazaretten. Unter Kriegskrankenpflege fielen unter anderem „Liebesgaben“, Hilfsgütersendungen an Soldaten an der Front, Kriegsverwundetete in Lazaretten, Kriegsgefangene im Ausland. Von Socken bis Gedichte.

Sanitätskolonnen

Die „zweite Wurzel“ geht auf die Freiwilligen Sanitätskolonnen zurück, eingebettet in die Industrialisierung und ihre Folgen, wie Hinsberger schreibt. Seuchen, Unfälle in Industrie und Bergbau häuften sich. 1903 gründete sich in Neunkirchen die erste Freiwillige Sanitätskolonne im Roten Kreuz im Kreis. Nach der Schlagwetter- und Staubexplosion 1907 in der Grube Reden waren Frauenverein und Sanitätskolonne zusammen im Einsatz. Sanitätskolonnen folgten 1909 in Landsweiler, 1910 in Heiligenwald, 1913 in Ottweiler. Gemeinsam halfen Frauenvereine und Sanitätskolonnen auch nach der Gasometer-Explosion 1933 in Neunkirchen. Frauenvereine und Sanitätskolonnen wurden 1935 (Rückgliederung Saargebiet ins Deutsche Reich) zusammengeschlossen.

„Nah an staatlichen Aufgaben“

„Das Rote Kreuz kann nicht staatslosgelöst sei“, sagt Hinsberger im SZ-Gespräch. „Seine Aufgaben sind zu nah an staatlichen Aufgaben.“ So spiegele die Geschichte des Roten Kreuzes die zeitgeschichtlichen Abläufe wider mit allen politischen und regionalen Trends. Stichwörter Kaisertreue, Ausschluss von Kommunisten und Sozialdemokraten, Gleichschaltung im Dritten Reich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Ortsvereine neu gegründet. Mit der politischen Rückkehr in die Bundesrepublik 1957 kehrte auch das Saarländische Rote Kreuz ins DRK zurück. Das war 1945 von den Besatzungsmächten aufgelöst, 1950 neu gegründet worden. 1990 kamen auch die Rotkreuzler aus den neuen Bundesländern dazu.

Rotkreuz und Rothalbmond

Das Deutsche Rote Kreuz („Gemeinschaft der Helfenden“) spricht auf seiner Internetseite aktuell von 191 nationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Organisationen weltweit, von mehr als 100 Millionen Mitarbeitern und Freiwilligen im Einsatz für Menschen in Not. Mit erweiterten Aufgaben und Zielen als zu Zeiten Dunants. Bundesweit gibt es 19 Landesverbände und den Verband der Schwesternschaften, fast 500 Kreisverbände und gut 30 Schwesternschaften sowie mehr als 4500 Ortsvereine. Insgesamt zirka drei Millionen Mitglieder. Im Kreisverband Neunkirchen zählen sie im Jubiläumsjahr knapp 8400 Mitglieder. In 26 Ortsvereine engagieren sich 1136 aktive Mitglieder, 319 Mitglieder im Jugendrotkreuz. Insgesamt gibt es 38 hauptamtlichen Mitarbeiter. Der Verband sieht sich noch gut aufgestellt.

Blick aufs Portfolio

Die „Wurzeln“ des Roten Kreuzes sind noch heute in der Arbeit lebendig, schreibt Hinsberger mit Blick auf das Portfolio seines Kreisverbandes – Sanitätsdienst (Einsatz bei Großveranstaltungen oder Katastrophenfällen, Erste Hilfe und Betreuung, Blutspendedienst, Aus- und Fortbildungslehrgänge) und individuelle Hilfe für Menschen (Begegnungsstätten für Senioren, Hausnotrufgeräte, Menüservice, Angebote für Demenzkranke und ihre Angehörigen, Kleiderkammern, Hilfstransporte, Behindertenfahrdienst).

Am Dienstagabend erinnern sie sich an ihre Wurzeln. Und die Rotkreuzler wissen dabei, ihre Geschichte wird fortgeschrieben.