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Aus Zufall wird Leidenschaft

Janin Herlitschka von der Stadt Ottweiler besuchte Ulf Weihrauch in seiner Werkstatt.
Janin Herlitschka von der Stadt Ottweiler besuchte Ulf Weihrauch in seiner Werkstatt. FOTO: Hof
Ottweiler. Buchbindermeister Weihrauch freut sich nach mehr als einem halben Jahrhundert im Beruf auf den Ruhestand. Vor 21 Jahren wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. Zu seinen Kunden zählten die Stadtverwaltung, Universitätsstandorte oder Anwaltskanzleien.

"Zum Beruf des Buchbinders kam ich durch Zufall", erzählt Ulf Weihrauch . Aus Zufall wurde Leidenschaft. Seit 53 Jahren arbeitet er als Buchbinder im gleichen Beruf und sogar am gleichen Arbeitsplatz, in der Schlossstraße 21. Mehr als ein halbes Jahrhundert im gleichen Beruf und am gleichen Arbeitsplatz zu arbeiten - das ist heute selten geworden.


1963 begann er seine Lehre bei dem Buchbindermeister Hermann Werth. Nach seiner Lehre arbeitete Ulf Weihrauch bis 1994 als Geselle und legte anschließend seine Meisterprüfung ab. Nach bestandener Prüfung mietete er 1995 die Räume an und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. "Mit den Beschäftigten der Ottweiler Stadtverwaltung habe ich über die Jahre immer gut zusammengearbeitet", sagt er weiter und freut sich über den Besuch von der Pressestelle des Rathauses.

Arbeit für das Rathaus

Ratsprotokolle der Stadt und anderes mehr galt es zu binden. Vom Rathaus mit dabei ist auch Janin Herlitschka , die in diesen Tagen ihre Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte begann und Einblick in die Arbeitsfelder der Stadtverwaltung erhält. Jahre im Beruf liegen vor ihr, während für Ulf Weihrauch Jahrzehnte zurückliegen. In dieser Zeit sind viele Verbindungen entstanden, wie zum Beispiel zur Familie Peiter und zu seiner langjährigen Mitarbeiterin, der Buchbindergesellin Ute Buss aus Ottweiler einschließlich ihrer Familie, denen er für die schöne Zeit danken möchte.

Ein weiterer Dank geht an seine Ehefrau Brigitte Weihrauch , die ihm immer wieder den Rücken freihielt, wenn er durch die Buchbinderei voll ausgelastet war.



Kunden waren in erster Linie die Universitätsstandorte Saarbrücken, Homburg und Kaiserslautern. Für diese band er Zeitschriften und Bücher, aber auch Abschlussarbeiten. Zudem gehörten diverse Anwaltskanzleien zu seinen Kunden . Privatpersonen konnten bei ihm ihre Liebhaberstücke binden lassen. Neben dem Binden von Büchern zählte zum Buchbinderhandwerk immer die Rahmung von Bildern.

Handwerk mit Tradition

"Das Buchbindehandwerk ist zu einem seltenen Beruf geworden, wohl auch, weil es sehr arbeits- und zeitintensiv ist. Dabei ist es eines der ältesten Handwerke überhaupt, es existiert schon seit dem zwölften Jahrhundert", erklärt Weihrauch . Das Verfahren des Bindens ist sehr komplex.

Ulf Weihrauch erklärte es anhand des Bindens einer Zeitschrift: Als Erstes muss die Zeitschrift entheftet werden, dann wird die Falz abgeschnitten. Jetzt hat man jede Seite der Zeitschrift als einzelnes Blatt. Nun wird die Zeitschrift "gelumbeckt", das heißt nach einem speziellen Verfahren maschinell verleimt. Danach muss sie mindestens drei bis vier Stunden, besser einen Tag, trocknen. Ist sie getrocknet, wird sie dreiseitig beschnitten. Dabei werden die drei Seiten, die nicht verklebt wurden, glatt geschnitten. Jetzt erhält der Buchrücken seine für gebundene Stücke charakteristische Rundung. Die Rundung wird mit Spezialleim gehärtet.

Während die Zeitschrift aushärtet, wird die dreiteilige Buchdecke zugeschnitten. Es folgt das Zusammensetzen der Buchdecke, der Gewebeüberzug und die Prägung mit dem Titel. Der Deckel muss nun noch gerundet werden. Jetzt können Zeitschrift und Decke zusammengefügt werden. Mit Hilfe spezieller zusätzlicher Seiten werden beide verklebt und danach eingepresst. Nach einer eingehenden Qualitätskontrolle ist aus einer einfachen Zeitschrift ein langlebiges, gebundenes Buch geworden.