Am 13. Mai suchten Nachfahren der Familie Hanau/Roger Hanau aus Paris und sein Bruder Jacques mit seinem Sohn Yits’hak aus Israel den jüdischen Friedhof Ottweiler auf

Recherchen führen in den Kreis Neunkirchen : Nachfahren der „Unbesungenen“ besuchen jüdischen Friedhof

Die nächste Führung ist am Sonntag, 16. Juni. Um 17 Uhr ist Treffpunkt am Aufgang zum Friedhof in der Straße Maria-Juchacz-Ring.

(red) Paris-Touristen führt der Weg vielleicht auch einmal auf den Friedhof Père Lachaise oder den Cimetière de Montmartre mit ihren Grabmalen berühmter Persönlichkeiten aus den Bereichen Kunst, Literatur, Politik und Wissenschaft. Damit können die ländlichen jüdischen Friedhöfe unserer Region nicht mithalten, auch der jüdische Friedhof Ottweiler nicht. Hier fanden „Die Unbesungenen“ – so der Titel eines Gedichtes von Annette von Droste-Hülshoff, verfasst 1843 als Teil der sogenannten „Totengedichte“ – ihre letzte Ruhestätte. Das schreibt die Stadt Ottweiler in einer Pressemitteilung.

Der glückliche Umstand, dass jüdische Friedhöfe auf Ewigkeit angelegt sind, heißt es weiter, und der jüdische Friedhof Ottweiler in der NS-Zeit nicht zerstört wurde, ermöglichte die Nachforschungen zu mehr oder weniger bedeutenden Ottweiler Familien jüdischen Glaubens. Er bewahrte also die „Erinnerung an die Entrissenen“ mit der Folge, dass gelegentlich Nachfahren ehemaliger jüdischer Bewohner Ottweilers den Weg zu dem „Haus des Lebens“ ihrer Vorfahren finden.

Jetzt suchten Nachfahren der Familie Hanau – Roger Hanau aus Paris und sein Bruder Jacques mit seinem Sohn Yits’hak aus Israel – den jüdischen Friedhof Ottweiler auf, um am „Haus der Ewigkeit“ ihres Vorfahren Isaiah Hanau zu gedenken. Was bewegte sie dazu, die weiten Wege in Kauf zu nehmen, um nach Ottweiler, der Heimat ihrer Vorfahren, zu kommen? Durch den Nationalsozialismus aus Deutschland vertrieben, verloren sie über viele Jahrzehnte den Kontakt zu der Heimat ihrer Vorfahren, suchten aber seit Jahrzehnten nach dem Ursprung ihrer Familie. Dank Internet fand Roger Hanau erste Hinweise auf der Internetseite des Steinheim-Instituts Duisburg. Gemeinsam mit seinem Bruder Jacques, der an einer umfangreichen Familiengeschichte arbeitet, suchte er seit Jahren nach Spuren seiner Ahnen und fand sie in Merzig/Brotdorf und Ottweiler. Roger Hanau wandte sich auf Grund der Angaben des Steinheim-Instituts im Dezember 2018 an die Stadt Ottweiler und fragte nach, ob die Grabstätte seines Urgroßvaters wirklich in Ottweiler zu finden sei. Durch Kontaktaufnahme mit Hans-Joachim Hoffmann, der den jüdischen Friedhof dokumentierte und seit Jahren Daten zu jüdischen Ottweiler Familien zusammenstellt, konnte der Besuch der Nachfahren von Isaiah Hanau verwirklicht werden. Isaiah Hanau zählt zu den „Unbesungenen“, denn er hinterließ nach bisherigen Kenntnissen keine besonderen Spuren in der Geschichte der jüdischen Gemeinde Ottweiler oder gar darüber hinaus, sondern lebte das alltägliche Leben mit seinen Sorgen und Nöten, seinen Leiden und Freuden, mit seinen Pflichten und Neigungen.

Bei dem gemeinsamen Besuch des jüdischen Friedhofs beantworteten die Urenkel die Frage nach dem Grund ihrer Recherchen und der Inkaufnahme des weiten Weges zum kurzfristigen Verweilen am Grab ihres Urgroßvaters, dessen sie mit einem Gebet gedachten, mit der schlichten Antwort: „Wir begegneten unserem Vorfahren und unserer Heimat.“

Die Besucher zeigten sich erfreut über den gepflegten Zustand des jüdischen Friedhofs in Ottweiler, verbanden damit den Dank an die Stadt Ottweiler sowie die Synagogengemeinde Saar und erklärten ihre Bereitschaft, einen finanziellen Beitrag zum Neuanstrich des Eingangstores zu leisten. Mit einem Rundgang durch die Altstadt Ottweilers, deren Erscheinungsbild sie beeindruckend empfanden, zu Stätten ehemaligen jüdischen Lebens beschlossen Roger, Jacques und Yits’hak Hanau ihren Besuch in Ottweiler.

Die nächste Führung über den jüdischen Friedhof Ottweiler ist am Sonntag, 16. Juni. Sie erfolgt in Kooperation mit der KVHS Neunkirchen. Aus organisatorischen Gründen bittet die KVHS um vorherige Anmeldung. Eine Teilnahme ist jedoch auch ohne Anmeldung bei der KVHS möglich. Klaus Burr und Hans-Joachim Hoffmann laden ab 17 Uhr zu der Führung ein. Los geht es am Aufgang zum Friedhof in der Straße Maria-Juchacz-Ring.

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