| 20:08 Uhr

Alles Theater!
Schlau wie ein Architektenschwein

Zum Abschluss des 17. Kinder- Jugend- und Familientheaterfestival „Spielstark“ in Ottweiler wurde das Stück „Frühstück mit Wolf“ aufgeführt. Unser Bild zeigt Anna Bernstein, Eva Coenen und Sabine Merziger.
Zum Abschluss des 17. Kinder- Jugend- und Familientheaterfestival „Spielstark“ in Ottweiler wurde das Stück „Frühstück mit Wolf“ aufgeführt. Unser Bild zeigt Anna Bernstein, Eva Coenen und Sabine Merziger. FOTO: Andreas Engel /
Ottweiler. Das 17. Theaterfestival Spielstark klang mit viel Gegrunze köstlich unterhaltsam aus. Der Festival-Preis ging an das TheaterGrueneSosse. Von Anja Kernig

Ach,  wie entzückend. Ein winziger Flokatiteppich liegt im Schlafzimmer. In diesem schweinischen Designer-Puppenhaus verfügt alles über Bonsai-Format, auch der Geschirrspüler und der Flachbildfernseher. Es gibt sogar eine Gegensprechanlage und einen Swimmingpool. Da hat sich Borste mal wieder selbst übertroffen. Während ihre Architekten-Schwestern zwar witzige, aber unbeständige Baum- und Fertighäuser auf die grüne Wiese bauten, hat Nr.3 der putzigen rosa Tüll-Spitze-Schleifchen-Tutu-Trägerinnen was richtig solides hingezaubert. Allerdings: Es ist ein Einpersonenhaushalt. Findet Borste. Und gewährt den Schwestern, denen der böse Wolf-Dieter ihre Häuschen weggepustet hat, kein Asyl. Da drehen Fässchen und Schmalz den Spieß um und besetzen die pinkfarbene Trutzburg. Wie fies. Jetzt steht Borste auf der Straße, äh, Wiese. Was Wolf-Dieter nicht entgeht: „He Kotelett, lach doch mal“ – der Beginn einer Selbstversorger-Freundschaft.


Zum Abschluss des 17. Theaterfestivals Spielstark haben es die co-gastgebenden Überzwerge aus Saarbrücken noch mal richtig krachen lassen. Bei ihrem „Frühstück mit Wolf“ handelt es sich um eine höchst erfrischende Version des englischen Volksmärchens „Drei kleine Schweine“. Autorin Gertrud Pigor siedelt die zunächst heile Welt der drei Säue in einer Art Heimwerkermilieu an. Wer es noch nicht weiß: Schweine träumen von einem Häuschen im Grünen, „von Beton und Bodenbelägen und Bausparverträgen“. Was in schönstem Kontrast zu ihrer Tussi-Garderobe steht. Bis ins letzte Detail stimmte einfach alles: die Songs von Samba bis Schlager, die Besetzung mit den himmlisch-kindischen Schweinedamen Sabine Merziger, Eva Coenen und Jessica Schultheis und ihrem Gegenspieler, dem rüden Macho Reinhold Rolser, das zuckersüße Bühnenbild, das ab und zu mit Schwarzlicht geflutet wurde, damit die kleinen (Handpuppen-)Tierchen zum Leben erwachen konnten – und natürlich auch die Message. Gerät doch Borstes Selbstverständnis – „ich habe gelernt, nett, dick, lustig, niedlich, gastfreundlich zu sein“ – tüchtig ins Schwanken. Vielleicht muss man ja doch ab und zu mal „gefährlich, durchtrieben, verfressen und gemein“, sprich, ein Wolf sein. Und siehe da, zum „Hilfswolf“ aufgestiegen, renkt sich alles wieder ein. Inklusive der Nahrungskette.

Einziger, dafür umso größerer Wermutstropfen: Zwei Drittel der Plätze im Schlosstheater waren leer geblieben. Mehr als schade. Richtig glücklich waren dafür die Vertreter des TheaterGrueneSosse aus Frankfurt. Sie erhielten den zum dritten Mal ausgelobten und mit 1000 Euro dotierten Preis für die beste Inszenierung. Ihr Zweipersonenstück „Heinrich der Fünfte“ hatte die Jury nachhaltig beeindruckt. Angesprochen wurden darin die großen Menschheitsthemen Macht, Gier, Krieg und Liebe, was die Preisträger auf humorvolle Art „anschaulich und doch modern und packend umzusetzen“ vermochten. So die Begründung von Dietmar Kempf, Dagmar Wiltz, Eva Risch, Klaus Gerhard und Maria Pälzer. Die Jurymitglieder überzeugte nicht nur „die Handlung und die Schauspieler mit ihrer enormen Spielfreude“. Nein, ebenso beeindruckten „die gezielt und überaus anschaulich eingesetzten Bühnenelemente und Requisiten mit enormer Symbolkraft: Eine stolze Burg – aus Sand, zerbrechlich, sich langsam auflösend – bröckelnde Macht. Ein Boxring, Austragungsort von Kämpfen, ein abgestecktes Territorium, ein Feld für Sieger und Verlierer? Und dann Soldaten als zerplatzende Luftballons...“ Ingeborg Bachmann wäre ganz sicher angetan gewesen. Bedauerte sie doch, dass Geschichte „dauernd lehrt, aber keine Schüler findet“. Nun, „Heinrich der Fünfte“ wusste die Schüler immerhin in seinen Bann zu ziehen und so Interesse zu wecken. „Vielen Dank dafür.“