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Habkirchen
Ein museales Kleinod an der Grenze

 Museumsgründer Manfred Nagel (rechts) und sein Nachfolger Franz-Josef Fries mit einem Grenzschild im Zollmuseum Habkirchen.
Museumsgründer Manfred Nagel (rechts) und sein Nachfolger Franz-Josef Fries mit einem Grenzschild im Zollmuseum Habkirchen. FOTO: Wolfgang Degott
Habkirchen. Das Zollmuseum in Mandelbachtal-Habkirchen schlägt thematisch auch einen Bogen zur Arbeit der Zollverwaltung von heute. Von Wolfgang Degott

Früher an einer bedeutenden Handelsstraße von Landau über Zweibrücken nach Metz gelegen, in Frauenberg ausgestattet mit einer Pferdewechselstation war Habkirchen von jeher ein wichtiger Knotenpunkt. Seit dem frühen 18. Jahrhundert war es Grenzort, beherbergte das „hochgräflich leyisches Zollamt“. Wechselnde Herrschaften, politische Zuständigkeiten sorgten dafür, dass bis 1993 die heutige Freundschaftsbrücke über die Blies, die den heutigen Mandelbachtaler Ortsteil und die französische Gemeinde Frauenberg verbindet, mal Grenzfluss, mal ein einfaches fließendes Gewässer war. Mit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens blieb zwar die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, doch das Zollamt, das sich seit 1964 im Deutschen Zollamt Frauenberg – 1994 abgerissen – an der B 423 befand, verlor seine Bedeutung. Manfred Nagel, damals Zollbeamter in seiner Heimatgemeinde, hatte die Vision, diesen Ort der Geschichte zu nutzen, um die Zollgeschichte für die Nachwelt zu erhalten. „Ich habe mich immer dafür interessiert und als absehbar war, dass die Grenze und die Zollämter geschlossen werden, habe ich mir gedacht, dass wir das jetzt festhalten müssen, sonst ist alles verloren.“ Gesagt – getan. Er begann zu sammeln und erinnert sich, dass er die ersten Exponate beim Zoll kaufen musste.


Später wurde er – nachdem die Skepsis gegenüber seinem Vorhabens verflogen war – insbesondere vom Hauptzollamt Saarbrücken unterstützt. Das einzige Zollmuseum zwischen Aachen und Basel, das bis heute über 40 000 Besucher zählte, war geboren, wurde sukzessive komplettiert und fand unter dem Dach des Heimat- und Geschichtsverein Habkirchen-Mandelbach mit dem heutigen Vorsitzenden Manfred Müller seine Heimat. Unterstützer sind heute insbesondere die Gemeinde Mandelbachtal, der Saarpfalz-Kreis und immer noch das Hauptzollamt Saarbrücken. Als 83-Jähriger übergab Nagel im Mai 2016 die Schlüssel seinem Nachfolger Franz-Josef Fries, ebenfalls Zöllner, ebenfalls Habkircher, ebenfalls überzeugter Europäer. Das Zollmuseum, das vor einigen Jahren um einen kleinen Ausstellungsraum und sanitäre Anlagen erweitert wurde, schlägt thematisch auch einen Bogen zur Arbeit der Zollverwaltung von heute. In Spitzenzeiten zählte das Hauptzollamt Saarbrücken mal 1200 Beschäftigte. Heute sind es in einem mittlerweile viermal so großen Gebiet samt Teilen von Rheinland-Pfalz nur noch knapp 550. Dies unterstreiche, dass der Zoll immer noch bestehe, sodass das Zollmuseum nicht mit einem geschichtlichen Museum zu vergleichen sei, meint der 68-jährige Museumsleiter.

Das ständig steigende Interesse der Menschen am musealen Kleinod an der 1770 erbauten Steinbrücke, die Deutsche und Franzosen verbindet, bestärken ihn in der Auffassung, dass die heutigen Aufgaben der Behörde, die von vielen als „historisch“ angesehen wird, der Nachwelt zu erhalten sind. Er fügt hinzu, dass der Zoll noch nie so viele Aufgaben gehabt habe, wie heute. Zwar seien die sichtbaren Kontrollen an der Grenze weggefallen - es gibt nur noch Binnenkontrollen, die durch die sogenannten Mobilen Kontrollgruppen in ganz Deutschland durchgeführt werden, doch hätte die Schwarzarbeiterkontrolle, Kontrollen nach dem Mindestlohngesetz oder seit 2014 die Berechnung der Kraftfahrzeugsteuer in die Aufgaben Einzug gehalten. Auch Drogenschmuggel werde bekämpft oder Bargeldkontrollen durchgeführt. Ergänzt werde alles durch die Produktpiraterie-, Diesel- und Heizölkontrollen. Außerdem trägt der Zoll bei seiner Arbeit dazu bei, Verstöße gegen die Artenschutzbestimmungen aufzudecken.



Fries, der 1971 seinen Zolldienst begann, hat aber auch noch erlebt, dass die Überwachung der „grünen Grenze“ zu den Hauptaufgaben bis 1993 gehörte. Habkirchen habe als Grenzaufsichtsstelle, die im jetzigen Museumgebäude untergebracht war, bis zuletzt zum Zollkommissariat Bliesdalheim gehört. Im damaligen Zollgrenzbezirk seien immer vier Zöllnern rund um die Uhr im Dienst gewesen, die per Funk erreichbar und wenn nötig innerhalb von zehn Minuten an einer notwendigen Eingreifstelle gewesen seien. „Die Menschen, die im Zollgrenzbezirk gewohnt haben, riefen ganz selten nach der Polizei, mehr den Zoll, da er mit Beamten vor Ort gewesen war“, so Fries. Damit habe man Sicherheit produziert.

Beim Blick in die Geschichte der Menschen, die den Grenzübergang nutzten, taucht der Name Karl Marx auf. Er passierte als 29-Jähriger, in Preußen per Haftbefehl gesucht, am 7. April 1848 von Paris kommend, die Grenze. Damals wurde er von Friedrich Engels und dem Publizisten Ernst Dronke begleitet, die gemeinsam nach Köln reisten. Nicht belegt, aber anzunehmen ist auch, dass er ein Jahr später, also vor genau 170 Jahren, Habkirchen als Grenzübergangsstelle zwischen Bayern und der Republik Frankreich zum zweiten Mal nutzte, um unbehelligt zu passieren. Zu der Zeit (1816 bis 1918) gehörte die Pfalz und das Nebenzollamt 1. Klasse zum Königreich Bayern und bedurfte eines Grenzzollamtes um Aus- und Einreisende besser kontrollieren zu können. Im Museum ist eine Kopie des französischen Reisepasses des berühmten Grenzgängers, der damals als „Charles Marx“ einreiste, ausgestellt.

Geht man heute durch die Eisentür ins Museum, ist das ein Zeitsprung in die früheren Jahrzehnte. Vorbei an dem Abfertigungsschalter mit seinen historischen Utensilien und einer lebensgroßen Puppe in Zolluniform, erschließt sich die Welt des Zolls. Stolz sind Nagel und Fries beispielsweise auf eine Fadenzählermaschine, eine von nur drei Apparaten in Deutschland. „Sie stand im Keller des Hauptzollamtes Saarbrücken“, so Nagel, und niemand hätte gewusst, wofür sie genutzt werden könne. Durch einen Artikel in der französischen Zollzeitung „La vie de la Douane“, in dem ein solcher Apparat abgebildet war, erfuhr er, dass in früheren Jahren die Waren ihrer Länge nach verzollt worden waren. Neben den klassischen Exponaten wie Uniformen, Grenzschilder, aber auch Dokumenten beherbergt das Museum auf seiner rund 90 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche auch eine kleine Ecke mit Andenken an die DDR-Grenze. Die Flagge mit Hammer und Sichel, die Kopie eines Grenzpostens an dem ein originales Bronzeschild prangt, eine lebensgroße Puppe mit der entsprechenden Zolluniform, zählen zu den Exponaten.

„Die Zollbeamten der DDR gehörten zum Militär und waren auch entsprechend ausgestattet“, erläutert Fries. Ein ehemaliger Kollege habe ihm eine originale Igelkette zur Verfügung gestellt. Immerhin trennten bis 1990 die Bundesrepublik und die DDR 1400 Kilometer Grenze, darin eingeschlossen ein 860 Kilometer langer Grenzzaun und die Berliner Mauer. Viele Besucher, insbesondere die Jüngeren, so Fries, wüssten schon nichts mehr oder nur wenig von dieser Grenze, sodass die Erinnerung daran im Zollmuseum gerechtfertigt sei. Ergänzt wird die Sammlung durch eine Veterinär-Einfuhrgenehmigung eines indischen Löwen, den der aus Wiebelskirchen stammende damalige DDR-Staatschef Erich Honecker 1987 beim Besuch dem Zoll seiner Heimatstadt Neunkirchen schenkte. Das älteste Dokument ist eine Zolltarif-Anweisung des Kurfürsten und Bischofs von Trier aus dem Jahr 1711. Darin sind die Abgaben vermerkt, die damals an der Grenze für Wein oder Vieh und Getreide zu entrichten waren. Ertappten Schmugglern drohten damals hohe Strafen. Das vermutlich kostbarste Museumsstück ist ein gusseisernes zentnerschweres Original-Grenzschild mit dem Wappen des Königreichs Bayern aus der Zeit um 1816.

Seit 2012 kam zu den französischen und deutschen Zolluniformen noch drei des Großherzogtums Luxemburg hinzu. Gestiftet wurden sie von der luxemburgischen Zollverwaltung, die ein Museum in Esch betrieb, das damals kurz vor der Schließung stand. Auf großes Interesse bei den Besuchern stößt auch die Sammlung mehrerer Geräte zur Bestimmung von Alkoholkonzentrationen in Bier und Branntwein sowie moderne Rauschgifttests.

Alle Teile, die in der Serie „Museen im Saarland“ bisher erschienen sind, finden Sie im Internet.

 Eine Fadenzählermaschine, die Manfred Nagel im Keller des Hauptzollamtes entdeckt und ins Habkircher Museum gebracht hat.
Eine Fadenzählermaschine, die Manfred Nagel im Keller des Hauptzollamtes entdeckt und ins Habkircher Museum gebracht hat. FOTO: Wolfgang Degott
 Das Zoll- und Grenzschild des Deutschen Reiches ist eines der herausragenden Exponate im Musum.
Das Zoll- und Grenzschild des Deutschen Reiches ist eines der herausragenden Exponate im Musum. FOTO: Wolfgang Degott
 Das frühere Zollamt und heutige Zollmuseum in der Gemeinde Mandelbachtal in Habkirchen.
Das frühere Zollamt und heutige Zollmuseum in der Gemeinde Mandelbachtal in Habkirchen. FOTO: Franz-Josef Fries
 Reisepass, mit dem Karl Marx 1848 einreiste.
Reisepass, mit dem Karl Marx 1848 einreiste. FOTO: Wolfgang Degott