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"Wo viel versprochen wird, da muss man vorsichtig sein!"

"Wo viel versprochen wird, da muss man vorsichtig sein!"

Wellesweiler. Dass die Schüler der Klasse 9a der Alex-Deutsch-Schule Wellesweiler derart gebannt in einem Geschichtsbuch lesen würden, wie sie am Montagmorgen Walter Löb zuhörten, ist schwer vorstellbar. Wenn jemand persönlich von Dingen berichtet, die er erlebt hat, sei das eben etwas anderes, als eine anonymisierte Abfolge von Geschehnissen nachzublättern, fanden die Jugendlichen. Im Begegnungsraum der Schule hatte man sich um den 86-jährigen Saarlouiser, einen der wenigen noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust, versammelt. Das Treffen war im Auftrag des Adolf-Bender-Zentrums von Reinhold Strobel organisiert worden."Als die anderen Uniformen bekamen, ich aber nicht, als ich bei bestimmten Aktionen nicht willkommen war und meine Schulkameraden auf Distanz gingen, da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich jüdischer Abstammung bin", erinnerte sich Löb an die Zeit nach der Angliederung des Saargebietes an Hitler-Deutschland. Vorangegangen sei die Saarabstimmung 1935, betonte Willi Portz, Geschäftsführer des Adolf-Bender-Zentrums, der moderierte und zu Löbs Erzählungen immer wieder wichtige Rahmeninfos lieferte. Vor dem Nationalsozialismus, so Löb, habe er sich nie jüdisch gefühlt. Zwar war der Vater Jude, doch der habe mit Glauben oder Bräuchen nie viel am Hut gehabt. Die Mutter war katholisch, hatte die Kinder taufen lassen und katholisch erzogen. Zunächst versuchte die Familie, sich mit den Entwicklungen zu arrangieren, doch bald schlug die Ausgrenzung in zunehmend schärfere Verfolgung um. "Im November 1938 schließlich, in der Reichspogromnacht, hämmerte und trat man gegen unsere Tür. Als mein Vater öffnete, prügelte man auf ihn ein und zerrte ihn zum Schlachthof." Der Junge, der dem Mob heimlich folgte, sah, wie noch weitere jüdische Saarlouiser unter Gebrüll dorthin verschleppt und mit Lastwagen fortgebracht wurden - ins KZ Dachau, wie man später erfuhr. Die verbrecherische Macht der Nationalsozialisten bekam Löb auch zu spüren, als seine Schwester wegen Kleinwuchs in eine "Heilanstalt" entführt und im Rahmen des Euthanasie-Programms ermordet wurde, und als sein Bruder starb, weil ein Arzt die Behandlung verweigerte. In den 60er Jahren ist Löb demselben Arzt zufällig in Bad-Kreuznach begegnet und hat ihn zur Rede gestellt. "Er hat sich nicht entschuldigt, nur auf eine angebliche Anordnung berufen." Löb selbst überlebte seinen Widerstandskampf bei der französischen Résistance. Beim Erzählen kam ihm auch die ein oder andere komische Anekdote über die Lippen. In einer lockeren Gesprächsrunde beantwortete Löb noch Fragen der Schüler, scherzte und gab ihnen einen Rat: "Lasst euch in politischen Gesprächen nie verführen. Wo viel versprochen wird, da muss man vorsichtig sein!" Der 14-jährige Frederic Engels war nach dem Treffen beeindruckt: "Wenn ein Zeitzeuge vom Holocaust erzählt, spürt man, was er damals gefühlt hat und fühlt all dies mit." ani

Wellesweiler. Dass die Schüler der Klasse 9a der Alex-Deutsch-Schule Wellesweiler derart gebannt in einem Geschichtsbuch lesen würden, wie sie am Montagmorgen Walter Löb zuhörten, ist schwer vorstellbar. Wenn jemand persönlich von Dingen berichtet, die er erlebt hat, sei das eben etwas anderes, als eine anonymisierte Abfolge von Geschehnissen nachzublättern, fanden die Jugendlichen. Im Begegnungsraum der Schule hatte man sich um den 86-jährigen Saarlouiser, einen der wenigen noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust, versammelt. Das Treffen war im Auftrag des Adolf-Bender-Zentrums von Reinhold Strobel organisiert worden."Als die anderen Uniformen bekamen, ich aber nicht, als ich bei bestimmten Aktionen nicht willkommen war und meine Schulkameraden auf Distanz gingen, da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich jüdischer Abstammung bin", erinnerte sich Löb an die Zeit nach der Angliederung des Saargebietes an Hitler-Deutschland. Vorangegangen sei die Saarabstimmung 1935, betonte Willi Portz, Geschäftsführer des Adolf-Bender-Zentrums, der moderierte und zu Löbs Erzählungen immer wieder wichtige Rahmeninfos lieferte. Vor dem Nationalsozialismus, so Löb, habe er sich nie jüdisch gefühlt. Zwar war der Vater Jude, doch der habe mit Glauben oder Bräuchen nie viel am Hut gehabt. Die Mutter war katholisch, hatte die Kinder taufen lassen und katholisch erzogen. Zunächst versuchte die Familie, sich mit den Entwicklungen zu arrangieren, doch bald schlug die Ausgrenzung in zunehmend schärfere Verfolgung um. "Im November 1938 schließlich, in der Reichspogromnacht, hämmerte und trat man gegen unsere Tür. Als mein Vater öffnete, prügelte man auf ihn ein und zerrte ihn zum Schlachthof." Der Junge, der dem Mob heimlich folgte, sah, wie noch weitere jüdische Saarlouiser unter Gebrüll dorthin verschleppt und mit Lastwagen fortgebracht wurden - ins KZ Dachau, wie man später erfuhr. Die verbrecherische Macht der Nationalsozialisten bekam Löb auch zu spüren, als seine Schwester wegen Kleinwuchs in eine "Heilanstalt" entführt und im Rahmen des Euthanasie-Programms ermordet wurde, und als sein Bruder starb, weil ein Arzt die Behandlung verweigerte. In den 60er Jahren ist Löb demselben Arzt zufällig in Bad-Kreuznach begegnet und hat ihn zur Rede gestellt. "Er hat sich nicht entschuldigt, nur auf eine angebliche Anordnung berufen." Löb selbst überlebte seinen Widerstandskampf bei der französischen Résistance. Beim Erzählen kam ihm auch die ein oder andere komische Anekdote über die Lippen. In einer lockeren Gesprächsrunde beantwortete Löb noch Fragen der Schüler, scherzte und gab ihnen einen Rat: "Lasst euch in politischen Gesprächen nie verführen. Wo viel versprochen wird, da muss man vorsichtig sein!" Der 14-jährige Frederic Engels war nach dem Treffen beeindruckt: "Wenn ein Zeitzeuge vom Holocaust erzählt, spürt man, was er damals gefühlt hat und fühlt all dies mit." ani