Wie Kirche zum Friedhof wird

SZ-Leser-Reporter gibt Denkanstoß zur Folgenutzung „überzähliger“ christlicher Gotteshäuser auch in unserer Region.

Er habe "einen tollen Vorschlag", hat sich Rudi Müller (79) aus Stennweiler schriftlich bei unserer Redaktion gemeldet. Was etwa in Aachen, in Hannover und in Krefeld gehe, das müsse auch hier gehen: "Viele Kirchen sind entwidmet und somit für Urnengrabstellen zu benutzen." Das Foto einer Urnenkirche hat Müller als Beispiel seinem Brief beigelegt. Urnenkirchen sind ehemalige Gotteshäuser oder Teile davon, die zum Friedhof erklärt werden. Eine Bestattung ist hier für Katholiken, Protestanten und oft auch Konfessionslose möglich.

20 Jahre habe er für die Stadt Neunkirchen auf dem Zentralfriedhof Furpach gearbeitet, erzählt Müller auf telefonische Nachfrage weiter. Er beobachte aufmerksam den Wandel. Erdbestattungen würden immer weniger, geweihte Erde liege brach, Feuerbestattungen würden immer mehr, Urnenwände drohten Friedhöfe zu verschandeln. Die Stadt Neunkirchen allerdings habe mit Urnenwänden noch gar nicht angefangen. Kirchengebäude könnten, so Müller weiter, als Urnenfriedhof eine neue Nutzung erhalten. Es würden doch immer mehr Gotteshäuser - auch hier vor unserer Haustür - aufgegeben. Für die Angehörigen sei der Bestattungsort Kirche ein besonderer Ort mit besonderem Andenken, hätten hier vielleicht doch Taufe oder Heirat stattgefunden. Und neben einem besonderen Flair sei es in einer Urnenkirche "immer trocken und sauber", so unser Leser-Reporter.

Bis jetzt steht im Landkreis Neunkirchen und auch saarlandweit kein Kirchenkolumbarium, weder in einer katholischen noch in einer evangelischen Gemeinde. Das ergab eine Recherche unserer Zeitung. Im Bistum Trier, zu dem die katholischen Gemeinden in unserer Region gehören, ist nach Auskunft von Pressesprecher André Uzulis noch keine Urnenbegräbnisstätte in einem Kirchenraum umgesetzt worden. In Trier-Mariahof sei im Untergeschoss unter der Kirche - also nicht im eigentlichen Kirchenraum - seit 2009 eine Urnenbegräbnisstätte eingerichtet, die Kirche selbst ist weiter voll als Gottesdienstort der Gemeinde in Funktion: "Der Anlass war damals das Anliegen, eine namentlich gekennzeichnete, würdige Begräbnismöglichkeit auch für Menschen zu haben und anbieten zu können, denen aus Kostengründen sonst nur die anonyme Bestattung bleiben würde." Eine Urnenbegräbnisstätte entstehe derzeit auch in Boppard.

Das Umwidmen einer als Gottesdienstraum aufgegebenen Kirche zu einem Kolumbarium sei genau zu prüfen, sagt Uzulis. Sie müsse pastoral und wirtschaftlich sehr gut begründet sein. Grundsätzlich verstehe das Bistum die Möglichkeit, Urnenbegräbnisstätten in Kirchen einzurichten, "als Beitrag, die im Wandel befindliche Begräbniskultur unter christlichen Vorzeichen mitzugestalten". Urnenbestattungen selbst seien im pastoralen Alltag der katholischen Kirche im Bistum Trier an der Tagesordnung, auch wenn die katholische Kirche das Erdbegräbnis als Form der Bestattung bevorzuge.

Im Bereich der Evangelischen Kirche im Rheinland, zu der die Gemeinden in unserer Region gehören, sind bisher in sechs Kirchen Kolumbarien entstanden. Alle liegen in Nordrhein-Westfalen, wie Pressefrau Ulrike Klös auf SZ-Anfrage aufbereitet hat. "In den beiden saarländischen Kirchenkreisen gibt es unseres Wissens noch keine Urnenkirche." Klös weiß allerdings von Plänen in Völklingen-Warndt.

Auch die evangelische Kirche rät zur genauen Prüfung von Urnenkirchen-Plänen. Es gebe keine "Patentlösung" heißt es in einem Leitfaden der Landeskirche für die Gemeinden. Neben architektonischen, rechtlichen und finanziellen Aspekten seien auch theologische und liturgische Gesichtspunkte zu berücksichtigen: "Die Einbindung in die Gemeindekonzeption gehört unabdingbar dazu."