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Wie Gitarrist Roland Gebhardt unterrichtet und musiziert in Zeiten von Corona.

Künstler und Corona : „Live-Atmosphäre ist nicht zu toppen“

Corona macht erfinderisch. Also unterrichtet Gitarrist Roland Gebhardt jetzt online und stellt seine Musik bei Youtube ein.

Es ist zum Wegträumen schön. „Para freya“ so heißt das Stück, das der Gitarrist Ro Gebhardt am Donnerstag bei YouTube einstellen wird. Vier Minuten und neun Sekunden lang lassen die sanften Gitarrenklänge den Zuhörer Corona und Ausgangsregelungen, Kummer, Sorgen, Ängste vergessen. Dabei hätte es dieses Video vermutlich gar nicht gegeben, wenn die Zeiten noch anders und schöner wären, die geplanten öffentlichen Auftritte gar nicht die Zeit für Online-Konzerte hergäben.

„Das Internet, das nutze ich mehr oder weniger notgedrungen. Ich versuche, aus der Not eine Tugend zu machen“, so erzählt der gebürtige Neunkircher, der seit geraumer Zeit schon mit seiner Familie in Bexbach lebt aber immer ein „Neinkerjer Bub“ bleibt. Mit einem wirklichen Konzert sei das aber nicht vergleichbar. Live-Atmosphäre sei eben nicht zu toppen. Aber als Künstler müsse man das heute anbieten, bereits seit 15 Jahren schon stellt deshalb auch Gebhardt seine neuen Projekte als Audio und Video vor. Natürlich mache das auch irgendwie Spaß, sei aber mit einem großen Zeitaufwand verbunden. „Schließlich kann man nicht nur ein schwarzes Bild zeigen. Die Leute wollen ja etwas sehen.“ Die Zeit, die hat er nun. Notgedrungen. Also wird er, das hat er sich vorgenommen, so alle ein, zwei Wochen ein neues Video online stellen. Der Untertitel lautet immer: „Blue music for a blue planet (stop Corona)“. Der erste Teil war das große Thema im vergangenen Jahr und Übertitel aller Gebhardt-Konzerte.

Und da war auch für dieses Jahr so einiges geplant. Auftakt der Vater-und-Sohn-Konzerte mit Sohn Alec an der Bass-Gitarre war am 8. Februar bei Bücher König in Neunkirchen. Viele weitere sollten folgen. Das wird nun bekanntermaßen erst einmal nichts werden. Wie die meisten Musiker hat Gebhardt als zweites Standbein den Unterricht. Da hat er noch Anfang des Jahres eine sichere Stelle in Sulzbach gekündigt. „Ich dachte: Es gibt so viel zu tun mit Konzerten, da hatte ich so viel vor und so viele Ideen.“ Jetzt plagen ihn – wie viele seiner Kollegen – Existenzängste.

Eine Sorge kam aktuell dazu. Angeblich werde die der Neunkircher Kulturgesellschaft angegliederte Musikschule die Zahlungen an die Dozenten ab April aussetzen, diese Info machte unter den Künstlern dieser Tage die Runde. Auf SZ-Anfrage klärt Kulturgesellschafts-Geschäftsführer Markus Müller auf und gibt komplette Entwarnung. „Fake News.“ Und er erläutert, wie es wirklich aussieht: Die freiberuflichen Dozenten erhalten ihre Honorare immer rückwirkend zum Ende des Monats. „Sie erhalten für den März ihr vollständiges Honorar, so als wären keine Stunden ausgefallen. Dies werden wir Ende April für ihr April-Honorar genau so handhaben.“ Dies sei eine Form der zusätzlichen Unterstützung und des Entgegenkommens und mehr als ein Symbol der Unterstützung. „Wie wir das alles, wenn wieder normale Zeiten anbrechen, verrechnen, prüfen wir im Moment. Da ist noch etwas Luft und das hängt auch von den weiteren Entwicklungen ab.“

Zwei, maximal drei Monate, so prophezeit Gebhardt, der zwei schulpflichtige Kinder hat, dann muss er ans Eingemachte. Will sagen: Die Rücklagen müssen angegriffen werden. „Dabei“, so sagt er auch, „kann ich noch froh sein, dass ich mir als Künstler Rücklagen schaffen konnte.“ Die meisten seiner Kollegen kommen gerade so über die Runden – in normalen Zeiten.

Gebhardt ist  keiner, der schnell aufgibt. Also hat er sich mit seinen Schülern kurzgeschlossen und gesagt: „Wir machen das irgendwie.“ Also gibt es Online-Unterricht. „Das geht in Maßen“, sagt er. Allerdings: „Miteinander spielen, das ist wegen der Zeitverzögerung nicht drin.“ Dafür müsste er erst einmal in zusätzliche Software investieren. Und das kostet. Also weiß er sich zu helfen: Die Schüler bekommen den von Gebhardt eingespielten Rhythmus gemailt als Playback oder nehmen diesen selbst über Loop-Stationen auf. Über Facetime oder Skype findet der Unterricht statt. „Aber das müssen die Schüler ja auch erst einmal haben.“ Seit zwei Wochen läuft der Gitarren-Unterricht jetzt so. „Mit war klar, das wird eine Weile so gehen müssen“, sagt der Künstler. Erfunden worden ist der Online-Unterricht natürlich nicht erst jetzt. In Amerika beispielsweise werde das seit sechs, sieben Jahren schon angeboten. „Da gibt es auch die Möglichkeit, mit seinem persönlichen Star ein paar Stunden zu nehmen“, erläutert Gebhardt und gesteht: „Bei mir wäre das George Benson.“ Und für einen kurzen Moment ist in diesem Telefonat der fröhliche Gebhardt da, der, der weltweit nicht nur für seine Musik, sondern auch für sein sympathisches Lachen bekannt ist. Aber nur kurz kehrt der zurück. „Über den Atlantik online Unterricht zu nehmen, das ist eine tolle Sache. Aber wenn du Kinder online unterrichten musst, die nur einen Kilometer entfernt wohnen, das ist schon irre.“

Gebhardt hofft, dass in zwei, drei Monaten alles ausgestanden ist, wieder Normalität ins Leben aller einkehrt. Die ganze Situation erschüttert den Weltklasse-Gitarristen hörbar. „Es wirkt alles so unwirklich. Und dann diese Lkw, die in Italien die Toten wegbringen . . .“, ringt er hörbar um Fassung.  „Ich habe zwei Kinder, da mache ich mir viele Gedanken“, kommt leise durchs Telefon. Seine Musik gibt ihm Kraft – und mit seinen YouTube-Videos gibt er ein bisschen davon an alle weiter, die zuhören wollen.

Zu hören und zu sehen unter:

youtu.be/_wVQ96h8O6c