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Werkzyklus „Macht und Ohnmacht“ des Wiebelskircher Künstlers Seiji Kimotos in Obhut des Historischen Museums Saar

Wiebelskircher Künstler : „Kunst sollte da sein, wo sie gebraucht wird“

22-teiliger Werkzyklus „Macht und Ohnmacht“ des Wiebelskircher Künstlers Seiji Kimotos in Obhut des Historischen Museums Saar.

Sie heißen „Erniedrigung“, „Opfer“ oder „Widerstand“, bestehen aus feuerrot bis dunkelbraun getöntem Holz, sind meist  ein bis zwei Meter groß – und vermögen zutiefst zu berühren. Die Rede ist von den Skulpturen des Werkzyklus „Macht und Ohnmacht“ des in Wiebelskirchen lebenden Künstlers Seiji Kimoto. Fast augenblicklich treffen sie den Betrachter dort, wo es weh tut, wo die Angst, die Trauer, der Hass, die Scham sitzen, aber auch das Mitgefühl, die Liebe, die Hoffnung.

22 dieser Objekte des japanisch-saarländischen Künstlers Seiji Kimoto sind vor kurzem in die Sammlung des Historischen Museums Saar übergegangen. Was Anlass zu einem Gespräch mit dem Ehepaar Kimoto und dem Leiter des Museums, Simon Matzerath, in dessen Büro im Nordflügel des Saarbrücker Schlosses war. „Wir haben uns gefreut, diese Gruppe entgegen nehmen zu können“, betonte der Gastgeber. „Dieser Schritt war Voraussetzung dafür, die Werke nachhaltig und einem internationalen Publikum zur Verfügung stellen zu können. Die Skulpturen verbleiben bei uns und wenn etwa eine Gedenkstätte Interesse hat, werden sie durch uns professionell verliehen“ – das heißt, unter Einhaltung konservatorischer Bedingungen.

Interessant für das Museum als „Dienstleister“ seien mehrere Aspekte: Zum einen zu dokumentieren, was ein hiesiger Künstler über viele Jahrzehnte geschaffen hat, zum anderen die Auseinandersetzung mit jüngerer regionaler Geschichte und deren Aufarbeitung, Stichwort Erinnerungskultur. „Herr Kimoto hat einen starken Saarlandbezug“, davon zeugen allein in der Landeshauptstadt acht Arbeiten, darunter das zwei mal acht Meter große Relief „Macht und Ohnmacht“ im Landtag oder die Großplastik „Orientierung“ an der Fachoberschule Design. Der Reiz, den dieser Werkzyklus für ein kultur-geschichtliches Museum ausmacht, liegt laut Matzerath auch darin, zusätzlich zum rein faktischen Vermitteln dieser schwierigen, schmerzhaften Thematik direkt die Gefühlsebene ansprechen zu können.

Ähnlich froh ist das Ehepaar Kimoto über die gefundene Lösung. 1937 geboren, befindet sich Seiji Kimoto in einem Lebensalter, wo die Frage des Verbleibs des eigenen Werks – damit es nicht irgendwo „vor sich hin modert“, wie es Ursula Kimoto bildhaft ausdrückte – zu einer immer dringlicheren wird. Dass seine Arbeiten auch für kommende Generationen von Belang sind, darüber besteht kein Zweifel. „Vergangen ist vergangen? Eben nicht. Gerade die Vergangenheit muss in unserem Bewusstsein bleiben“, so die Intention der Kimotos. „Es ist so wichtig, dass verstanden wird, was Menschen Menschen antun. Die Gewalt ist nicht weg.“ Immer wieder haben sie in oft sehr berührender Art und Weise erlebt, wie insbesondere junge Leute auf die Darstellungen des gebürtigen Japaners reagieren. Zuletzt in Österreich. Dort hatte Kimoto im GPS- Ausbildungszentrum Villach eine sechs Meter hohe Metallskulptur gefertigt – zum Gedenken an die Sklavenarbeit der KZ-Häftlinge von Mauthausen beim Bau des Loibl-Tunnels 1943 bis 1945. Von der Planung über Zeichnungen bis hin zur Umsetzung waren die involvierten Schüler mit Hingabe und Herzblut bei der Sache.

Sie wird nicht schwächer, die Botschaft Seiji Kimotos und sie nutzt sich auch nicht ab. Im Gegenteil, die Bedeutung seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich und den Opfern der Nazidiktatur und in der Metaebene darüber mit Macht und Machtmissbrauch wächst, auch, weil es immer weniger Zeitzeugen gibt. (Mit Alex Deutsch, der bis zu seinem Tod 2011 in der gleichen Straße wie sie wohnte, waren die Kimotos gut befreundet.) Anno 2020 könnte die Aktualität der Arbeiten Kimotos jedenfalls kaum größer sein: „Das Thema findet heute statt, überall auf der Welt“, so Matzerath, Werke wie die Kimotos sind ein „Signal für die Gegenwart“.

Die Skulpturen von Seiji Kimoto vermögen zutiefst zu berühren,  sie treffen den Betrachter da, wo es weht tut. Foto: Alexander Kimoto

Mit seinen 83 Jahren ist Seiji Kimoto nach wie vor hoch produktiv. Kein Tag vergeht ohne künstlerisches Tun. So entstand im Frühjahr das zwei mal 2,10 Meter große Acrylgemälde „Abschottung“, das die Haltung Europas gegenüber Flüchtlingen wie auch die Haltung der Gesellschaft gegenüber Fremden generell hinterfragt. „Macht erleiden müssen, sich widersetzen, ‚Nein’ sagen“, darum dreht es sich massiv, fasst Ursula Kimoto zusammen. Es bleibt noch viel zu tun für ihren Mann.