Weimarer Nationalversammlung und Saargebiet

Blick in die Geschichte : Und Bartholomäus Koßmann mittendrin

Vor 100 Jahren: Der Eppelborner Abgeordnete war Mitgründer der ersten deutschen Demokratie.

Es war alles so gut gemeint. In der Stadt Goethes und Schillers sollte der Neuanfang gewagt werden, der Weg Deutschlands in eine demokratische Republik. Statt kaiserlichem Imperialismus sollte geistige Größe die neue Zeit prägen. Die Verantwortlichen verbreiteten Optimismus. Als die Verfassung unter Dach und Fach war, lobte sie der Innenminister von der SPD als „die beste Verfassung der Welt.“ Der Jubel war verfrüht. Zwar verfügte das deutsche Volk jetzt über eine fortschrittliche Verfassung, mit der es hätte sicher leben können.

Doch die Verhältnisse waren dagegen. Zu gering die Verankerung der Demokratie im Volk, zu gravierend die Lasten des Versailler Vertrages, zu dominant der Trend zu Verleumdung und Gewalt, zu wuchtig schließlich das Millionenheer der Arbeitslosen. Schon nach 14 Jahren (1933) war die erste deutsche Demokratie am Ende. Für den Historiker Heinrich August Winkler, angesichts des Schrecklichen, das dann folgte, eine der großen Katastrophen der Weltgeschichte.

Der Startschuss fiel in Weimar. Dort wurde am 6. Februar 1919 die Nationalversammlung eröffnet. Das Residenzstädtchen in Thüringen bot Sicherheit vor den revolutionären Unruhen in Berlin. Die Strahlkraft der Stadt der Klassik sollte das „neue Deutsche Reich“ aufwerten.

Der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert (1871 bis 1925) stand mit dieser Hoffnung nicht allein. Manche versprachen sich vom Gang nach Weimar einen milderen Frieden.

Ebert, ein Mann aus dem Volk, Sohn eines Heidelberger Schneidermeisters und gelernter Sattler, war seit der Novemberrevolution 1918 Reichskanzler. Er hielt die Eröffnungsrede in Weimar. Sein Zukunftskonzept für Deutschland lautete: Ja zu parlamentarischen Reformen, Nein zum revolutionären Umsturz. Den forderten die Sozialisten der USPD und Karl Liebknecht (1871 bis 1919) und Rosa Luxemburg (1871 bis 1919) vom Spartakusbund. Mit dem Sturz des Kaiserreichs, verkündete Ebert selbstbewusst, seien die alten Abhängigkeiten „für immer“ beseitigt. Höchster und einziger Souverän in Deutschland sei nun die Nationalversammlung: „Das deutsche Volk ist frei, bleibt frei und regiert in aller Zukunft sich selbst.“

Drei Wochen zuvor hatten rund 33 Millionen Deutsche zum ersten Mal in rundum demokratischen Wahlen ihre Volksvertreter bestimmt. Erstmals galt das Frauenwahlrecht. Die KPD nahm nicht teil. Reichsweit votierte die überwiegende Wählermehrheit für die demokratischen Parteien: SPD (37,9 Prozent), katholisches Zentrum (19,7 Prozent) und die beiden liberalen Parteien DDP (18,5 Prozent) und DVP (4,4 Prozent). Die Flügelparteien links (USPD: 7,6 Prozent) und rechts (DNVP: 8,6 Prozent) kamen auf rund 16 Prozent.

Im Saarrevier hatte das katholische Zentrum (47 Prozent) die Nase vorn, gefolgt von der SPD (36,6 Prozent) und der DDP (13,8 Prozent). Einer der acht im Wahlkreis Koblenz-Trier, zu dem das Saargebiet gehörte, gewählten Zentrumskandidaten war der aus Eppelborn stammende Politiker Bartholomäus Koßmann (1883 bis 1952). Der konservative Sozialpolitiker hatte eine bemerkenswerten Aufstieg geschafft: Erst Bergmann auf Grube Camphausen (1899 bis 1905), dann Arbeitersekretär, Mitglied des Neunkircher Gemeinderats (1909) und schließlich Reichstagsabgeordneter in Berlin (1912 bis 1918).

Der Weimarer Nationalversammlung gehörte er bis zum Jahr 1920 an, als das Saargebiet vom Reich abgetrennt und einer Regierung des Völkerbundes unterstellt wurde. Die Unterzeichnung des Versailler Vertrages lehnte Koßmann im Juni 1919 (mit weiteren 137 Abgeordneten) wegen der Abtrennung seiner Heimat von Deutschland ab. Eine Parlamentskollegin Koßmanns war die Berliner Sozialreformerin und Gründerin der Arbeiterwohlfahrt Marie Juchacz (1879 bis 1956). Sie ging in die Annalen ein als die erste Frau, die – am 19. Februar 1919 – im Weimarer Parlament das Wort ergriff.

Nicht nur mit dem ungewohnten Auftakt ihrer Rede („Meine Herren und Damen!“) erregte sie Aufsehen. Ihr parlamentarisches Engagement galt der Förderung von Kindern, Jugendlichen und Frauen. Juchacz verfocht die Straffreiheit bei Abtreibungen und thematisierte im Parlament die seelischen Konflikte von Frauen, die aus Verzweiflung abtreiben. Nach der Machtübernahme der NSDAP floh sie ins Saargebiet, wo sie vor der Saarabstimmung vom 13. Januar 1935 Hitlerflüchtlinge betreute.

Den 423 gewählten Abgeordneten der Nationalversammlung, darunter erstmals 37 Frauen, oblag die Schaffung einer zukunftsfähigen Staatsordnung. Eine Herkulesaufgabe angesichts der prekären Zeitumstände, die sich auch in der regionalen Presse des Saarreviers spiegelten: Zwei Millionen Kriegstote, Hungersnot, Sittenverrohung, Straßenkämpfe. Im Januar 1919 wurde der kommunistische Spartakus-Aufstand in Berlin niedergeschlagen. 162 Menschen starben, auch die Spartakus-Anführer Liebknecht und Luxemburg, ermordet von rechtsstehenden Freikorps-Soldaten.

Die Gewaltspirale drehte sich weiter. Bürgerkrieg lag in der Luft. Und den wollte Ebert durch den raschen Aufbau eines demokratischen Staatswesens verhindern. Der Sozialdemokrat hasste die Revolution „wie die Sünde“. Deshalb widersetzte er sich mit aller Macht den Predigern des gewaltsamen Umsturzes. Das Wahlergebnis vom 19. Januar 1919 gab ihm Recht. Die Mehrheit der Deutschen – gerade auch die über 17 Millionen Erstwählerinnen, die häufiger als die Männer bürgerlich wählten – wünschte sich eine parlamentarische Demokratie, keinen Rätestaat nach russischem Vorbild. Fortan bildeten SPD, Zentrum, DDP und (ab 1920) DVP die tragenden Säulen der Republik.

Sie wählten Ebert am 11. Februar 1919 zum Reichspräsidenten, verhalfen der neuen Verfassung im Juli 1919 zum Sieg und sorgten als Regierungsparteien bis 1930 für das Funktionieren von Rechtsstaat und Demokratie. Das machte sie zur Zielscheibe extremistischer Hetze von links und rechts. Deren Hass galt der „gottverfluchten, ruchlosen Republik.“ Namhafte Repräsentanten der Republik wurden ermordet (Ex-Finanzminister Matthias Erzberger 1921, Außenminister Dr. Walther Rathenau 1922), andere mussten Rufmord-Kampagnen über sich ergehen lassen. Nicht zuletzt Friedrich Ebert, der zwischen 1919 und 1925 mehr als 170 Beleidigungsprozesse führte und darüber seine Gesundheit vernachlässigte. Er erlag 1925 im Alter von nur 54 Jahren einer zu spät behandelten Krankheit.

Erklärt sich das unrühmliche Ende der Republik aus Konstruktionsfehlern der Verfassung? Der Historiker Golo Mann (1909-1994) nannte sie eine „Ideal-Verfassung“, die „auf dem Papier so schön, wie der Vertrag von Versailles schlecht“ gewesen sei. Der nach dem Verhältniswahlrecht bestimmte Reichstag machte die Gesetze und gewährte oder entzog der Regierung das Vertrauen. Gegengewicht zum Parlament war der ebenfalls direkt gewählte Reichspräsident. Er berief und entließ den Kanzler, konnte den Reichstag auflösen und im Notfall sogar Gesetze erlassen.

Auch der Staatsrechtler Carlo Schmid (1896 bis 1979), maßgeblicher Mitgestalter des Bonner „Grundgesetzes“ (1949) und langjähriger SPD-Parlamentarier im Bundestag, lobte die Weimarer Verfassung als „Werk herausragender Juristen“. Ihr Funktionieren setzte freilich genügend konsenswillige Demokraten voraus. Und die fehlten der Republik. Viele Deutsche hingen noch innerlich an der Monarchie. Auch Außenminister Dr. Gustav Stresemann (1878 bis 1929) war vom Monarchisten zum Vernunftrepublikaner geworden. Der Saar-Abgeordnete Koßmann wandelte sich 1918/19 (wie sein Biograph Reinhold Bost schreibt) unter dem Eindruck der revolutionären Unruhen in Berlin und der „drohenden Gefahr der Bolschewisierung Deutschlands“ vom Monarchisten zum Anhänger der Republik. Die Entscheidung der Republik für die Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold, gedacht als Bekenntnis zur liberalen Tradition von 1848, verkannte die Beliebtheit der schwarz-weiß-roten Farben des Kaiserreiches (1871 bis 1918). Viele werteten den Farbenwechsel als mangelnden Patriotismus. Die rechten Republikfeinde nutzten das und verhöhnten die Farben der Republik („Schwarz-Rot-Senf“), was nicht einmal die Gerichte sonderlich störte.

Wie die gesellschaftliche Elite in Verwaltung, Justiz und Armee verharrten auch namhafte Intellektuelle links und rechts in Distanz zur Republik. Eine gravierende Mitschuld am Scheitern der Republik trifft die demokratischen Parteien: Wegen ihrer Abneigung gegen unpopuläre Kompromisse in der Krisenzeit nach 1929. So scheiterte im März 1930 die Große Koalition unter Hermann Müller (SPD), „unter Umständen von kaum überbietbarer Trivialität“ (Hagen Schulze). Noch verfügten die republiktreuen Parteien über 285 Mandate (gegenüber 66 der Extremisten von KPD und NSDAP). Erst im September schnellte die Hitlerpartei sensationell von 12 auf 107 Mandate.

Jetzt regierte Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (1847-1934) als Ersatzgesetzgeber. Der Reichstag nahm das passiv hin, bis er in Hitlers Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 vollends abdankte. Hindenburg war Monarchist. Seine Direktwahl zum Reichspräsidenten, mehr aber noch die Taktik der Republikgegner bewiesen den Bumerangeffekt der plebiszitären Verfassungselemente. Die Extremisten missbrauchten sie zur Hetze gegen das „System“. Höhepunkt war das Volksbegehren 1929, als führende Republikaner als „vom Ausland gekaufte Halunken“ verleumdet wurden.

Seit Juli 1932 hatten Nazis und Kommunisten mehr als die Hälfte der Wähler (52,4 Prozent) hinter sich. Die Republik war also schon abgewählt, bevor sie Hindenburg am 30. Januar 1933 ihrem Todfeind Adolf Hitler (1889 bis 1945) auslieferte. Das 1948/49 entstandene „Grundgesetz“ der Bundesrepublik ist eine „Verfassung von gebrannten Kindern“ (Joachim Fest), immerzu mit Blick auf das Scheitern von Weimar formuliert. Darum der Ewigkeitscharakter (Art. 79.3) von Grundrechten, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Föderalismus (Art. 1 und 20), darum das konstruktive Misstrauensvotum (Art. 67) zur Verhinderung kanzlerloser Zeiten.

Beamte und Richter (Art. 33.4) müssen verfassungstreu sein, verfassungsfeindliche Parteien (Art. 21.2) können verboten werden. Ein Gremium wie die für die Wahl des Bundespräsidenten zuständigen Bundesversammlung (Art. 54.1) – bestehend aus allen Bundestagsmitgliedern und ebenso vielen Entsandten der Länder – hätte 1925 „mit Sicherheit“ die Wahl des erzkonservativen Monarchisten Hindenburg verhindert: „Und damit wäre uns und der Welt vielleicht ein Reichskanzler Hitler erspart geblieben“ (Carlo Schmid).

Die KPD sah auch nach Hitlers Machtantritt ihren Hauptfeind in der SPD („Sozialfaschisten“). So wollte es die bis Mitte 1934 gültige „ultralinke Taktik“ der kommunistischen Internationale. Erst am 4. Juli 1934 erging der gemeinsame Aufruf von SPD-Saar und KPD-Saar zur Bildung einer „antifaschistischen Front“ gegen den Anschluss der Saar an Hitlerdeutschland. Noch im Frühjahr 1934 hatte es Saalschlachten zwischen Anhängern der beiden Linksparteien gegeben. Nach dem Saar-Plebiszit vom 13. Januar 1935 steuerte Hitler Deutschland in den Krieg. Die düsteren Prognosen seiner prominentesten Gegner an der Saar, des SPD-Chefs Max Braun (1892 bis 1945) und des Christdemokraten Johannes Hoffmann (1890 bis 1967), erfüllten sich.

Nach Kriegsende wurden die von der braunen Diktatur verunglimpften Demokraten von Weimar rehabilitiert, die öffentliche Erinnerung an sie wiederbelebt. Auch im Saarland tragen Straßen, Gebäude und Institutionen heute die Namen bedeutender Akteure der Weimarer Demokratie wie Friedrich Ebert und Matthias Erzberger, Walther Rathenau und Gustav Stresemann. Auch Bartholomäus Koßmann und Marie Juchacz sind nicht vergessen.

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