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Was vermissen wir am Amateurfußball? Die SZ liefert einen satirischen Überblick.

Satire : Das lange Warten auf den Fußballgott

Was vermissen wir am Amateurfußball am meisten? Die SZ liefert einen – nicht ganz ernst gemeinten – Überblick.

Seit rund drei Monaten ruht im Amateurfußball der Ball. Nach menschheitsgeschichtlichen Maßstäben keine lange Zeitspanne. Die umfasst ein Rosamunde-Pilcher-Marathon im ZDF aber auch nicht. Zieht sich trotzdem. Für all jene jedenfalls, die ihre Wochenenden im Frühsommer sonst auf Bratwurstduft geschwängerten Sportplätzen verbringen, läuft die Zeit im Augenblick so zäh wie ein lahmer Gaul, den man noch auf der Koppel aus Mitleid erschießen möchte. Wann der allmächtige Fußballgott ein Einsehen hat und die Kicker wieder von der Leine lässt, ist auch auf dem Verbandstag des Saarländischen Fußballverbands nicht geklärt worden. Um die Zeit zu überbrücken, bis die Helden der Hartplätze wieder gegen den Ball treten dürfen, liefert die SZ eine nicht ganz ernst gemeinte Analyse über all jene Vorzüge, die die Freunde des Amateurfußballs derzeit so schmerzlich vermissen.


Die Zuschauer: Vom rüstigen Rentner, der seinen Verein „seit hunnad Johr gugge geht“ bis zum milchgesichtigen Nachwuchs-Ultra, der darum bettelt, „dass das nicht die Mama erfährt“, wenn er vom Kassierer (und Großonkel) beim Einschleusen von Polen-Böllern erwischt wird: Der Sportplatz ist am Spieltag ein Aufeinandertreffen verschiedenster Charaktere. Die Kommentare des Publikums zum Spielgeschehen sind selten konstruktiv – aber stets unterhaltsam. Ob der Klassiker „Schiiiiiri, der hat schon Gelb!“ je einen Unparteiischen getäuscht hat, ist nicht überliefert.


Die eigene Sprache:
Während „Diago“, „Leo“ und „Beini“ für Unkundige wie die Mitglieder eines lateinamerikanischen Trompeter-Trios klingen, ist der Sportplatz für Linguisten eine reiche Fundgrube. Vermutlich haben die Amateure mehr lexikalische Varianten für Schienbeinschoner in petto als die Inuit für Schnee. Da können sich Fußball-Legenden wie Pierre Littbarski gerne was abschauen: „In der zweiten Halbzeit fehlte uns die Kontuni . . . Kontinu . . . ach verdammt, wir waren nicht beständig genug.“ Mitunter flüchten sich die Amateure wie ihre Vorbilder aus der Bundesliga aber auch in einen bedenklichen semantischen Brei aus Pathos und Plattitüden. Ohne die verblüffende Schlussfolgerung „Wir brauchen die Punkte, um oben dranzubleiben“ hätten Laien die undurchsichtige Arithmetik der Tabelle vermutlich niemals durchschaut.


Das Eisspray:
Egal ob der grobschlächtige Verteidiger den gegnerischen Topstürmer auf steinhartem Braschenplatz aus zehn Metern Anlauf beidbeinig voran mit 16 Millimeter Schraubstollen niedergestreckt hat. Oder ob der wehleidige Zehner nur einen millimeterbreiten Kratzer an seinem Ellenbogen behandeln lassen will. Das Eisspray ist der Thermomix des gewissenhaften Betreuers.


Das Problem mit der Presse:
Während aalglatte Profis sich gegenüber der Journaille meist von einer abgedroschenen Floskel zur nächsten hangeln, damit der Trainer nicht am nächsten Tag mit pochender Ader auf der Stirn und dem „Kicker“ in den Händen auf der Matte steht, sind die Probleme der Amateure mit der Presse anderer Natur. „Mich bitte nicht in der Zeitung erwähnen, bin noch bis Mittwoch krankgeschrieben.“ Und wer hat dann den Dreierpack erzielt? „Schreib, das war der Jürgen, der freut sich . . .“


Der Alkohol:
„Wir hatten hier drei Tage Kerb. Was willst du machen? Da hat uns auf den letzten Metern die Luft gefehlt.“ Diese plausible wie rührend ehrliche Antwort auf die Frage nach den Gründen für die 0:6-Packung im Derby könnte im Berufsleben zu Unannehmlichkeiten führen. Unter Amateurkickern erntet man dagegen bedächtiges Kopfnicken. Auch unter den Zuschauern. Denn wenn Ikke Hüftgold und Lorenz Büffel aus schrammligen alten Lautsprecherboxen tönen, möchte niemand auf dem Sportplatz südlich der Promillegrenze unterwegs sein. Getrunken wird aber in Maßen. Zumindest will am Ende des Tages niemand mehr intus haben als der arme Tropf, der in der dritten Halbzeit bei den Knobelrunden im Clubheim nicht mehr zählen kann und eine Runde nach der anderen schmeißen muss.


Die bunten Schuhe:
Das klassische Schwarz mit weißen Streifen hat ausgedient. Stattdessen erstrahlen heute auch die Treter des A-Klasse-Prügelknaben in Magenta, Apricot oder in Lachsfarbe. Als hätte die heimliche Liaison zwischen einem Pfau und einem Regenbogen der Welt ein kreischend buntes Kind geschenkt, das keiner leiden kann. Nichts für ungut Jungs, über Geschmack lässt sich nicht streiten – aber ein ehrlicher Holzfuß wie Tomasz Hajto hätte euch für die Dinger mit Ansage durch die Bande getreten. Ja, d u r c h die Bande.

Die Kabine:
Wenn mal wieder verzweifelt der Wertsachenbeutel gesucht wird, weil die Umkleide weder Schlüssel noch Tür besitzt, sollte der eine oder andere Verein besser in die Infrastruktur investieren, statt dem schnöseligen Nachwuchsbengel den Überrollbügel seines 2er Golfs zu finanzieren. Spätestens dann, wenn unklar ist, ob die braune Brühe in der Dusche von Schmutzrückständen der Spieler oder von durchgerosteten Rohren rührt, sollten auch klamme Clubs ihr Herz für die Hygiene entdecken.

Die Fehlerquote: Zugegeben: Wenn Bundesligamillionäre den Ball aus drei Metern Torentfernung am Pfosten vorbei semmeln, ist die Häme am größten. Dafür ist die Chance, in den Amateurklassen ein Festival der Fehler zu erleben, deutlich höher. Das ist aber gar nichts Negatives. Wenn ein als Distanzhammer geplanter Schuss kümmerlich am Sechzehner verhungert, verspürt zumindest ein Teil der Zuschauer den dringenden Impuls, an Brot für die Welt zu spenden.

Der Schiedsrichter:
„Schiri, immer der Zehner. Und jetzt lacht der auch noch!“ Der Mann an der Pfeife hat es nicht leicht. Nicht nur, dass ihm jedes Wochenende adipöse Zuschauer nördlich der 25 Dioptrin mit Schaum vor den Fängen entgegenbrüllen, dass das (kein) Abseits war – der Unparteiische muss sich auch mit der mimosenhaften Laienschauspieltruppe, die sich Fußballmannschaft nennt, auseinandersetzen. Nicht vor Lachen die Pfeife zu verschlucken, wenn der Verteidiger von der Statur eines kongolesischen Berggorillas nach einem harmlosen Zweikampf schneller auf dem Kreuz liegt als Gina Wild, erfordert Selbstbeherrschung. Ja, zugegeben, manchem Unparteiischen stünde ein wenig Selbstironie nicht schlecht zu Gesicht. Dass Willi Lippens mit Rot vom Platz flog, weil er dem grammatikalischen Offenbarungseid „Herr Lippens, ich verwarne Ihnen“ mit einem fröhlichen „Herr Schiedsrichter, ich danke Sie“ begegnete, ist auch 55 Jahre später noch eine der schreiendsten Ungerechtigkeiten in der Geschichte des Sports.

Die Trainertypen:
Die brutale Wahrheit liegt auf dem Staub geschwängerten Braschenplatz. Nicht jeder, der beim Anstoß-Fußballmanager auf dem PC die SpVgg Erkenschwick in die Bundesliga geführt hat, taugt auch für den Job an der Seitenlinie. Wenn der Laptoptrainer seine Mannschaft in die magischen Geheimnisse von diametral abkippenden Doppelsechsern, polyvalenten Verteidigern oder videoanalytisch erhobenen Packing-Rates einweihen will – seine grobschlächtigen Kicker den Gegner aber nur auf möglichst kreative Weise verletzen möchten – entsteht ein veritabler Interessenkonflikt. Spätestens wenn sich der Topstürmer (3 Treffer in 17 Einsätzen) mit dem pedantisch erarbeiteten Strafenkatalog des Übungsleiters seine Filterzigaretten anzündet, steht der Respekt der Truppe im wahrsten Sinne des Wortes auf der Kippe.

Derlei Probleme kennt der Coach vom Typ Choleriker nicht. Dieser staucht seine Kicker schon beim Aufwärmen so brutal zusammen, dass die Eintrittskarte eine FSK 18-Freigabe erhält. Wer an der Seitenlinie auftritt wie Sergeant Hartman aus Stanley Kubricks Full Metal Jacket, ist sich des temporären Gehorsams seiner Truppe vermutlich gewiss. Wer den Film zu Ende geschaut hat, könnte aber auf den Gedanken kommen, dass die Trainerkarriere des Cholerikers nur eine kurze Halbwertszeit besitzt.

Der Motivator braucht dagegen keine Spucke befeuchteten Gewaltandrohungen, um seine Mannschaft hinter sich zu vereinen. Der Coach sollte nur achtgeben, dass seine Spieler nie den Asia-Imbiss besuchen, von dessen Glückskeksen er seine fernöstlichen Banalitäten abkupfert. Auch Mathestudenten sind dem Motivator ein Dorn im Auge. Sollte je ein Fußballer dem Geheimnis auf die Schliche kommen, dass die Forderung nach „110 Prozent“ Leistung einem heimtückischen Mordanschlag auf die Algebra der Mittelstufe gleichkommt, hat der Motivator sein Pulver verschossen.

Der Egomane hält sich unterdessen selbst für wichtiger und besser als seine talentfreie Mannschaft. Das kann funktionieren. Aber so wie Zigaretten, Kaffee und Discounterspirituosen den brüchigen Kitt darstellen, der Mario Basler morgens aus dem Bett kriechen lässt, braucht dieser Trainertyp sportlichen Erfolg, um von seiner Mannschaft nicht an der nächsten Straßenlaterne aufgeknüpft zu werden. Und selbst wenn das Team eher einen Hang zum gewaltlosen Widerstand hegt: Der Coach mag im Spiegelbild weiter das markante Antlitz von José Mourinho erblicken – die Spieler sehen nur noch Jojo den Clown.

Der väterlich autoritäre Fußballlehrer à la Jupp Heynckes ist bei den Spielern in der Regel beliebt. Allerdings darf dieser Trainertyp nicht zu spröde rüberkommen, er muss seine pädagogischen Inhalte auch mit Leben füllen können. Warnsignal: Der Torwart schwänzt die Spielanalyse, weil er lieber mit seiner Schwiegermutter am 10 000-Teile-Puzzle einer braunen Cordhose tüftelt.

Die Spielertypen:
Der überehrgeizige Jugendspieler, der allen auf den Sack geht, weil er die Teamkameraden im Training reihenweise per Scherenschlag niedermäht. Der erfahrene Ruhepol, der den Jungspund mit der argumentativen Allzweckwaffe „Wir müssen doch morgen alle wieder arbeiten“ zur Räson ruft. Der sympathische Moppel, der sich immer das Trikot mit der Nummer 22 sichert, weil es das einzige in Größe XL ist: Jede Mannschaft hat ihre kultigen, skurrilen oder nervigen Charaktere. Alle zu nennen, wäre eine Aufgabe für Generationen. Das Millenium-Problem des runden Leders sozusagen. Statt wandelnder Klischees wie Schönling, Knochenbrecher oder Trainingsweltmeister sollen hier deshalb drei bislang eher unbekannte Vertreter Erwähnung finden:

Der Geizhals zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht aufzufinden ist, wenn das Team für die Bierkiste nach dem Spiel zusammenlegt. Ist die Gerstenkaltschale im Clubheim geordert, taucht er aus den Schatten auf. Wie ein Ninja. Ein knauseriger Ninja. Höhepunkt: Der Geizhals lässt mehrfach frei vor dem Tor den zehnten Treffer liegen – weil dann eine Runde für die Mannschaft fällig wäre.

Der Freistoßspezialist stellt sich vor jedem Standard breitbeinig wie Cristiano Ronaldo auf – nur um die Pille dann doch wieder in die Mauer zu hauen. Hindert ihn aber nicht daran, das Leder beim nächsten Frei­stoß wie eine bissige Stute unter seine Fittiche zu nehmen und es erneut zu probieren. Weil seine formidable Schusstechnik nicht schuld an der Misere sein kann, studiert er in seiner Freizeit Fußballkataloge wie Senioren die Todesanzeigen im Amtsblatt – um die Treter zu finden, die seinen Goldfüßchen gerecht werden. Schlägt dann doch mal einer seiner Freistöße abgefälscht im Netz ein, wird das mit einem Torjubel der Marke Babyschaukel zelebriert. Auch wenn er kein Kind erwartet. Und sein Tor nur der Ehrentreffer zum 1:7-Endstand war.

Der Veteran möchte alle Bälle in den Fuß gespielt haben, weil „ich Knie hab, weißt du doch“. Dennoch ist der Senior unverzichtbar für seine Mannschaft. Alleine schon, weil er jeden Schiri mit Handschlag und Vornamen begrüßt und durch seinen guten Draht zu den Unparteiischen größeren Schaden von der Mannschaft abwendet: „Komm schon Rüdiger, der ist doch noch jung, Verwarnung reicht.“ – „Für eine Tätlichkeit?“ –„Schutztätlichkeit“ – „Hmm . . . na gut. Heut Abend Sauna?“ – „Nee, hab Bluthochdruck. Ich bleib lieber daheim.“

Zuschauer sind das Salz in der Suppe eines jeden Amateurspiels. Mitunter zwar das pöbelnde, angetrunkene und selten objektive Salz. Aber trotzdem das Salz. Foto: Becker & Bredel
„Ohne Schiri geht es nicht“, lautet einer jener salbungsvollen Sprüche, die biedere Verbandsfunktionäre am Schiriparteitag aus ihrer rhetorischen Grabbelkiste zerren. Dabei ginge es ohne Schiri womöglich schon. Aber wem gibt man dann die Schuld an einem auch in der Höhe verdienten 0:0 im Kreisderby? Fragen über Fragen. Foto: dpa/Federico Gambarini
Von seltener Schönheit: Gleich beide Mannschaften finden die Entscheidung des Schiris bekloppt. Foto: Bonenberger & Klos/Bonenberger
Foto: Karikatur: Uli Schu

Und dieser Tage wartet auch er wohl darauf, dass der Fußballgott mit seinen Jüngern ein Einsehen hat.