Vorschläge zum Unwort des Jahres

Das Unwort des Jahres wird seit 1991 gesucht. Bis 31. Dezember werden Vorschläge für 2015 unter vorschlaege@unwortdesjahres.net angenommen. Aus denen wählt eine Jury das Unwort 2015 aus und verkündet es am 12. Januar 2016. 18 Redakteurinnen und Redakteure der SZ-Redaktion West nennen und begründen hier ihre persönlichen Kandidaten.

austherapiert

Hört sich erst mal gut an. Es klingt nach Heilung. Nur beschreibt es eben nicht jene Menschen, die ihre Therapie erfolgreich beendet haben. Gemeint sind Patienten, deren Krankheit als nicht mehr therapierbar eingeschätzt wird. Aus schulmedizinischer Sicht ist der Fall dann abgeschlossen - ohne alternative Behandlungsmethoden in Betracht zu ziehen. Mehr als nur irreführend. Für Betroffene ein Schlag ins Gesicht. Bedeutet austherapiert doch nichts anderes als unheilbar krank oder todgeweiht.

SAARGIDA

Als lokaler Ableger der Dresdner Pegida - die Abkürzung steht für Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes - entstand in diesem Jahr auch im kleinen Saarland ein kleines rechtspopulistisches Bündnis: die Saargida. Diese Abkürzung steht vermutlich, man weiß es nicht genau, für "Sprischkloppende allemol allerbleedschde Reichsdeutsche" gegen die Islamisierung des Abendlandes. Was auch erklären würde, warum sich zu den "Spaziergängen" der Gruppierung dann doch nur recht wenige Anhänger einfanden.

Facebook

Woran ich beim Wort Facebook denke? Daran, dass das einstige Info- und Kontaktnetzwerk zum Tummelplatz von Selbstdarstellern und Wichtigtuern und Sammelbecken der Banalitäten verkommen ist. Daran, dass seit meiner Facebook-Registrierung Werbemails mein Postfach verstopfen. Das ließe sich noch verschmerzen. Unerträglich ist aber, dass Facebook zur Propaganda-Plattform von Rassisten, Staatsfeinden und Volksverhetzern mutiert ist, die dort ungehindert Hass-Parolen und Gewalt-Aufrufe absondern. Wie bigott: Ist auf einem Bilderposting der Ansatz einer weiblichen Brustwarze zu sehen, sperren die Facebook-Kontrolleure rigide den Beitrag. Seinen geistigen Müll aber darf jeder dort ungehemmt verbreiten. Nein, gefällt mir überhaupt nicht.

Stimmenkauf

Im Duden steht bei der Bedeutungsübersicht: Kaufen von Stimmen durch Bestechung oder ähnliches. Für die Politik gilt, in Deutschland ist es weder erlaubt, Stimmen für die Bundestagswahl zu kaufen, noch zu verkaufen oder zum Verkauf anzubieten. Selbst der Versuch ist strafbar. Was für die Politik gilt, kann man auch auf den Sport übertragen. Leider werden Regeln nicht immer beachtet, um seine Ziele zu erreichen. Meine Mutter sagt immer, für Geld bekommt man Zucker im Tütchen. Und nicht nur das, wie man sieht, kann man mit Geld leider fast alles kaufen. Aber nur fast.

Institution

Eine Institution ist laut Duden nichts anders als eine Organisation, eine Einrichtung. Das Wort als solches ist also neutral. Zum Unwort wird es für mich im Zusammenhang mit der Finanzkrise in Griechenland zu Beginn des Jahres. Da redeten Tsipras und seine Mitstreiter nicht mehr von der verhassten Troika, sondern von den Institutionen. Und fast alle Politiker in der EU haben da mehr oder weniger ernsthaft mitgemacht. Als ob sich durch den neuen Namen etwas ändern würde. Als ob die Bürger so dumm wären, dies nicht zu bemerken. Lächerlich. Aber längst nicht das einzige Beispiel von Wort-Nebelkerzen. Noch eines aus diesem Jahr gefällig: Infrastrukturabgabe sagt die CSU . Und meint die umstrittene Maut.

Gebührenanpassung

Gebühren bedeuten eine angemessene Beteiligung an anfallenden Kosten oder eine angemessene Bezahlung von Dienstleistungen. Deren Bemessung variiert natürlich von Zeit zu Zeit. Allerdings hat das Festsetzen der Beträge oftmals den Ruch der Beliebigkeit. Deswegen sorgen Gebührenerhöhungen stets für Diskussionen zwischen Dienstleistern und Kunden. Um den Griff in die Taschen der Kunden für eine (nicht immer nachvollziehbare Kostensteigerung) besser verschleiern zu können, wurde das Wort Gebührenanpassung erfunden. Es wird vor allem von privaten Dienstleistern gerne gebraucht. Deshalb erscheint es mir als ein Un(angemessenes)wort.

effizient

Das Adjektiv bedeutet so viel wie mit möglichst wenig Aufwand ein möglichst großes Resultat erzielen. Klingt eigentlich gut. Bei vielen Dingen im Alltag läuft es aber genau umgekehrt. Viel Aufwand wird betrieben, bei geringem Ergebnis. Also nicht effizient. Doch, ist das schlimm? Wir Menschen sind doch keine Maschinen, die punktgenau fit sein müssen und immer perfekt zu funktionieren haben. Auch wenn nach dieser Definition ein Tag mal nicht effizient war, kann - auf lange Sicht gesehen - doch ein großes Resultat erzielt werden. Manchmal braucht es eben Geduld, dann klappt's auch mit der Effizienz.

Flüchtlingskontingent

Das ist ein unmenschlicher Begriff. Getreide, Milch und andere Waren können gerne in Kontingenten gemessen werden. Aber Flüchtlinge ? Wer denkt sich denn so etwas aus? In der Militärsprache existiert der Ausdruck Truppenkontingente. Und damit verbindet man das Wort Kontingent wohl in erster Linie. Gerade dem Krieg und Terror in ihrer Heimat entkommen, werden jetzt auch die Flüchtlinge in Kontingenten definiert. Da fehlt doch wohl das Feingefühl - und die Menschlichkeit.

Manipulation

Das ist zwar auch ein negativ besetzter Begriff. Aber er klingt dennoch so viel besser als Betrug, Korruption , Vertuschung oder Bestechung . Für meinen Geschmack wurde dieses Wort im Jahr 2015 etwas zu häufig benutzt. Sogar abgenutzt. Sei es im Abgas-Skandal von Volkswagen, im Doping-Fall Russlands oder bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Immer ist zunächst einmal von Manipulation die Rede. Das hört sich vielleicht nicht ganz so schlimm an. Schlimm ist für mich hingegen die Tatsache, dass in diesem Jahr ausgerechnet in den Flaggschiff-Branchen Deutschlands - Fußball und Autoindustrie - manipuliert, pardon: betrogen wurde.
Zeichen setzen

Das kann ganz wichtig sein: Zeichen setzen. Aber viel zu viele Leute sagen es viel zu laut, wenn sie etwas tun, mit dem ein Zeichen gesetzt werden könnte. Ist das Zeichen nicht gerade das, was ohne viele (weitere) Worte wirkt? Wer ausdrücklich ein Ausrufezeichen hinter seine Aktion setzt, hat es anscheinend nötig. Dann kommt mir gelegentlich der Gedanke, solch einen demonstrativen Auftritt mit einem Fragezeichen zu versehen. Und manch einem möchte ich sagen: "Jetzt mach aber mal 'nen Punkt."

telefonische Erreichbarkeit

Die deutsche Sprache, das bestätigen all jene, die sie als Fremdsprache erlernen, hat es in sich. Dennoch kommen wir, die wir hier geboren und aufgewachsen sind, ganz gut damit zurecht. Es gelingt bisweilen sogar einem Niederbayern, sich mittels deutscher Sprache auf Norderney zu verständigen. Wenn er sich denn Mühe gibt. Aber wie es nun mal so ist, werden Dinge, die sich bewährt haben und eigentlich ganz gut funktionieren, oft unnötig verkompliziert. Auch unsere Sprache. Beamten-Deutsch ist die wohl schlimmste Form davon. So wurde mir kürzlich von einem Beamten mitgeteilt: "Ich notiere mir noch Ihre telefonische Erreichbarkeit." Das hat gesessen. Gemeint war nichts anderes als meine Telefonnummer, aber das wäre wohl zu einfach gewesen. So hat es die "telefonische Erreichbarkeit" zu meinem Unwort des Jahres gebracht. Stellvertretend für den ganzen Wörter-Wahnsinn, den deutsche Bürokraten sich im Laufe der Jahre so erdacht haben.
Umstrukturierung

Das klingt so harmlos. Etwas Vorhandenes erhält eine neue Form oder Struktur, bleibt aber als Ganzes erhalten - sollte man meinen. Aber leider ist es mal wieder eine wunderschöne Worthülse, die mal wieder den wahren Inhalt tarnt. Wenn bei einem Unternehmen eine Umstrukturierung angesagt ist, heißt das nur eines: Die Abteilungen erhalten einen neuen Zuschnitt und gern auch mal neue Namen, die Arbeit bleibt aber die Gleiche, allerdings wird sie dann auf weniger Mitarbeiter verteilt. Auch bei Tarifänderungen ist der Begriff Umstrukturierung beliebt - verbirgt er doch wunderschön, dass die Preise steigen.
Willkommenskultur

Dieses Wort klingt irgendwie bedeutsam. Weshalb es wohl auch zuletzt ganz gerne benutzt wurde. Wobei bei den Verwendern kein Konsens darüber bestand, ob diese Kultur des Willkommens bereits existiert oder erst entstehen muss. Duden jedenfalls kennt dieses Wort nicht. Dafür aber den simplen Willkommensgruß. Ein so ehrliches Wort, das eine tatsächliche Geste beschreibt. Mehr braucht es doch eigentlich nicht. Und Willkommenskultur ist streng genommen ein trauriger Begriff. Sollte das Willkommen heißen von Fremden und Freunden nicht Teil einer jeden Kultur sein. Muss erst eine Willkommenskultur erfunden werden, damit wir respektvoll und freundlich miteinander umgehen?

Coach

Ein Wort, das mich in diesem Jahr genervt hat. "Das rät mein Coach", so oder ähnlich heißt es oft von Zeitgenossen, die meinen, professionelle Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Die gibt es in allen Lebenslagen und für alles Mögliche - vom Erziehungs-, Beziehungs-, Flirt- bis zum Finanz coach . . . Ob Coaching eine Wirkung hat, die über die eines intensiven Gespräches mit Personen des Vertrauens mit gesundem Menschenverstand hinausgeht, ist zu bezweifeln. Coach darf sich jeder nennen. Der Begriff ist nicht geschützt. Coach ist ein Modewort, das Exklusives suggeriert, dem aber auch Nebulöses anhaftet.

Sommermärchen

Mit Trotz haben wir damals auf die 0:2-Niederlage gegen Italien im Halbfinale reagiert und skandiert: "Stuttgart ist viel schöner als Berlin" - eine Selbstironie und ein Aufbauen von Bundestrainer Jürgen Klinsmann und seinen Mannen zugleich. Jetzt stellt sich heraus, dass die Fußball-Weltmeisterschaft von 2006, die als Sommermärchen in die Historie einging, nur gekauft war - ein Lügengespinst von einigen Fifa-Verantwortlichen, dem zig Tausende auf den Leim gingen. Und Sommermärchen ist nach all den Vorwürfen, die bislang niemand entkräftet hat, für mich zum Synonym für Unwahrheit und Korruption geworden - zum Unwort.

aber

Ich hab ja nichts gegen . . . aber. Ich würde ja gerne, aber. Deutschland mischt sich militärisch nicht ein, aber wir halten unsere Zusage an Frankreich und schicken Tornados. Das Aber entwertet das, was davor steht und straft es ziemlich oft Lügen. Zuerst versichert sich der Sprecher einer akzeptierten Meinung, dann setzt er sich mit dem Aber ab. Da lauert eine Kultur der Verschleierung. Da wird Umdenken verkantet. In Zeiten der Umbrüche ist das gefährlich. Lieber zwei Mal nachdenken und dann zu dem stehen, was man denkt. Ohne Wenn und Aber.

Umf(e)

Es ist eine Abkürzung, aber diese wurde gelegentlich, zum Beispiel im Kreistag, als Wort ausgesprochen: "Umf". Klingt wie etwas aus dem Stall oder aus der Kneipe kurz vor der Sperrstunde. "Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge " ist zwar ein Ungetüm, das keiner mehrfach in einem Text lesen möchte, und so kommt es zum "Umf". Spätestens in der Mehrzahl "Umfe" wird es für mich aber scheußlich. So dürfen wir junge Menschen, die entwurzelt und von ihren Familien entzweit sind, nicht nennen.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen

Diese Phrase umfasst alle nur denkbaren Unwörter. Sie soll als Totschlägerargument legitimieren, was Rassisten, Volksverhetzer und Altgestrige von sich geben. Just jene pochen auf das Recht der freien Meinungsäußerung, die selbst Andersdenkenden am liebsten das Wort - wenn es sein muss - auch mit Gewalt abschneiden wollen und mit Ressentiments sowie platter Attitüde Vorurteile schüren. "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" - allzu oft habe ich dieses Jahr diesen zur dumpfen Parole verkommenen Satz vernehmen müssen.

Was ist Ihr Unwort des Jahres? Senden Sie bitte Ihre Vorschläge an redsls@sz-sb.de.

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