Von der Schönheit des Verfalls

Merchweiler. Ein offensichtlich längst verlassener Raum, Wände und Boden vollständig mit hellblauen Fliesen verkleidet, gähnende Leere bis auf einen maroden Behandlungsstuhl und eine alte Operationslampe

Merchweiler. Ein offensichtlich längst verlassener Raum, Wände und Boden vollständig mit hellblauen Fliesen verkleidet, gähnende Leere bis auf einen maroden Behandlungsstuhl und eine alte Operationslampe. Bei einigen der Aufnahmen aus russischen Kasernen, die der Fotograf Manfred Kriegelstein in seiner Ausstellung "Relics of the Russians" im Merchweiler Rathaus zeigt, kann einem schon ein wenig mulmig werden. Doch Kriegelstein will niemanden erschrecken: "Ich bin ein Optimist. Mein Ziel ist es, den Extrakt des Objektes so zu filtern, dass das Foto mehr über den Fotografen aussagt, als über das erschreckende Motiv."Bereits seit 1977 beschäftigt sich Kriegelstein intensiv mit der Fotografie und hat längst weit über seine Berliner Heimat hinaus Bekanntheit erlangt. Bei internationalen Fotowettbewerben und Ausstellungen wurden ihm bisher über 1300 Auszeichnungen und Preise verliehen. Ausgesprochen "froh und stolz, einen solchen Meisterfotografen begrüßen zu dürfen", zeigte sich daher Bürgermeister Walter Dietz bei der Ausstellungseröffnung. Die Kulturbeauftragte Ulrike Sutter sprach von einer "Schönheit des Verfalls hinter der Tristesse menschenleerer Räume", die sich in der Fotoreihe offenbare. Der dokumentarische Wert deutsch-russischer Geschichte ist unbestreitbar, dennoch betonte Kriegelstein, dass bei ihm das Künstlerische im Vordergrund stehe: "Die Ästhetik der Morbidität interessiert mich." Und in der Tat vermitteln einige der titellosen Fotos schon beim ersten Eindruck eine anrührende Schönheit. So etwa ein abgedunkelter Raum, schwarz und grau bis auf drei gleißend helle Fenster und sattgrüne Farn-Pflanzen, die lebendig aus dem toten Schutt-Boden sprießen. Oder auch die Aufnahme einer halb zerfallenen Bühne mit zerrissenen Vorhängen. Von den Wänden blättert der Putz, auf der Bühne steht ein einsamer Stuhl, doch dahinter funkelt durch ein kunstvolles, buntes Glasfenster die Sonne und wirft einen Lichtstern auf den staubigen Boden. Gegenüber hängt das Bild einer Treppe, die von einer undefinierbaren Lichtquelle beleuchtet wird. Und immer wieder begegnet der Besucher Zimmern mit zerfetzten Tapeten, in denen Türen oder Fenster den Blick nach außen freigeben. Die Aufnahmen, an denen "nichts montiert wurde", hat Kriegelstein größtenteils 2007 in ehemaligen Kasernen der Roten Armee im Berliner Umland gemacht.

Die Ausstellung kann bis Freitag, 13. April, zu den Öffnungszeiten des Rathauses (Montag bis Freitag, acht bis 16 Uhr) besichtigt werden.