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Von anonymen Ausplauderern

Fragezeichen. Foto: dpa
Fragezeichen. Foto: dpa FOTO: picture alliance / dpa / Georg Wendt
Manchmal erreicht uns monatelang keiner, manchmal liegen gleich mehrere auf dem Schreibtisch in der Lokalredaktion: Briefe  ohne Absender. Froh kann bei dieser Art der Kommunikation keiner sein. Von Solveig Lenz-Engel

Sie klagen, sie entrüsten sich,  sie prangern Lügen an, sie sorgen sich, sie belehren und wollen dann und wann auch der Maßstab sittlicher Größe sein. Aber sie haben auch Angst, fürchten Druck von oben, wollen  ihre Lage nicht noch schlimmer machen, schützen Familie oder Kollegen. Was  all diese Menschen  eint: das Verfassen anonymer Briefe.


Es gibt Redaktionen, da fliegt solch ein Papier grundsätzlich unbeachtet in den Papierkorb. Der Autor wird sich ja kaum über die fehlende Reaktion beschweren. Doch in Zeiten der so genannten Whistleblower, also von meist erst im Verborgenen agierenden Ausplauderern  mehr oder minder brisanter  Wahrheiten, könnte es ja sein, dass durch solches Vorgehen ein journalistischer Coup verhindert wird. Also doch lieber lesen.

Und schon türmen sich Gebirge von Fragen auf, die man dem Verfasser stellen müsste. Zum Hintergrund, zu Zeugen, zu Beweisen der Behauptungen. Das geht aber nicht,  keine Kontaktdaten, sondern als Verfasser am Ende des Pamphletes  „Einer, der sich sorgt“, „Ein wohlmeinender  Freund“, „Wir, die aufpassen“ oder „Jetzt sind Sie an der Reihe, recherchieren Sie!“.



Wir Journalisten können da nur darauf verweisen, dass wir auf der Basis des Zeugnisverweigerungsrechts unseren Informanten Schutz bieten können. Wer nicht als Kronzeuge dienen will,   kann sich darauf verlassen, im Dunklen bleiben zu können. Aber schützen können wir nur, wen wir auch kennen.

Die Verfasser dieser Rubrik zeigen sich jeder Woche mit Bild und Namen und stecken auch Kritik ein, wenn es gegensätzliche Auffassungen gibt. Offenes Visier nennt man das wohl auch. Diesmal bleibt das Visier verschlossen, ist ersetzt  durch ein Fragezeichen. Als Fanal für alle  potenziellen  Briefeschreiber.

Mit uns Redakteuren kann man übrigens auch reden. Im offenen  Dialog finden sich oft die besten Lösungen und die besten Geschichten. ⇥(Foto: dpa)