Umwerfend komisch

Hämische Unsympathen, aufdringliche Sonderlinge und Finanzprüfer mit Bluthundinstinkt: Die Bohemian Company glänzte mit der Komödie „Dinner für Spinner“ des französischen Autors Francis Veber im Kulturhaus Wiebelskirchen

Hämisch hin oder her: Es hat schon einen ganz besonderen Charme mitanzusehen, wie jemandem gerade sein Leben in Gänze um die Ohren fliegt. Vorausgesetzt, dieser Jemand ist solch ein Unsympath wie Pierre Brochant.

Bis eben lief es prächtig bei dem vermögenden Verleger , der seine Gattin zwei Mal wöchentlich betrügt und mit dem "Dinner für Spinner" ein ungewöhnliches Hobby pflegt. Laden doch Brochant und seine gleichgesinnten Freunde einmal im Monat Sonderlinge zum Abendessen ein, um sich auf ihre Kosten zu amüsieren und den Freak des Abends zu küren.

Sympathischer Spinner

Beste Chancen, diesmal den Titel zu holen, hat Modellbastler Francois Pignon. Der vor zwei Jahren von seiner Frau sitzen gelassene Finanzbeamte kann sich stundenlang über das heikle Problem der Tragfähigkeit einer Rekonstruktion der Golden Gate Bridge aus 346.422 Streichhölzern auslassen. Doch ausgerechnet am Tag des Dinners fesselt den Verleger ein Hexenschuss an die heimatliche Couch. Noch bevor er "seinem Trottel" absagen kann, steht der schon vor der Tür und lässt sich fortan einfach nicht abwimmeln. Als Mutter Theresa mit Mittelscheitel, Hornbrille und Rautenpullunder kümmert er sich rührend um den boshaften Kranken. Dabei läuft er zu Hochform auf und rettet nebenbei noch die gefährdete Ehe seines neuen Freundes, wimmelt erfolgreich ungebetene Gäste ab und bewahrt Pierre vor dem Verdacht der Steuerhinterziehung - das glaubt er jedenfalls, denn die Chose geht komplett nach hinten los.

In der Inszenierung von Nicolas Schneider, der Bohemian Chefin Sandra Klein in deren selbsterlegten Kreativpause entlastet, ist der Spinner die Sympathiefigur. "Ich habe die Rolle so angelegt, dass man sich zwischenzeitlich sogar in ihn verlieben kann", erklärt Schneider, der mit dem Dinner ein solides Regiedebüt gab. Für Matthias Dietzen in der Samstagvorstellung eine Steilvorlage. Virtuos beherrscht er die Gefühlswelt des Beamten, der zuverlässig jedes Fettnäpfchen mitnimmt und trotzdem heldenhaft über sich hinaus wächst, um sich bei Zurückweisung sofort mimosenhaft in ein zartes Blümchen zu verwandeln. Mimisch ebenbürtig ist Gerhard Wagner. Dem nimmt man die ekligen Rückenschmerzen genauso ab wie die steigende Wut, die er schließlich nur noch mühsamst unter Kontrolle hält. Ein Ritt auf der Rasierklinge, der wahnsinnig gut unterhielt und die Zuschauer im Kulturhaus Wiebelskirchen immer wieder zu Szenenapplaus hinriss.

Hervorragende Nebenrollen

Stimmig wurde das Dinner nicht zuletzt durch die hervorragend besetzten Nebenrollen. So gaben Thorsten Stopp als patenter Kumpel und Denis Dittgen als Finanzprüfer mit Bluthundinstinkt ihrem Affen so richtig Zucker. Carina Schneider und Nadine Fleckinger loteten das Verhältnis Ehefrau zu Geliebte gründlich aus.

Kurz und deftig erwiesen sich die Auftritte von Sandra Klein als genervte Krankenschwester und Michael Ensminger als potenter Lebemann. Das i-Tüpfelchen auf dieser rundum gelungenen Vorstellung war der "Rausschmiss" durch Gerhard Wagner. So versicherte er nach dem Schlussapplaus händeringend, anders als seine Figur Pierre keine Probleme mit dem Fiskus zu haben. "In diesem Sinne: Zahlen auch Sie Ihre Steuern! Schönen Abend".