Theaterverein Spieltrieb gastiert in Wiebelskirchen.

Theater in Wiebelskirchen : Hallo, ihr Opfer

Der Theaterverein Spieltrieb Waldmohr präsentierte seine Eigenproduktion „#vollamok – das Musical“.

„Braucht man das?“ „Ja, viele schon.“ Die Rede ist von dem Papiertaschentuch, das die Besucher beim Reingehen in die Hand gedrückt bekommen. Dabei mag der eine oder andere vielleicht noch milde in sich hinein gelächelt haben. Anderthalb intensive, pausenlose Stunden später dürfte er oder sie bekehrt gewesen sein: Was man da gerade gesehen hat, war stückchenweise wirklich drastisch – und trotzdem nie überzogen, da Lebenswirklichkeit einer ganzen Generation. All die Gewalt, körperlich, verbal oder seelisch; das Drangsalieren, das Schikanieren, Einschüchtern, Nötigen, Unterdrücken, einzeln oder kollektiv.

„#vollamok“ heißt das Theaterstück, das das Jugendensemble des Theaterverein Spieltrieb Waldmohr zweimal im Wibilohaus zeigte. Die Resonanz war nicht schlecht, dennoch hätte man gerade diesem Stück ein volles Haus gewünscht. Schlicht, fast spartanisch gehalten ist das Bühnenbild: ein paar Bänke, Stühle, eine Leinwand, fertig (und völlig ausreichend) ist die Szenerie im fiktiven Gymnasium am Schlossberg. Zu Beginn trudeln neun Schüler in den Klassensaal, nachsitzen unter Aufsicht zweier Lehrer ist angesagt, man weiß nicht genau, wieso. Ist aber in Kürze eh völlig belanglos. Doch erstmal zieht sich die Zeit wie Kaugummi, für Außenseiterin Lissy genauso wie für ihre Peinigerinnen Tessa und Shanaya, für die coolen Boys wie auch für die Klassenstreberin oder das genervte Aufsichtspersonal. Bis Schüsse im Flur fallen. Panik greift um sich: „Wie ist der Notfallplan für einen Amoklauf?“ „Es gibt keinen.“ Dafür schon wenig später die ersten Kommentare im Internet. „Eh, seht mal, wir sind im Fernsehen“, freut sich jemand mit Blick aufs Smartphone. Eingeblendet werden immer wieder „Liveschaltungen“ mit einer Reporterin vom Ort des Geschehens, aufgenommen an der Bliespromenade. Man verbarrikadiert die Tür, dann heißt es warten. Und sich seinen Dämonen stellen.

„Die Ursprungsidee stammt von mir, alles andere haben wir gemeinsam entwickelt“, berichtet Sibille Sandmayer, Autorin des Stücks und Regisseurin. Als Theaterpädagogin hat sie beruflich täglich mit schwer erziehbaren Jugendlichen und so auch zwangsläufig „jeden Tag mit Mobbing zu tun“. Prävention allein reicht da nicht mehr, ist ihre Erfahrung. „Man muss die Jugendlichen erschrecken und aufwecken, sonst wird es nicht deutlich genug“, begründet sie, warum es der von einer Lehrerin instrumentalisierte Täter im Musical nicht bei Drohgebärden belässt, sondern eiskalt eine Schülerin erschießt.

Der Schluss stand übrigens erst kurz vor der Premiere fest. „Wir haben uns Woche für Woche vorgetastet.“ Je nach individuellem Einsatz wurden die einzelnen Rollen gestaltet – wer viel da war, dessen Part wuchs. „Manche haben aus sich heraus Texte für die Lieder geschrieben.“ Die Erlebnisse, von dem übergriffigen Lehrer über die Gewaltphantasien einzelner Gymnasiasten bis hin zur Top Ten, bei der man reale Personen als mögliche Täter realer Straftaten online votet, stammen sämtlich aus eigenem erleben oder dem persönlichen Umfeld der Nachwuchsschauspieler. Die, zwischen 16 und 23 Jahre alt, sind meist Schüler- bzw. Ex-Schüler: Fünf der Darsteller verlassen jetzt nach dem Abitur die Gruppe. Was weitere potentielle Aufführungen torpediert.

Dabei wäre „#vollamok“ ein Stück, das jede Schule dringend braucht – jede Realschule, jedes Gymnasium, jede Berufsschule. Immerhin: Das Jugendensemble hat sich damit für mehrere Theaterpreise beworben und Sibille Sandmayer und Komponistin Jennie Kloos wollen das Musical auch in einem Verlag veröffentlichen. Zufrieden sein kann das Team aber schon jetzt: Es hat eine großartige Ensembleleistung gezeigt mit bewegenden, intensiven Darstellungen der einzelnen Charaktere. Die Musik war stimmig, immer passend und überraschend professionell interpretiert. Am aller zufriedensten aber ist Sibille Sandmeyer: „Zu mir kamen Leute unter Tränen, entweder um zu sagen, wie toll es war oder aber: Das schaue ich mir nie wieder an.“ Vielen fehlten auch ganz die Worte. Denn das hier muss sich erstmal setzen.

Das Stück wird am heutigen Freitag, 19. September, 20 Uhr, in Bexbach in der  Freien Waldorfschule aufgeführt.

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