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Thea Dorn eröffnet in der Gebläsehalle das Literaturfestival „erLesen“

Erlesen : „Uns fehlt es an Seelenmuskulatur“

Thea Dorn eröffnet mit ihrem Pandemie-reflektierenden Buch „Trost. Briefe an Max“ in der Gebläsehalle das dritte saarländische Literaturfestival „erLesen“.

Tränen. Damit hatte man bei dieser langersehnten „erLesen“-Auftaktsveranstaltung vielleicht am wenigsten gerechnet. Und doch saß Thea Dorn in ihrem roten Ohrensessel und wischte sich halb lächelnd, halb ergriffen das Wasser aus den Augenwinkeln. Eigentlich hasse sie dieses Einfordern und Zelebrieren von Emotionen, etwa wenn Sportler nach ihrem kräftezehrenden Sieg zu einem Statement genötigt werden. Aber just hier, in diesem Moment, sei es ein sehr starkes Gefühl, nach anderthalb Jahren endlich wieder vor einem Live-Publikum lesen zu dürfen. „Vielen Dank, dass Sie da sind“, wandte sich die Autorin zu Beginn gerührt an die Zuschauer – und knapp zwei Stunden später noch einmal. Es sei „eine schöne Schicksalsführung“, die Zwangspause in einem so großen Saal im Beisein so vieler Menschen ausläuten zu dürfen. Wobei die Begeisterung auf Gegenseitigkeit beruhte.

Mit weit ausgebreiteten Armen hatte die Blieskasteler Buchhändlerin Brigitte Gode strahlend die Gäste in der neuen Gebläsehalle und daheim an den Displays willkommen geheißen: „Es ist unbeschreiblich, hier zu stehen und erLesen 2021 eröffnen zu können.“ Nachdem das 2018 vom Landesverband des Börsenvereins des deutschen Buchhandels zusammen mit dem Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes initiierte Literaturfestival im letzten Jahr Corona anheim gefallen war, hatten die Buchhändler nicht lange gehadert, sondern sich einfach stur in die Vorbereitungen der nächsten Ausgabe gestürzt.

Und diesmal von vornherein zweigleisig geplant – real und virtuell, wofür ihnen Ministerin Christine Streichert-Clivot in einer Videobotschaft Lob zollte. Ein Dank ging nicht zuletzt an Hausherrn  und OB Jörg Aumann und die Neunkircher Kulturgesellschaft, „dass wir uns die Halle überhaupt leisten konnten“ (Gode). Danktechnisch hinten runter fielen dafür Anke Birk und ihr „Bücher König“-Team, deren Gastgeberqualitäten unbedingt Erwähnung verdient hätten.

Eine „große Geste“ nannte Moderatorin Tilla Fuchs (SR2 Kultur) die unkomplizierte Zusage Thea Dorns. Zumal es für die prominente Autorin, Kritikerin und Gastgeberin des „Literarischen Quartetts“ die erste Lesung überhaupt im Saarland sei. (Was Dorn selbst als „völlig bekloppten Zufall“ bezeichnete: in 27 Jahren Lesereisen konsequent dieses Bundesland ausgespart zu haben.) Ihr jüngstes, ungemein zeitaktuelles Werk heißt „Trost. Briefe an Max“. Und Trost hat Protagonistin Johanna fürwahr bitter nötig. Die Journalistin, die Essays für eine renommierte Zeitung schreibt, muss hilflos ertragen, wie sich ihre lebenslustige 84-jährige Mutter bei ihrem Italien-Trip mit Covid 19 infiziert und, isoliert und allein, im Krankenhaus stirbt. Nach Wochen bitterster, giftigster Wut und, als Single in der Ausgangssperre, mehr oder weniger allein durchlebter Trauer entspinnt sich aus dieser Tragödie ein Briefwechsel mit ihrem alten Philosophielehrer.

Ihre eigene Geschichte sei dies nicht, verneint Thea Dorn im Dialog mit Tilla Fuchs. „Aber ich kenne Leute, denen das passiert ist. Ich wollte verstehen, was so eine Tragödie mit einem Menschen macht.“ Wobei das Buch durchaus einen autobiographischen Kern aufweise: den Tod der eigenen Mutter vor 13 Jahren. Anno 2020 ist die Dimension eine ungleich gewaltigere: Sterben unter Quarantänebedingungen, was die Liebsten aussperrt, dazu die Unmöglichkeit eines würdevollen Abschieds und schließlich das Wegfallen klassischer Trostmöglichkeiten, wie sie nur menschliche Nähe zeitigt: in den Arm nehmen, sich an einer Schulter ausheulen, gemeinsam Nächte durchquatschen oder -trinken.

Zunächst hält es Johanna ohnehin mit Goethe: Trost ist Verrat. Viel lieber will sie mit den „Hygienehirten“ und „Seuchenrittmeistern“ abrechnen, jemanden zur Verantwortung ziehen. Parallel beginnt die von Stoiker Max praktizierte und in Postkarten-Dosis verabreichte Sokratische Hebammenkunst zu greifen: Nicht selbst Einsichten zu gebären, sondern Geburtshilfe bei anderen zu leisten. Letztlich findet Johanna Trost in der Literatur und der Natur - und Thea Dorn starke Bilder für ihre Botschaft.

 Thea Dorn nahm sich Zeit, um im Anschluss Bücher zu signieren.
Thea Dorn nahm sich Zeit, um im Anschluss Bücher zu signieren. Foto: Anja Kernig

„Uns fehlt es an Seelenmuskulatur“, diagnostiziert die in Berlin lebende Autorin, genau wie eine gesellschaftliche Diskussion über die im Grundgesetz verankerte Würde des Menschen. Es sei sehr zu wünschen, dass wir „nicht zur Tagesordnung übergehen, sondern die Situation zum Anlass nehmen, uns zu fragen, wie wir uns unser Lebensende vorstellen.“ Wollen wir wirklich „ausreizen, was Gerätemedizin hergibt“? Klar sei nur eins: „Glattes, sauberes Verdrängen bringt es nicht, sondern rächt sich hinten rum.“ Wie also gehe ich mit der eigenen Endlichkeit um? Ihre persönliche Strategie taugt in diesem Fall wenig als Rezept und ist dennoch von großem Wert für viele: „Wenn ich keine Antworten auf eine Frage habe, schreibe ich einen Roman.“