SZ-Serie "Ich packe meinen Koffer" Notfallseelsorge im Kreis Neunkirchen

SZ-Serie „Ich packe meinen Koffer“ : Erste Hilfe für die Seele leisten

Urlaubszeit, Reisezeit. Sie kennen das Spiel „Ich packe meinen Koffer und nehme mit“? Die SZ hat sich spannende Koffer öffnen und ihren Einsatz erklären lassen. Teil 6: Die Lilawesten in der Region.

2018 sind die ehrenamtlichen Helfer der Notfallseelsorge im Saarland zu 510 Einsätzen gerufen worden. Rund 120 Köpfe zählen die sechs Gruppen in den fünf Landkreisen sowie im Regionalverband. In der Regionalgruppe Neunkirchen engagieren sich 15 Frauen und Männer. Das berichtet im Gespräch mit unserer Zeitung Bertram Weber, Pfarrer in der evangelischen Kirchengemeinde Neunkirchen. Weber steht seit Januar 2019 an der Spitze des tragenden Vereins. So sperrig dessen Name klingen mag – Notfallseelsorge und Krisenintervention Saarland, Fachdienst für Psychosoziale Notfallbetreuung – kurz PSNV Saarland –, so klar ist sein Auftrag: Erste Hilfe für die Seele leisten.

Sie helfen Opfern, sie helfen Zeugen, sie helfen Angehörigen. Klassische Einsatzfelder sind: Betreuen von Opfern während Rettung und Wartezeiten, an der Unglücksstelle, nach erfolgloser Reanimation, bei dem Tod von Kindern, bei Suizidabsicht, nach Suizid, an einem Tatort, Überbringen von Todesnachrichten mit der Polizei, Unterstützen der Abteilung Opferschutz der Polizei.

„Wir werden über die Leitstelle alarmiert, wenn Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst uns anfordern“, schildert Bertram Weber im Gemeindezentrum Wellesweiler. Die Helfer arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr. Wenn sie Bereitschaft haben und ihr Melder piepst, rufen sie zurück für Erstinformationen. „Wir wissen nie genau, was uns erwartet“, sagt Weber. Fund eines Toten im Wald, könnte ein Szenario sein. „Die Todesnachricht an die Familie überbringen ist Sache der Polizei, wir kommen als Begleitung mit“, sagt Weber. Die Helfer sind geschult. Dennoch, so Weber, heißt es auch für jeden von ihnen die Situation, den Schmerz „aushalten“. „Wir machen das Angebot, darüber zu reden, wir bleiben so lange wie gewünscht.“ Die lila Weste weist sie als Angehörige der Notfallseelsorge aus. Zu den Dingen, die Weber in seinem Einsatz-Rucksack mitnimmt, können zum Beispiel auch Teddy, Buntstifte, Kartenspiel gehören – Dinge, um Kinder anzusprechen, ihnen lange Wartezeiten zu überbrücken. Für Erwachsene hat der Pfarrer auch einen Holzengel im Gepäck, der sich in die Hand schmeichelt: „Zum Festhalten“. In manchem Rucksack sind auch Notfall-Zigaretten zu finden.

Der Verein hilft aber auch den Einsatzkräften von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten. Er macht Angebote für Vor- und Nachsorge. Nachsorge erfordert eine Zusatzqualifikation.

In der Notfallseelsorge und Krisenintervention Saarland kann jeder mitarbeiten, der im Bewerbungsverfahren seine Eignung nachgewiesen hat (www.psnv-saarland.de). Krankenschwester, Gerichtsvollzieher, Pastoralreferent, Pfarrer/Pfarrerin, Gefängnisseelsorger, Arzthelferin, Bibliothekar oder Lehrer zählt Weber als aktuelle Mistreiter auf.

Zur Historie: Im Jahr 1995 gaben die Berufsfeuerwehr Saarbrücken und die katholische Kirche den Anstoß. Die evangelische Kirche schloss sich der Initiative an. Damit war das Fundament für eine ökumenische Notfallseelsorge im Saarland gelegt, wie weiter nachzulesen ist. 2007 wurde diese Arbeit in das neue saarländische Brand- und Katastrophenschutzgesetz aufgenommen.

Jede PSNV-Fachkraft hat eine 160-stündige theoretische und zirka 40-stündige praktische Ausbildung. Sie wird mit einer schriftlichen, einer mündlichen und einer praktischen Prüfung abgeschlossen. Neue Bewerber können sich bis September melden bei Michael Bastian, E-Mail michael.bastian@psnv-saarland.de. Das Mindestalter liegt bei 25 Jahren. Der erfolgreiche Kandidat erhält eine Urkunde, die lila Weste und seinen Melder. So eine Weste kostet 330 Euro. Womit wir beim Geld wären. Vereinsvorsitzende Weber: „Wir haben die Hoffnung auf einen festen Zuschuss durch das Land, auf den man sich verlassen und mit dem man planen kann.“

Die Kreisgruppe Neunkirchen trifft sich einmal im Monat, berichtet Weber. Da werden Fälle aufgearbeitet. Da greift Supervision. Da entstehen Dienstpläne. Da kommen aber auch Gäste wie Psychologen, Vertreter von Polizei, Krankenhaus oder Feuerwehr. Kontakte der Notfallseelsorger zu den Rettern sind wichtig, gerade auch die persönlichen Kontakte: „Da bekommt der Helfer ein Gesicht.“

Alle Teile unserer Serie lesen Sie unter: www.saarbruecker-zeitung.de/koffer-im-einsatz

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