| 21:55 Uhr

Literaturtage
Spontane Vertretung im Lesetempel

Neunkirchen. Josefine Rieks las aus ihrem Erstling „Serverland“ im Rahmen der Literaturtage. Von Anja Kernig

Nein, das ist definitiv nicht die Leky. Wuschelmähnig und mit einem wahrscheinlich ultra hippen, leicht getönten Brillenmonster auf der Nase, wirkt die zarte junge Frau seltsam verkleidet. Man könnte fast meinen, das sei dieser etwas unvorteilhaften Situation geschuldet: als zwar von Kritikern hochgelobte, aber noch weitgehend unbekannte Debütantin eine Bestsellerautorin vertreten zu dürfen. Die nämlich musste just an diesem Tag „in die Röhre“, hört man es an den Stehtischen in der trotz Planänderung voll besetzten Buchhandlung raunen. Näheres „verzählt“ Gastgeberin Anke Birk: An Gründonnerstag hatte Mariana Leky abgesagt. Ein Bandscheibenvorfall brachte sämtliche Lesereise-Ambitionen abrupt zum Erliegen. Weshalb die „erLesen!“-Literaturtage im Saarland nun leider ohne die „Was man von hier aus sehen kann“-Schöpferin stattfinden.


Toll, dass Josefine Rieks so spontan einspringen und mal eben aus Berlin anreisen konnte. Was nicht nur das aufgeräumte wie auch gastfreundliche Bücher-König-Team freute. Spannend war der Abend allemal, weil thematisch völlig konträr. Statt des herzigen Westerwald-Märchens konfrontiert „Serverland“ mit einer recht nüchternen, seltsam farblosen Ja-was-eigentlich – „weder Utopie noch Dystopie“, wie sich Rieks später gegen derartige Deutungsversuche innerhalb der Branche wehrt. „Man muss einer fiktiven Geschichte kein Label aufdrücken.“

Dem Buch und seiner Autorin hätte man sich ein paar Nerds und technik-affine Zuhörer gewünscht. Jedenfalls bis zu dem Moment, an dem die 29-jährige Autorin lächelnd verrät, dass die nach Fach-Latein klingenden Details im Buch lediglich „Bluffs“ sind. „Da steht kein akademisches Wissen dahinter.“ Letztlich waren 90 Prozent der Anwesenden weiblich und jenseits des Alters, in dem man Smartphones und soziale Netzwerke als lebensnotwendig erachtet – aber trotzdem sehr bemüht, der Geschichte zu folgen, die einen in eine seltsam bekannte Zukunft führt. Diese unterscheidet im Wesentlichen nichts von den 80er Jahren des letzten Jahrtausends. Bis auf den kleinen-feinen Umstand, dass es das Internet mal gegeben hat. Warum es abgeschafft wurde – wohl nach einer Art Volksentscheid – muss man nicht wissen.



Was Rieks dagegen selbst gerne wissen würde, ist, ob „wir an irgendwas glauben, wenn wir das Internet benutzen“. Die Jugendlichen in ihrem Buch jedenfalls träumen von einer Vernetzung aller Menschen und vom unbegrenzten Datenaustausch. Und bis das noch mal neu erfunden wird, „retten“ sie Youtube-Videos von alten, stillgelegten Servern und verschicken selbst gebrannte Videos per Post – ein Versuch, virtuelle Verknüpfung durch analoge zu ersetzen, was rührend kindlich wirkt. Die Besucher honorierten die Parallelen zur aktuellen Datensicherheits-Debatte. Und wer weiß, vielleicht bewegen wir uns ja gerade auf die von Josefine Rieks erfundene Zukunft zu, orakelte eine begeisterte Leserin. In der Zwischenzeit konnte, wer wollte, den Abend mit einem Bier ausklingen lassen. Das nämlich gab es diesmal ausnahmsweise alternativ zum obligatorischen Wein – als Remineszenz an „Serverland“, in dem Sechserpacks keine unwesentliche Rolle spielen.