„Siegesgeheul“ der Nazis hat Zeitzeuge noch heute im Ohr

„Siegesgeheul“ der Nazis hat Zeitzeuge noch heute im Ohr

Die Nazi-Diktatur darf nicht vergessen werden. Das war auch jüngst im Neunkircher Kreistag in der Bürgersprechstunde zu hören. Einer, der sich dafür auch im hohen Alter noch mit deutlichen Worten einsetzen möchte, ist der in Kanada lebende gebürtige Neunkircher Klaus Bohr. Der Ex-Diplomat hat im Vorfeld des Jahrestages der Pogromnacht einige Erinnerungen beigetragen (die SZ berichtete). Und in diesem Zusammenhang die seiner Meinung nach schlechte Aufarbeitung der dunklen Zeit im Saarland und auch in Neunkirchen beklagt. Wobei Bohr eine missverständliche Passage des SZ-Berichts klarstellen will: Der ehemalige saarländische Ministerpräsident Franz-Josef Röder gehörte zwar der NS-Formation Nationalsozialistischer Kraftfahrkorps (NSKK) an, er sei aber in der Pogromnacht sicher nicht in Neunkirchen gewesen.

Den Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung selbst hat Bohr als Kind in Neunkirchen miterlebt. Bilder wie das Zerschellen der steinernen Gesetzestafel, von den Nazis vom Giebel der Synagoge gerissen, haben sich ihm eingebrannt: "Als sie auf den Pflastersteinen des Oberen Marktes zerschellte, ging das Gebrüll in ein triumphales Siegesgeheul über. Eine Epoche der Zivilisation war damit in meiner Heimatstadt begraben." Der 89-Jährige will seine Erinnerungen und sein Wissen um die NS-Zeit weitergeben. Das lokale Kommando über die fanatische NSKK-Formation, erzählt er, habe der "stadtbekannte Metzgermeister Boussonville" gehabt. Das Argument, man habe damals ja nicht gewusst, was geschehen würde, lässt der Zeitzeuge nicht gelten. Bohr: "Ganz unvorbereitet konnte die Aktion die Bevölkerung nicht treffen." In der Neunkircher Falkensteinstraße habe damals ein HJ-Stammführer residiert. Vor seiner Tür ein großer gläserner Lesekasten. Darin antisemitische Propaganda. Hunderte Schüler und Erwachsene seien dort täglich vorbeigekommen. Bohr: "Die wenigsten Zeitgenossen wollten damals in der züngelnden Flamme ein Menetekel für die Vernichtung ihrer Stadt im Bombenhagel 1944 sehen."

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