Schalten, halten, helfen

Allein diesen Monat kommen mehr als 300 Flüchtlinge im Kreis Neunkirchen an. Für die meisten ist es ein Neuanfang mit vielen Hürden. Asylbegleiterin Rada Simou-Issa hilft bei Behördengängen und Fragen, die die Neuankömmlinge beschäftigen. Die SZ hat die junge Frau einen Tag lang begleitet.

Hier fängt Mohameds neues Leben an.Foto: Strauß-Zeller. Foto: Strauß-Zeller

Lichthupe. Es ist 9.30 Uhr. Rada Simou-Issa hält an der Steigung vor dem Haupteingang der Caritas in der Hüttenbergstraße. Gut gelaunt ist sie. Ihr modernes, dunkelblaues Kopftuch ist ein Hingucker, doch für große Styling-Aktionen hat die 36-Jährige in der Regel keine Zeit. "Die Schulen sind fast voll. Die Kleinen haben noch Platz, aber bei den Großen wird es schwierig", sagt sie, während sie einen Gang hochschaltet. Gemeint sind die immer knapper werdenden Plätze für Schulanfänger im Kreis Neunkirchen . Immer mehr - vor allem - syrische Kinder im schulpflichtigen Alter wollen von ihrem Recht auf Bildung Gebrauch machen. Rada hilft ihnen dabei. Sie ist seit September Asylbegleiterin im Auftrag der Caritas und kümmert sich um diejenigen, die noch keinen anerkannten Asylantrag haben. "Wir schauen immer, wo es am meisten brennt", sagt die junge Frau.

An diesem Tag "brennt" es bei Mohamed. Früher lebte der 14-jährige Teenager im syrischen Homs, jetzt wohnt er mit seiner Familie seit drei Monaten in Landsweiler. Doch dort ist keine Achterklasse mehr frei. Rada dreht den Autoschlüssel um. Steigt aus, klingelt. Kurz darauf steht Mohameds Mutter auf der Schwelle. "Marhaba, ya Rada. Schlonik?" - "Hallo, Rada. Wie geht es dir?" Mohamed steht schüchtern daneben. Mutter und Sohn sagen nicht viel während der Autofahrt Richtung Anton-Hansen-Schule in Ottweiler. Heute wird Mohamed dort angemeldet. Wenige Tage später wird er die 9 c besuchen.

Es ist ruhig auf dem Gang. Die Mutter wundert sich. "Wo sind die ganzen Kinder? Wo ist der Lärm?" Am Empfang grüßt die Sekretärin. "Ach, hallo, Frau Simou-Issa." Man kennt sie. Hier und an vielen anderen Schulen im Kreis . Mohamed und seine Mutter setzen sich an einen runden Tisch. Gegenüber nimmt ihre Begleiterin Platz, daneben die stellvertretende Schulleiterin. Für die siebte Klasse ist Mohamed zu alt, die neunte Klasse könnte ihn überfordern. "Wie soll er das schaffen? Er fängt doch mitten im Schuljahr an." Die Augen der Mutter klammern sich an Rada fest. "Was ist mit Förderstunden? Wird er von seinen Mitschülern gehänselt? Er hat Angst." Kurz darauf bricht sie in Tränen aus. Rada versucht, zu beruhigen. Dann dolmetscht sie ins Deutsche. Die stellvertretende Schulleiterin versichert: "Mohamed bekommt neben dem regulären Unterricht 14 Deutschstunden pro Woche." Und er wird nicht am regulären Religionsunterricht teilnehmen. So will es die Mutter. Es ist ein ständiges Abwägen.Wie viel Neues darf sein, wie viel Altes muss bleiben? "Die Schulen auf dem Land in Syrien sind sehr schlecht. Es war ein Chaos", erzählt Mohamed von den Zuständen in einem Dorf bei Homs, wo die Familie zunächst Zuflucht suchte.

Das Telefon klingelt. Rada zückt den Terminkalender. "Welchen Tag haben wir heute?" Sie schaut auf die Uhr. Die Mutter dreier Kinder muss während der 14 Stunden, die sie pro Woche als Asylbegleiterin arbeitet, ständig erreichbar sein. Koordinieren, planen, Auto fahren. Sie legt auf und füllt das Anmeldeformular aus.

Die stellvertretende Schulleiterin drückt der Mutter zum Abschied eine Info-Boschüre auf Arabisch in die Hand. Ein schüchternes Nicken. "Wie ist das denn mit der Bus-Fahrkarte?" Ihr Junge muss schließlich bald regelmäßig von Landsweiler nach Ottweiler fahren. "Ich komme am Nachmittag gegen halb 5 vorbei", verspricht Rada. Da hat sie eigentlich Feierabend. "Ich kann sie nicht einfach hängen lassen", sagt sie.

Die junge Frau aus Beirut ist selbst im Jahr 1980 mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen. Sie weiß, wie sich die Familien nach der Ankunft fühlen: "Ich muss mich manchmal zurückhalten, damit nicht auch bei mir die Tränen laufen."

Und wieder sitzen wir im Auto . "Ich glaube, ich nehme die Abkürzung." Rada kennt sich aus. Es muss schnell gehen. Noch ein kurzes Telefonat mit der Stadt Ottweiler. "Ein Termin jagt den anderen", sagt sie und schaltet weiter. "So sehr man sich mit dem Timing bemüht, es klappt nicht immer."

Um 11 Uhr steht das Sozialamt auf dem Programm. Rada holt zwei Familienväter in Ottweiler ab. Kinder winken durch die Glasscheibe. Es ist Donnerstag. Am Montag bezogen sie jeweils die beiden Wohnungen im ersten und zweiten Stock. Vorher lebten sie in der Erstaufnahmestelle in Lebach. Jetzt ist es schon nach 11 Uhr. Rada schüttelt den Kopf. "Das mit der deutschen Pünktlichkeit müssen wir noch üben." 11. 11 Uhr: Los geht es Richtung Martin-Luther-Straße, zum Kreissozialamt Ottweiler. Mahir Al Salim, ein Mann in den Vierzigern, sitzt hinten rechts, der etwas ruhigere IT-Techniker Mudar Sous daneben. Al Salim ist verblüfft: "Wie, der Müll wird nur alle zwei Wochen abgeholt? Wann denn genau?" Für sie ist Rada gemäß arabischer Anredenormen "Um Tarik" ("Mutter von Tarik") oder "Sit Rada" ("Frau Rada"). Während Sous schweigt, streut Al Salim immer wieder Scherze ein. Auch als endlich eine Parklücke in Sicht ist und Rada rückwärts einparken möchte: "Um Tarik, zeigen Sie uns, was Sie drauf haben. Sie haben nur einen Versuch." Gelächter. Dann steigen wir aus. Am Eingang stehen zwei Syrer. Die beiden Familienväter bleiben stehen und grüßen. Das Bild sieht man immer häufiger. Arabische Männer unter sich. Unten im Erdgeschoss überlegt Rada kurz, ob sie eine Wartemarke ziehen soll. Doch dann steigt sie die Treppen hoch. Die Männer folgen ihr. Bekannte Gesichter kommen ihr entgegen. Zweiter Stock. Im Treppenhaus freut sich ein syrisches Ehepaar darüber, sie wiederzusehen. Auf dem Flur wartet der Abteilungsleiter. "Ah, wie schön, dass mal wieder jemand von der Caritas da ist", sagt Udo Zägel halb ironisch. Es klingt, als müsse Rada täglich da sein, um den Bedarf zu decken. "Allein im Dezember erwarten wir im Kreis mehr als 300 Personen", sagt er und verabschiedet sich kurz darauf. Dann muss sich Rada konzentrieren. Erste Tür ganz links. Hier erhalten die beiden Väter den Geldscheck, den sie für die kommenden Wochen benötigen. Die Sachbearbeiterin grüßt freundlich. Al Salim zuerst. "Wo ist das nächste Krankenhaus? Gibt es eine zentrale Taxi-Nummer für den Nofall?" Seine Frau ist im siebten Monat schwanger. "Hamil" auf Arabisch. Er wiederholt es immer wieder. "Wie heißt die Frauenärztin?" Rada erklärt ihm ruhig, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht. In Notfällen könne seine Frau immer zum Arzt. Auch ohne Bescheinigung vom Amt. Dann ein Informationsblatt auf Arabisch. Zum Schluss Radas Bitte: "Und jetzt alles ordentlich zusammenheften." Ihr Blick verrät: Das hat bisher nicht immer geklappt. "Um Tarik, für Sie würde ich sogar mein Ess-Verhalten protokollieren." Beide lachen. Dann verfällt er für einen kurzen Augenblick in Wehmut. "Wir hatten in Syrien ein wunderbares Leben. Wäre der Krieg bloß nicht ausgebrochen." Dann betritt Sous den Raum, Al Salim wartet im Flur. "Sind die Krankenscheine von Lebach ungültig?" Ja, das sind sie jetzt, erklärt ihm seine Helferin. Ein paar Unterschriften. Hier der Scheck. Jetzt geht alles sehr schnell. Es ist geschafft.

Zurück im Auto . Die Sonne scheint. Viele Fragen bleiben. Vor allem bei Al Salim: "Kann ich alleine ein Konto eröffnen?" Rada schüttelt den Kopf. "Wissen Sie, wir brauchen das Konto unbedingt, sonst können wir kein Internet nutzen. Die Kinder langweilen sich zu Tode."

Jetzt warten sie zu Hause auf uns, oben im zweiten Stock. Kurz bevor wir hochgehen, zeigt er auf den Briefkasten vor seiner Haustür: "Da sollte ich meinen Namen draufschreiben, oder?" Rada nickt. Sie wirkt müde. Im ersten Stock verabschiedet sich Mudar Sous. Dann stellt Al Salim seine Familie vor. Eine hübsche junge Frau öffnet die Tür. Dann zieht sie sich ein Kopftuch über. "Ihr trinkt doch noch einen Tee mit uns, oder?" Rada lehnt dankend ab. Sie muss jetzt wieder zurück zu ihrer Familie. "Maasalame". Auf Wiedersehen auf Syrisch. "Yallah, Allah maakun", wünscht Rada. "Allah sei mit euch!" Jetzt sitzt sie wieder am Steuer und lächelt. "Nein, Vollzeit könnte ich das nicht machen."

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