Rückblick auf die "Ära Bauknecht"

Rückblick auf die "Ära Bauknecht"

Neunkirchen. Die vier Jahrzehnte währende "Ära Bauknecht" in Neunkirchen soll nicht in Vergessenheit geraten

Neunkirchen. Die vier Jahrzehnte währende "Ära Bauknecht" in Neunkirchen soll nicht in Vergessenheit geraten. Drei Männer haben den Kampf "bis an die Schmerzgrenze" um den Standort Neunkirchen in einer gut 50-seitigen Broschüre festgehalten und durch eine CD mit Fotodokumenten abgerundet: der Erste Bevollmächtigte der Neunkircher IG Metall Jörg Caspar sowie die beiden früheren Betriebsratsvorsitzenden Manfred Böffel und Stefan Biehl.Und weil das Wellesweiler Werk, das scheinbar unaufhaltsam aufs Aus zudriftete, durch eine "saarländische Lösung" aufgefangen wurde, trägt das von der IG-Metall-Verwaltungsstelle herausgegebene Heft den Titel: "Es geht auch anders!" Untertitel: "Der Kampf um die Zukunft von Bauknecht in Neunkirchen". Wie auch in der SZ ausführlich berichtet, dehnte sich der Automatikgetriebe-Marktführer ZF, dem es in Saarbrücken zu eng wurde, nach Neunkirchen aus und übernahm Infrastruktur und Beschäftigte am Heidenhübel. Eine Win-win-win-Situation: Für die Beschäftigten, für ZF und nicht zuletzt für Whirlpool - der Konzern wurde auf Kosten einer "Mitgift" den Standort Neunkirchen ohne größeren Renommee-Verlust los.

Dies kommt einer Kernforderung der Gewerkschafter entgegen: "Betriebe, die sich zurückziehen, müssen sich an den dadurch entstehenden gesellschaftlichen Kosten beteiligen", so Jörg Caspar bei der Vorstellung der Broschüre. "Es war wichtig, dass alle dieselben Interessen hatten", ergänzt Stefan Biehl, der seit 1994 dem Bauknecht-Betriebsrat angehörte und 2010 dessen letzter Vorsitzender wurde. Beide erinnerten noch einmal an die intensiven Bemühungen von Gewerkschaft und Betriebsrat, nachdem zu erkennen war, dass die Produktion der "Weißen Ware" - zu der auch die in Wellesweiler hergestellten Einbau-Geschirrspüler gehörten - nicht zu halten war. An das Drängen, Optionen zu suchen, dem die Bauknecht-Verantwortlichen schließlich nachgaben. An Überlegungen, den Standort eventuell mit der Produktion von Modulen für Solaranlagen zu retten. Und an die "Rettung" in Form des ZF-Interesses.

Die Aufarbeitung der drei Autoren in Broschüren-Form enthält Daten, Fakten und auch Wertungen. Erinnert wird unter anderem daran, dass die beiden Bauknecht-Brüder den Konkurs ihres Konzerns als zigfache Millionäre überstanden.

Daran, dass es der Anfang vom Ende war, als Whirlpool die Produktion mehr und mehr ins polnische Breslau verlagerte. An die Leidenszeit mit Kurzarbeit und Kündigungen. Aber auch an den Widerstand des "Gallischen Dorfes in Wellesweiler". Auch dank einer hohen Mobilisierung. "Wir würden als IG Metall nicht so wahrgenommen, wenn wir nicht einen so hohen Organisationsgrad, 85 Prozent, hätten", unterstreicht Caspar die Gewerkschafts-Meriten.

Abgedruckt ist auch ein gemeinsamer Brief von IG Metall und fünf großen Haushaltsgeräteherstellern an den damaligen Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), in dem sie vergeblich eine "Abwrackprämie" für Energie fressende alte Kühl- und Gefriergeräte forderten. Ebenso der "Sozialplan drei" und die Regelungen für den Übergang an ZF. Ein Anhang enthält Fotos, Statistiken, Flugblätter, erinnert an Betriebssport und -feste.

Die in einer Auflage von 600 Stück erschienene Broschüre "Es geht auch anders!" ist laut Caspar und Biehl vorwiegend für frühere Bauknecht-Beschäftigte und IG-Metall-Mitglieder gedacht und wird an diese verteilt. Wer aber darüber hinaus Interesse daran hat, kann sich an die Neunkircher IG-Metall-Verwaltungsstelle, Tel. (0 68 21) 2 70 37, wenden.

Auf einen Blick

Im Bauknecht-Werk Wellesweiler wurden von März 1971 bis Oktober 2011 etwas mehr als 18,1 Millionen Geschirrspüler produziert. Nach dem Konkurs des Bauknecht-Konzerns im Jahr 1982 und der vorübergehenden Ära des Gesellschafters Philips, beteiligte sich ab 1989 der amerikanische Whirlpool-Konzern und übernahm 1992 das Neunkircher Werk vollständig. 1991 wurde mit knapp 1300 Mitarbeitern der Beschäftigungs-Höchststand in Wellesweiler erreicht. Danach zeichnete sich ab, dass die "Weiße Ware" von Globalisierungs-Strategien der Konzerne nicht verschont bleibt.

Seit 1971 wurden in Wellesweiler Bauknecht-Geschirrspülmaschinen produziert.

Die Zahl der Beschäftigten in Neunkirchen schrumpfte dann kontinuierlich, allein 500 Kolleginnen und Kollegen wurden - eingebunden in drei zwischen Geschäftsführung, Betriebsrat und Gewerkschaft ausgehandelte Sozialpläne - von 2004 bis 2010 entlassen. Für 288 verbliebene Mitarbeiter bedeutete der Betriebsübergang zum Automobilzulieferer ZF die "Rettung". 240 von ihnen wurden ab Anfang 2012 als ZF-Mitarbeiter übernommen, 48 wurden in den Vorruhestand verabschiedet. gth