Pogrom-Zeitzeuge: Vor Neunkircher Synagoge standen grölende Nazis

Pogrom-Zeitzeuge: Vor Neunkircher Synagoge standen grölende Nazis

Es ist kein gutes Zeugnis, das Klaus Bohr seiner Heimatstadt Neunkirchen und dem Saarland im Zusammenhang mit der NS-Diktatur ausstellt. Der 89 Jahre alte ehemalige Diplomat, gebürtiger Neunkircher, lebt seit vielen Jahren in Toronto, Kanada. Jetzt hat er sich von dort zu Wort gemeldet. Er dürfte einer der letzten Zeitzeugen sein, die die Pogromnacht 1938 in Neunkirchen erlebt haben, sagt der 89-Jährige. Der Pogrom gegen die Juden geschah im Deutschen Reich in der Nacht vom 9. auf den 10. November, an manchen Orten wie in Neunkirchen brannte die Synagoge allerdings erst am Abend des 10. November. Das Nazi-Regime zeigte seine hässliche Fratze in all ihrer Brutalität und Menschenverachtung.

Bohr erzählt davon, wie er am Nachmittag als Elfjähriger mit seinem Vater die Hohlstraße hinaufkam zum Oberen Markt. Er habe eine schweigende Menge vor der Synagoge gesehen und grölende Nazis gehört. Auch die Feuerwehr sei da gewesen, habe aber nur die Dächer der umliegenden Häuser mit Wasser bespritzt. Ein historisches Detail hat der promovierte Philosoph und Soziologe in seiner Erinnerung: Es sei nicht die SA gewesen wie an anderen Orten der Angriffe auf die jüdischen Gottes- und Gemeindehäuser, die damals Feuer legten, sondern die NSKK, das nationalsozialistische Kraftfahrkorps. Bohr mutmaßt, man habe Zweifel gehabt am für die Tat notwendigen Fanatismus der Neunkircher Nazis.

Wie er aus Prozess-Unterlagen des saarländischen Oberlandesgerichtes wisse, seien damals eigens hohe NS-Funktionäre nach Neunkirchen gekommen. Ein prominentes Mitglied dieser Formation sei der ehemalige christdemokratische Landesvater Franz-Josef Röder gewesen, worüber nur wenig bekannt sei. Insgesamt, so Bohr, sei vieles aus dieser Zeit in Neunkirchen und dem Saarland insgesamt nicht aufgearbeitet. Auch dass Neunkirchen vier Jahrzehnte gebraucht habe, um 1978 eine Gedenktafel an dem Ort anzubringen, wo einst die Synagoge stand, bezeichnet er als "sehr unglücklich".

Zu einer Mahnwache morgen, Donnerstag, 10. November, von 16 bis 17.30 Uhr lädt das Neunkircher Forum für Freiheit, Demokratie und Antifaschismus alle Bürgerinnen und Bürger an den Oberen Markt, Synagogenplatz, ein. Neunkirchens Bürgermeister Jörg Aumann und Erika Hügel von der Synagogen-Gemeinde Saar sind vor Ort, so das Forum.

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