Serie Bewahrer der Geschichte Heute In Hoppstädters Haus hat Wellesweiler Geschichte ihren Platz

Wellesweiler · Ohne der Ehrenamtlichen, die viele Stunden ihrer Freizeit dem Studium der Geschichte ihrer Heimat widmen, ginge nachfolgenden Generationen viel verloren. Wir stellen in loser Folge die historischen Vereine vor. Heute: Der Wellesweiler Arbeitskreis für Geschichte, Landeskunde und Volkskultur.

In Hoppstädters Haus hat die Geschichte von Wellesweiler ihren Platz
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In Hoppstädters Haus hat die Geschichte von Wellesweiler ihren Platz

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Foto: Elke Jacobi

Stundenlang kann man sich hier aufhalten. Kann in alten Fotos stöbern, sich in Aufzeichnungen verlieren, durch Bücher blättern oder Landkarten studieren. Oder man kann den Erzählungen von Hans Günther Sachs lauschen. Der ist in der Geschichte seines Heimatortes bewandert wie kein Zweiter. Das Wissen sprudelt nur so aus ihm heraus. Am liebsten würde man sich einkuscheln in einen der Sessel, die so einladend in einem der Zimmer im Erdgeschoss von Hoppstädters Haus stehen, und den vielen Anekdoten über Wellesweiler und seine einstigen Bewohner lauschen. Begleitet nur hin und wieder vom Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges. Denn Hoppstädters Haus, einst Traditionsgaststätte des Ortes, liegt nahe am Bahnhof, direkt gegenüber des einstigen Bahnwärterhäuschens. Es gehört mit Stengelkirche und dem ältesten Haus des Ortes, dem Junkerhaus, sowie der alten Schmiede, zu den Häusern, um die sich der Arbeitskreis für Geschichte, Landeskunde Volkskultur kümmert, die er unterhält, nutzt und um deren Erhalt er sich bemüht.

Rund 150 Vorträge

Am 13. Dezember hat der Arbeitskreis Geburtstag. 31 Jahre wird er dann alt. Und von Anfang an ist es Hans Gunther Sachs, der ihm vorsteht. Vor einem Jahr, zum runden Geburtstag, hat der Vorsitzende nochmal die Geschichte der Entstehung öffentlich gemacht, in zwei Teilen des örtlichen Infoblattes „Neues aus der Dorfmitte“. Die Sorge um den Erhalt der Boden- und Baudenkmäler von Wellesweiler, also neben den eingangs erwähnten Gebäuden auch die Zeugnisse aus der gallo-römischen Besiedlungszeit im Kasbruch und der Fliehburg auf dem Maikesselkopf seien Anlass für die Gründung gewesen. Bereits im Jahr nach der Gründung ging es los mit dem, was der Verein bis heute macht: dem Vortragsprogramm, den Bildvorträgen, Exkursionen und Führungen – vornehmlich durchs Kasbruchtal. Über 150 Vorträge sind es bis heute geworden. „Auf einem guten Level“, sagt Sachs. Die namhaften Referenten sind fast alles Akademiker und Fachleute auf ihrem jeweiligen Gebiet. In diesem Jahr hat sich der Verein coronabedingt auf zwei beschränkt, sonst sind es sechs pro Jahr. Zu sechs Gebieten: Archäologie, Politik, Frauenrechte, NS-Zeit und Verfolgung sowie ein freies Thema. Der nächste findet wieder im April statt. Auch mehrere Publikationen hat der Verein schon herausgegeben, unter anderem das von Professor Alfons Kolling geschriebene Buch „Ein gallo-römisches Quellheiligtum: Kasbruch“. Seit 2016 kommt jährlich ein Kalender, der inzwischen fast schneller verkauft als gedruckt ist.

Großprojekt Alte Schmiede

1994 hat sich der Verein gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft für Landeskunde im historischen Verein für die Saargegend stark gemacht für den Erhalt der Stengelkirche. 2003 hat der Wellesweiler Arbeitskreis mit Hilfe der Aleksandra-Stiftung zur Förderung Westricher Geschichtsforschung den hinteren Teil des Junkerhauses erworben. Hier finden die Vorträge statt, hier trifft man sich zu Versammlungen. Direkt beim Junkerhaus gelegen ist die Alte Schmiede, das bislang größte Projekt des Vereins. Fünf Jahre lang von 2005 bis 2010 wurde die Schmiede umgebaut, Maschinen angekauft. Kosten: Rund 75 000 Euro. Schulklassen informiert man hier über die Schmiedekunst, zum Tag des offenen Denkmals und zum Weihnachtsmarkt ist offen für jedermann.

Angst um Hoppstädters Haus

Hoppstädters Haus in der Rettenstraße konnte der Verein bereits 1999 pachten, auf 30 Jahre. Einiges an Geld musste in die Hand genommen werden, um die Räume für ein Archiv und eine Bibliothek sowie Arbeitsplätze zu schaffen. „So konnte der Verein Belege zur historischen Entwicklung des Dorfes Wellesweiler, seiner Bewohner und deren Erwerbsgrundlage, wie dem Bergbau, der Landwirtschaft und den Ziegeleien zusammentragen und archivieren“, schreibt Sachs. Ein bisschen Bauchweh hat der Vorsitzende vor dem, was nach Auslauf des Pachtvertrages passieren könnte. Denn immer wieder ist die Rombach-Umgehung ein Thema. Und die Umgehungsstraße zur Enlastung des innerörtlichen Verkehrsaufkommen ginge auf Kosten des historischen Gebäudes. „Das würde abgerissen.“ Bei ihrem Besuch in Hoppstädters Haus bekommt die SZ einen Einblick in das, was hier wohlsortiert für Forschungszwecke zur Verfügung steht.

Viele Fotoschätze

Gerne bekommt der Verein Sachspenden von Wellesweiler Bürgern. Und so sieht man gleich, wenn man Hoppstädters Haus betritt, eine Vitrine mit alten Tellern, diesem und jenem historischen Kleinod. Jede Menge Bilderrahmen lehnen aneinandergekuschelt gegen die Wände. Groß aufgehängt ist unter anderem ein Schwarz-Weiß-Foto des Neunkircher Originals Wiham mit seinem Akkordeon. In zwei speziellen Schränken werden Karten aufbewahrt. Da gibt es beispielsweise eine, die zeigt, wo in Neunkirchen, Wellesweiler und Umgebung Bomben fielen. Es gibt riesige Schwarz-Weiß-Fotos vom ehemaligen SZ-Fotografen Willi Hiegel im Auftrag des Arbeitskreises angefertigt: Darunter auch die einzige Aufnahme des Schmelzofens im Landertal. Von diesem größten Raum aus führt Sachs nach links. Hier bollert ein Ölöfen. Darüber hängen drei Fotoposter mit Köpfen ehemaliger Vereinsmitglieder aus Wellesweiler Traditionsvereinen. Die ganze linke Wand des Zimmers ist ein großer Schrank. Gut gefüllt in Ordnern und wohl sortierten Karteikästen findet sich hier die Geschichte des Ortes in Fotos, beispielsweise von Emil Scheidhauer und Horst Molter (die hat der Verein ganz aktuell bekommen). Da gibt es Zeitungsausschnitte und Schuber zu bedeutenden Personen wie dem in Wellesweiler geborenen Tenor Fritz Soot mit Fotos, Heften, Kopien. Jede Menge Nachschlagewerke und ein Computerplatz vorm Fenster mit Blick auf die Gleise zeigt: Hier wird geschafft. Im Computer übrigens gibt es ein so genanntes Findebuch: Über einen Suchbegriff finden Sachs oder die anderen 52 Vereinsmitglieder sofort den Hinweis, wo die Informationen zu bestimmten Personen oder Themen hier im Archiv zu finden sind.

Nachschlagewerke und Einzelschicksale

Zurück durch den großen Empfangsraum, vorbei an einem langen Tisch, einem weiteren gut gefüllten Regal geht es ins gemütlichste Zimmer des Stockwerkes. Zwei Sessel, ein runder Tisch, Regale ringsum. Auch der ehemaligen engagierten Mitglieder wird hier gedacht mit einer kleinen Fotowand. Hier jedenfalls lässt sich gut recherchieren. Das kann nach Rücksprache mit dem Verein jeder, der es für eine bestimmte Arbeit braucht. Einfach nur stöbern allerdings, das geht leider nicht. Wer aber mal hier drin ist, der kann sich nur schwer beherrschen. Neunkircher Adressbücher gibt es beispielsweise, jede Menge geschichtliche Standardliteratur aber auch das Buch über Stumm-Halberg, das seine Tochter finanziert hat, das einzige über ihn. Es gibt Nachschlagewerke über die Fürstenzeit und alles rund um den ehemaligen KZ-Kommandanten, der mit einer Wellesweilerin verheiratet war. Oder über den Spion wider Willen und und und. Sobald sich ein Einzelschicksal auftut, das eng mit Wellesweiler verbunden ist, wird auch gezielt gesucht, wird Literatur zugekauft. Lexika gibt es und Kopien aus Kirchbüchern. Aber auch sorgfältig abgeschriebene Gemeinderatsbeschlussbücher und ein Ortsstatut von 1900.

Vermisstenbildliste

Besonders stolz ist Sachs auf die dunkelblaue Bücherreihe, die gleiche mehrere Regale füllt: Die Vermisstenbildliste des Deutschen Roten Kreuzes. „Das hat sonst niemand im Saarland“, ist sich Sachs sicher. Zurzeit wird auf Grundlage dieser Bücher ein Buch speziell für die Vermissten aus Spiesen-Elversberg zusammengestellt. 1180 Menschen sind das, die im Krieg verschollen sind. Für das Projekt, das dann am Ende als Buch erscheint, muss allerdings die Finanzierung noch gesichert werden. Es ist aber auch ein Beispiel dafür, dass der Wellesweiler Arbeitskreis über den Tellerrand des eigenen Ortes hinausblickt. „Das war auch von Anfang an klar für uns, dass wir uns nicht nur auf Wellesweiler beschränken“, sagt Sachs. Im Namen allerdings, da wird der Ort immer bleiben. Da hatte man sich schon bei der Gründung durchgesetzt, als damals der Verein ein Neunkircher werden sollte. Die Geschichtsforschung lässt sich der Verein auch was kosten. Zu den Investitionen wie beispielsweise die Sanierung der Schmiede am Junkerhaus kommen laufende Kosten. Rund 3500 Euro muss der Verein pro Jahr alleine aufwenden für Strom und Heizung im Junkerhaus. Finanziert wird das durch den Kalenderverkauf und einen kleinen Obolus für Vereinsfremde bei den Vorträgen.

Mittler zwischen den Generationen

Der Vereinsbeitrag ist mit 25 Euro pro Person und Jahr – zweites Familienmitglied die Hälfte – gering. Neue Mitglieder sind sehr willkommen. Vor allem jüngere. Denn der Altersdurchschnitt ist eher hoch. Auch Sachs hat die 60 schon überschritten. „Ich hoffe immer, dass hier mal jemand reinkommt und sagt: Ich übernehme“, lacht er – und weiß doch, dass das so einfach nicht geht, es braucht Zeit, bis man sich in die Materie eingearbeitet hat. Trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf. „Der Wellesweiler Arbeitskreis für Geschichte, Landeskunde und Volkskultur sieht seine Aufgabe darin, Mittler zwischen den Generationen zu sein und etwas von unserer Geschichte für sie zu bewahren. Das ist in über 30 Jahren gut gelungen und sollte daher weiter Bestand haben.“

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