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Ministerpräsident Tobias Hans zu Besuch im Reparaturcafé Neunkirchen

MP im Reparaturcafé Neunkirchen zu Besuch : Helfer, wenn die Maschine müde schwächelt

Corona hin oder her: Das Team des Reparatur-Cafés Neunkirchen hat Großes vor. Das war eines der Themen beim Besuch von Ministerpräsident Tobias Hans, der selbst ein neues Projekt für technikaffine Mädchen aus dem Quartier anstieß.

Die Griechen taumeln. Jedenfalls klingt es so. Irgendwie läuft der Philips Automatic Plattenspieler nicht ganz rund, sodass der in Vinyl gepresste Sirtaki etwas kraftlos vor sich hin leiert. Ministerpräsident Tobias Hans freut sich trotzdem – über den glänzend schwarzen Tonträger genauso wie über das Fachsimpeln mit Experte Bernhard Wecker, der schon manchem Gerät ein zweites Leben bescherte. Vor allem aber über das rundum gelungene, Sinn stiftende Projekt hier im Kommunikationszentrum Bachstraße.

Zweifellos zeigt das Reparaturcafé Neunkirchen seit seiner Gründung im Oktober 2018 eine bemerkenswerte Erfolgsstory. Vereint es doch ehrenamtliches Engagement von aktuell 60 Frauen und Männern mit sozialem und nachhaltigem Handeln, schwärmte Beigeordneter Thomas Hans in seiner Begrüßung. Selbst die Pandemie konnte es nicht stoppen: „Man zog kurzerhand mit dem 3D-Drucker und fast allem Werkzeug in die Wohnung von Cheforganisator Joachim Becker“, um dort Teile für Kopfvisiere, Hilfsmittel zum Türöffnen und Adapter für Base-Caps zu drucken. Ein weiteres Team kümmerte sich um das Nähen von Alltagsmasken. Zudem nimmt man kaputte Haushaltsgeräte an und setzt sie ohne den sonst üblichen Kundenkontakt instand.

Wie die schwächelnde Kaffeemaschine, die der Beigeordnete für seine Schwiegermutter im Gepäck hatte – nach der erfolgreichen Reanimation ihres defekten Waffeleisens beim letzten Mal. Bevor man den Corona-konformen Rundgang durchs Haus antrat, gab es für den MP ein Geschenk. Hans-Joachim Fuchs vom CDU-Stadtverband Neunkirchen, von dem auch die Einladung ausgegangen war, überreichte Hans ein aus Streichhölzern gefertigtes Modell der Neunkircher Straßenbahn. Für Hans emotional nicht ganz ohne: „1978 ging die Straßenbahn, 1978 kam ich“, witzelte der Gast. „Das verfolgt mich.“

Im Erdgeschoss links versuchte Peter Diehl, einen Kaffeeautomaten zu öffnen. Knifflig. Ebenso wie das Dauer-Provisorium hier im KOMM, wo man keine Werkbänke zur Verfügung hat und sämtliches Equipment jedes Mal wieder mitnehmen muss. Da sollte man mal was ändern, erinnerte Diehl an die Baustellen des Leuchtturmprojektes, die es trotz allen Erfolgs natürlich auch gibt. Zum 35-köpfigen Kernteam des Vereins zählt ebenfalls Ahmad Hamoud. Die Leidenschaft des Elektroingenieurs gilt elektrischem Kinderspielzeug. Schnell kam der fünffache Vater, der mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet war, mit dem dreifachen Vater aus Münchwies ins Gespräch. „Was gibt es schöneres, als einem Kind ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern“, schwärmte Hamoud. Einmal mehr, wenn es sich um Mädchen und Jungen aus Familien handelt, die sich nicht sofort etwas Neues kaufen können. Pädagogisch wertvoll sei es außerdem, ergänzte Hans. „Man zeigt ihnen, dass man nicht immer gleich alles wegwerfen muss.“

Im nächsten Raum demonstrierte Johannes Krämer die Herstellung eines Ersatz-Dübels für Fußroller-Lager – aus Nylon! Das Ganze stellte sich als eine für Tobias Hans besonders interessante Premiere heraus. Schließlich konnte die nagelneue Drehmaschine dank eines Projektzuschusses der Staatskanzlei im Rahmen der „Saarland zum Selbermachen 2020“-Initiative angeschafft werden. Krämer hat 47 Jahre als Verwaltungsfachwirt in der Kommunalverwaltung gearbeitet und nutzt nun seinen Ruhestand, um sein geballtes Fachwissen rund um sein Hobby möglichst vielen Mitmenschen zu Gute kommen zu lassen.

Regulär pilgern rund 50 Leute an einem Reparatur-Samstag ins KOMM, um sich helfen zu lassen. Längst haben Joachim Becker und sein Team etliche Stammgäste, was nicht zuletzt den kulinarischen Angeboten geschuldet ist, die immer zwingend dazu gehören. Vom leckeren Käsekuchen probierte der Landesvater indes nichts, lieber nutzte er die Chance, mit möglichst vielen ins Gespräch zu kommen.

Mit großem Interesse folgte er schließlich den Ausführungen bezüglich der Digitalisierung des Ehrenamts. In Online-Workshops geben die Experten ihr Wissen weiter und können dank moderner Technik eine Reparatur etwa von Schaltkreisen gestochen scharf live übertragen. „Das wird uns in die Kooperation mit dem Schwesternverband in Neunkirchen begleiten“, erklärte Becker. Geplant ist „eine Art nie-derschwelliges Angebot mit einem Internet-Café in den Räumen des Schwesternverbandes am Unteren Markt, ganz in der Nähe der Fußgängerzone. Da werden auch die Werkräume mitgenutzt werden können.“

Für Hans der richtige Moment, die digitale Spaltung der Gesellschaft anzusprechen. Ein Herzensanliegen von ihm ist, Mädchen und Frauen spielerisch an das Thema Digitalisierung und Technik heranzuführen – auch in Hinblick auf die Berufswahl. „Da liegt ein unglaubliches Potenzial brach“‘, ist sich der Ministerpräsident sicher. „Die gehen anders ran, wir brauchen Frauen in technischen Berufen.“ Weshalb er dankbar für jede Initiative in dieser Richtung sei. Sprich, einen geschützten Raum zu schaffen, wo sich Mädchen mit Migrationshintergrund „ohne dass ihre fünf Brüder alles kaputt machen“, ausprobieren können. Was bei den hauptamtlichen Begleiter des Reparatur-Cafes, Stadtteilmanager Wolfgang Hrasky und Kreis-Ehrenamtskoordinator Matthias Schilhab, auf offene Ohren stieß.

 Nicht lange bitten ließ sich der Ministerpräsident und löste Ulrike Heckmann an der Nähmaschine ab – aus Jux. Wer ernsthaft Kleidungstücke instandsetzen möchte, bekommt hier Tipps und Unterstützung.
Nicht lange bitten ließ sich der Ministerpräsident und löste Ulrike Heckmann an der Nähmaschine ab – aus Jux. Wer ernsthaft Kleidungstücke instandsetzen möchte, bekommt hier Tipps und Unterstützung. Foto: Anja Kernig

Laut Joachim Becker wird auch darüber nachgedacht, das Angebot des Reparaturcafés durch Workshops zu festen Themen auszuweiten. „Wir wollen mit den benachbarten Schulen überlegen, wie wir die Kinder sensibilisieren können, um die Gedanken der Nachhaltigkeit und Schrottvermeidung bereits dort zu verankern.“ Zudem soll im Quartier eine Art Offene Werkstatt entstehen „als eine Erweiterung unseres Reparaturcafés“. Die Standortfrage wird derzeit geklärt. Damit hat es ganz den Anschein, als ob es sich schon bald wieder lohnt für Tobias Hans, vorbei zu kommen.